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Medizin

Diabetes: Erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizide

Freitag, 1. Dezember 2017

Die Suizidgefahr bei Diabetes steigt im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung besonders bei jüngeren Männern mit Typ-1-Diabetes. /dpa

Berlin – Von 6,5 Millionen Diabetikern leiden schätzungsweise 800.000 Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. „Ärzte erkennen die Depression jedoch nur in 30 bis 40 Prozent der Diabetesfälle“, warnte Bernd Kulzer, Sprecher der Arbeits­gemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) gestern in Berlin. Dabei gebe es schon seit längerer Zeit ein geeignetes Screening-Instrument: den WHO-5-Wohlfühltest. „Die empfohlene jährliche Umsetzung klappt aber nicht besonders gut“, räumt der psychologische Psychotherapeut vom Diabetes­zentrum Mergentheim ein.

Das Auswmaß des Problems der Menschen mit Diabetes, die auch an einer Depression leiden, wird deutlich, wenn man sich das verdoppelte Sterblichkeitsrisiko vor Augen führt. Schuld daran sind in erster Linie Folgeerkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt. Die Betroffenen haben schlechtere Blutzuckerwerte und entwickeln daher auch häufiger gefäßbedingte Folgeerkrankungen etwa an Nieren, Augen und Füßen.

Hochgerechnet auf Deutschland bringen sich täglich mehr als zwei Personen mit Depression und Diabetes um, jährlich über 800 Menschen – eine viel zu hohe Zahl. Bernd Kulzer, Diabetes-Zentrum Mergentheim

Ein weiterer Faktor ist die erhöhte Suizidrate bei depressiven Menschen mit Diabetes im Vergleich zu denjenigen ohne Diabetes. Wie eine aktuelle Studie zeigt, steigt die Suizidgefahr bei Diabetes um 50 Prozent im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, besonders bei jüngeren Männern mit Typ-1-Diabetes. Die höchste Korrelation bestünde bei einer erektilen Dysfunktion, ergänzte Kulzer. „Hochgerechnet auf Deutschland bringen sich täglich mehr als zwei Personen mit Depression und Diabetes um, jährlich über 800 Menschen – eine viel zu hohe Zahl“, erklärt Kulzer.

Auslöser einer begleitenden Depression sind häufig diabetesbezogene Belastungen. „Patienten mit Diabetes müssen jeden Tag Verantwortung für ihre Therapie über­nehmen, ihre Blutzuckerwerte genau im Blick haben, Medikamente dosieren und einnehmen, Rückschläge verarbeiten“, erläutert Kulzer. Dies könne besonders dann sehr stressig und depressionsfördernd sein, wenn neben dem Diabetes noch andere Belastungen im Leben vorhanden sind. Negative Erlebnisse wie Unterzuckerungen, wenig Unterstützung, Folgeerkrankungen oder fehlgeschlagene Diäten tragen ihren Teil dazu bei.

„Depressive Stimmungseinbrüche können eine Diabetesbehandlung erheblich gefähr­den“, warnte Andrea Benecke aus dem Vorstand der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). „Die Patienten sind nicht mehr ausreichend in der Lage, die notwendigen Blutzuckermessungen durchzuführen und sich Insulin zu spritzen.“ In der Konsequenz verschlechtert sich der Langzeitblutzuckerwert HbA1c. Ohne eine psychotherapeutische Behandlung sei dann eine erfolgreiche Diabetestherapie kaum mehr möglich, betonte Benecke.

Alarmsignale für den Diabetologen

„Wenn die Therapie zur Last wird und mehr Energie als bisher kostet, ist das ein Alarmsignal“, erklärt der Psychologe Kulzer. Dann kann unter Umständen professionelle Hilfe notwendig sein. Der Diabetologe sollte auch gewarnt sein, wenn sein Patient über schlechten Schlaf berichtet, sich energielos fühlt oder über Rückenschmerzen klagt.

Weiterbildungsangebote für Psychologen

„Diabetespatienten, die unter depressiven Stimmungen leiden, erhalten seit dem 1. April dieses Jahres schnell einen Termin in der neu eingeführten psychothera­peuti­schen Sprechstunde“, betont BPtK-Vorstand Benecke. „Jeder niedergelassene Psycho­therapeut kann depressiv erkrankte Menschen mit Diabetes behandeln.“ Um die psychosoziale Betreuung von Patienten mit Diabetes und einer begleitenden Depression zu stärken, hat die DDG bereits vor Jahren eine Weiterbildung zum „Fachpsychologen DDG“ ins Leben gerufen. Diese erreicht jedoch vor allem stationär tätige Psychotheraüeuten.

Eine neue Weiterbildung zur „Speziellen Psychotherapie bei Diabetes“ soll die ambulante Versorgung in Zukunft noch verbessern. Diese ist bisher aber nur in Rheinland-Pfalz unter dem Titel Psychodiabetologen zugänglich. Laut Kulzer gibt es bereits Initiativen der Landespsychotherapeutenkammern in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen die neue Weiterbildung einzuführen. 

Neue Weiterbildung „Psychotherapie bei Diabetes“ für Psychotherapeuten

Mainz/Berlin – Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hat die Muster-Weiter­bildungs­ordnung (MWO) für Psychologische Psychotherapeuten erweitert und ermöglicht nun den Länderkammern eine Weiterbildung „Psychotherapie bei Diabetes“ anzubieten. Beschlossen wurde die Erweiterung der MWO vom 30. Deutschen Psychotherapeutentag im Mai. Da die Stoffwechselerkrankung Diabetes (...)

Ressourcen stärken, negative Muster bearbeiten

Im Zuge einer Psychotherapie stärken die Experten unter anderem die Ressourcen der Diabetespatienten, ermöglichen Erfolgserlebnisse oder finden tiefer liegende negative Muster, die der Diabetesbehandlung im Wege stehen und bearbeitet werden müssen. „Ziel einer Therapie ist eine gefestigte psychische Verfassung, die eine Rückkehr zu einem verlässlichen Selbstmanagement des Diabetes ermöglicht, was sich wiederum in einem stabilen HbA1c-Wert ausdrückt“, erläutert Benecke. © gie/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 3. Dezember 2017, 18:38

Im Gegenteil!

Es sind die Depressionen selbst, gar nicht so selten deren krankheitsspezifische Pharmakotherapie, die zu Fehlernährung, Passivität, bio-psycho-sozialem Rückzug, metabolischem Syndrom, Adipositas, Bewegungsmangel, Hypertonie, Arteriosklerose, Typ-2-Diabetes, KHK, Schlaganfall und zu allgemeiner/krankheitsspezifisch erhöhter Morbiditäts- bzw. Mortalitätslast oder Suizidalität führen.

Die etablierte Psychiatrie-Forschung weigert sich in diesem Zusammenhang im Gegensatz zu allen anderen therapeutischen Fachdisziplinen seit Jahrzehnten, harte Endpunktstudien mit allgemeiner und krankheitsspezifischer Morbidität-, Co-Morbidität bzw. Letalität vorzulegen und diese kritisch zu interpretieren.

Eine gut geführte haus- und fachärztliche Versorgung, Betreuung und Begleitung, insbesondere nach diabetologischen DMP-Standards, kann in vielen Fällen ein mögliches krankheitsspezifisches Abgleiten in eine reaktive Depression verhindern. Indem durch eine breite Palette oraler und parenteraler Antidiabetika erfolgreiche Bewältigungsstrategien („coping“), Teilhabeverbesserung in bio-psycho-sozial-sexueller Hinsicht, ein positives Lebensgefühl, eine Akzeptanz notwendiger flankierender Maßnahmen und eine weitgehende Depressions-Resistenz herbeigeführt werden können.

Die klassischen „endogenen Depressionen“ sind dagegen aus meiner langjährigen hausärztlichen Praxis seit 1992 als diabetogene Hochrisiko-Faktoren einzuschätzen. Dass Typ-1- und Typ-2- Diabetes mellitus vice versa direkt oder krankheitsspezifisch Depressionen mit induzieren könnten, ist pathophysiologisch und nosologisch nicht zu erklären.

M.E. ist das ein empirisch unbelegtes Ammenmärchen aus dem vorigen Jahrhundert, wo man auch noch glaubte, wenn an den Krebs erstmal „Luft“ dran gekommen ist, wäre die Tumorprogression nicht mehr aufzuhalten?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
simplicissimus500
am Samstag, 2. Dezember 2017, 00:54

Meine Empfehlung: EKT mit Here Folkerts in Wilhelmshaven

Was soll das ganze "herumdoktern", wo es doch das beste aller Mittel gibt: Die EKT - Elektro-Konvulsions-Therapie. Früher auch Elektroschock genannt. Jetzt ist die Sinuskurve eckig geheiligt. Dass da ein ganzer Haufen Gehirnzellen weggebrannt werden, ist (laut Folkerts at all) der reine Segen, können sie so doch wieder neu gebildet werden. Etwas Gedächtnisverlust und Kopfschmerzen, was solls? Leicht verblödet, aber glücklich, ist die Devise von Folkerts und seiner hilfreichen Mitstreiter. Glücklich vor allem die, die die EKT anwenden. Bevorzugt werden Privatpatienten. Da kommt mehr bei herum. Und wenn da mal ein Gehirn etwas mehr Abbekommt (Die Regel sind 400 Volt bei knapp einem Ampere) dann kann dabei schon mal ein blutunterlaufenes Auge bei herauskommen - vielleicht auch eine (vorübergehende) Inkontinenz. Also: Ab in die Windel mit dem Depressiven. Immerhin macht er ja in aller Glückseligkeit in selbige. Bitte schaut Euch doch mal die Visite-Sendung des NDR an. Die Stichwortgeberin bereitet Fokerts freie Bahn für die Kasse (nein, der hat dafür nichts bezahlt, das sieht nur so aus. Und es ist ja nur "ein ganz kleiner Strom, wenn ich das mal so sagen darf", mit schief gelegtem Kopf. Dass der Proband dabei ein Mundstück braucht, um Zähne und Zunge zu schonen, übersieht man geflissentlich genauso, wie das verzerrte Gesicht des Patienten während des Schlags ins Gehirn. Übers Herz geleitet, würde der "ganz kleine Strom" übrigens den Exitus letalis bedeuten, aber das Gehirn macht es mit. Also, ab zur EKT mit den Depressiven.

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