NewsMedizinHIV-Resistenzen bei Therapiebeginn nehmen in ärmeren Ländern zu
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

HIV-Resistenzen bei Therapiebeginn nehmen in ärmeren Ländern zu

Sonntag, 3. Dezember 2017

/dpa

London – Immer mehr Menschen in Subsahara-Afrika, aber auch in Asien und Lateinamerika sind bereits zu Therapiebeginn mit HI-Viren infiziert, die gegen einen Wirkstoff der empfohlenen Ersttherapie resistent sind. Dies zeigt eine Studie in Lancet Infectious Diseases (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(17)30702-8), die eine Änderung der Behandlungsstrategien erforderlich machen könnte.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfiehlt, die HIV-Therapie mit einem nicht-nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTI) in Kombination mit zwei nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI) zu beginnen. Die Therapie führt in der Regel zu einer effektiven Suppression der Virusreplikation – solange keine Resistenzen vorliegen. 

Normalerweise entstehen Resistenzen erst im Verlauf der Therapie. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass die Patienten bei vorbehandelten Patienten mit resistenten Viren anstecken. Eine weitere offenbar gar nicht so seltene Möglichkeit ist, dass die Patien­ten vor Therapiebeginn bereits mit den Wirkstoffen behandelt wurden. Dies kann bei der Prävention einer Mutter-Kind-Übertragung der Fall sein, oder aber die Patienten haben eine frühere Therapie abgebrochen. 

Ein Team um Ravindra Gupta vom University College London hat die Entwicklung der Primärresistenzen jetzt in einer Meta-Regressions-Analyse ausgewertet, die Daten zu 56.044 Erwachsenen aus 63 Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen berück­sichtigt, die in den Jahren 1996 bis 2016 mit der Erstlinientherapie begonnen hatten.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. Während in den höher entwickelten Ländern Resis­tenzen bei Therapiebeginn immer seltener werden, haben sie vor allem in Afrika südliche der Sahara zugenommen. Dies gilt vor allem für NNRTI-Resistenzen. Gupta ermittelt für Ostafrika eine jährliche Zunahme um 29 Prozent. Im südlichen Afrika steigt die Häufigkeit jährlich um 23 Prozent. Dort ist es allein zwischen 2015 und 2016 zu einem absoluten Anstieg um 1,8 Prozentpunkte gekommen. Auch in Lateinamerika und der Karibik hat die Zahl der Resistenzen bei der Ersttherapie zugenommen. Deutlich niedriger war der Anstieg mit 11 Prozent pro Jahr in Asien.

Im südlichen Afrika sind derzeit 11,1 Prozent der Patienten bei Therapiebeginn mit NNRTI-resistenten HI-Viren infiziert. In Ostafrika beträgt der Anteil 10,1 Prozent, in West- und Zentralafrika 7,2 Prozent, in Lateinamerika 9,4 Prozent.

Viele Länder haben damit die 10-Prozent-Grenze überschritten, ab der die WHO einen Wechsel der Ersttherapie empfiehlt. Dies würde allerdings den Verzicht auf kosten­günstige Wirkstoffe bedeuten. Alternativ müssten in den Ländern vor Beginn der Behandlung Resistenztests durchgeführt werden, was ebenfalls die Kosten erhöht und wofür in vielen Regionen derzeit die Voraussetzungen fehlen. 

Sollte nichts geschehen, dann könnte es infolge eines zunehmenden Therapie­versa­gens in den Jahren bis 2030 allein in Subsahara-Afrika zu 890.000 weiteren AIDS-Todesfällen und 450.000 weiteren Infektionen kommen, warnt Gupta.

Der WHO ist das Problem bewusst. Es war Gegenstand eines im Sommer veröffent­lichten „HIV Resistance“-Reports. Nach Auskunft der WHO leben weltweit derzeit 36,7 Millionen Menschen mit HIV. Von diesen haben 2016 etwa 19,5 Millionen Menschen eine antiretrovirale Therapie erhalten. Der Mehrheit dieser Menschen gehe es gut, und die empfohlene Behandlung erweise sich als sehr wirksam, heißt es seitens der WHO. Es gebe aber eine wachsende Zahl von Patienten, die unter den Folgen von Medikamentenresistenzen zu leiden haben, hieß es in dem Report. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

12. Juni 2018
Sydney – Seit Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), in Australien Medikamente zur Präexpositionsprophylaxe (PrEP) auf Rezept erhalten, ist die Zahl der HIV-Infektionen gesunken. Die günstige Abgabe
HIV: Präexpositionsprophylaxe verführt zum Verzicht auf Kondome
11. Juni 2018
Saarbrücken – HIV-Patienten stehen mehr als 20 Wirkstoffe zur Verfügung, die Ärzte in verschiedenen Kombinationen in der Therapie einsetzen. Welche der mehr als 1.000 Variationen bei welchem Patienten
„Die Forderung nach transparenten Algorithmen kann ihre Vorhersagekraft schwächen.“
8. Juni 2018
Berlin – In Deutschland sollen ab Herbst HIV-Selbsttests für zu Hause möglich sein. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) bereitet eine entsprechende Änderung der Medizinprodukteabgabeverordnung
HIV-Selbsttest soll frei zugänglich werden
8. Juni 2018
Berlin – Immer mehr gesunde Menschen in Deutschland nehmen einer Untersuchung zufolge Medikamente zum Schutz vor einer möglichen HIV-Infektion. Aktuell griffen in Deutschland rund 4.500 vor allem
Prä-Expositions-Prophylaxe wird häufiger genutzt
28. Mai 2018
Zürich – Die HIV-Präventionspolitik der Schweiz bei intravenös drogenkonsumierenden Menschen ist außerordentlich erfolgreich. Das zeigt eine Analyse des Universitätsspital Zürich und der
Schweizer HIV-Präventionspolitik wirkt
23. Mai 2018
London/Silver Spring – HIV-infizierte Frauen sollen nur dann mit dem Integrase-Inhibitor Dolutegravir behandelt werden, wenn sie eine sichere Kontrazeption betreiben. Dazu haben die
EMA und FDA: Dolutegravir bei Kinderwunsch kontraindiziert
17. Mai 2018
Wien – In Österreich darf von Juni an ein HIV-Selbsttest in Apotheken gekauft werden. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium bestätigte heute einen entsprechenden Bericht der Salzburger Nachrichten. Ein
NEWSLETTER