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Medizin

Gewichtsmanagement in Hausarztpraxis kuriert fast jeden zweiten Typ-2-Diabetes

Mittwoch, 6. Dezember 2017

/Rostislav Sedlacek, stock.adobe.com

Newcastle upon Tyne – Ein Typ-2-Diabetes muss kein lebenslanges Schicksal sein. Eine „Heilung“ ist auch ohne Operation möglich: Fast die Hälfte aller Typ-2-Diabetiker, die an einem radikalen Gewichtsmanagement in britischen Hausarztpraxen teilnahmen, hatten nach einem Jahr auch ohne Medikamente einen normalen Blutzucker und häufig auch normale Blutdruckwerte. Die Erfolgsrate war laut der Publikation im Lancet (2017; doi: 10.1016/ S0140-6736(17)33102-1) proportional zur Gewichtsabnahme. 

Die Erfolge der bariatrischen Operation, die durch Magenverkleinerung oder Darmbypass einen Typ-2-Diabetes innerhalb weniger Wochen zur Ausheilung bringt, belegen, dass ein Typ-2-Diabetes kein unveränderliches Schicksal sein muss. Der Erfolg der Behandlung beruht nach Ansicht des britischen Forschers Roy Taylor, Universität Newcastle, darauf, dass sie innerhalb kurzer Zeit die Verfettung von Leber und Pankreas beseitigt, die nach der „Twin Cycle“-Hypothese“ von Taylor den Kern des Problems bildet. 

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Taylor hat jetzt eine Diät namens „Counterweight-Plus“ entworfen, die die Operation vermeiden soll. Im „Diabetes Remission Clinical Trial“ (DiRECT) wurde sie in den letzten Jahren an britischen Hausarztpraxen getestet. An der Studie nahmen 298 über­gewichtige Erwachsene im Alter von 20 bis 65 Jahren teil, die an 49 Praxen in Schottland und Tyneside betreut wurden. Eine wichtige Bedingung war, dass die Diagnose des Typ-2-Diabetes nicht länger als 6 Jahre zurück lag. Im späteren Stadium ist der Typ-2-Diabetes nicht mehr reversibel. Die Betazellen sind dann geschädigt, weil sie über Jahre vermehrt Insulin produzieren mussten, um die Insulinresistenz zu kompensieren.

Die Praxen wurden nach dem Zufallsprinzip entweder dem „Counterweight-Plus“-Gewichtsmanagement oder einer Kontrollgruppe zugewiesen. Das „Counterweight-Plus“-Gewichtsmanagement wurde von Diätassistenten oder von geschulten Arzt­helferinnen durchgeführt. 

Für die ersten 3 Monate mussten die Teilnehmer komplett auf konventionelle Mahl­zeiten verzichten. Sie wurden einzig mit Nährstofflösungen ernährt. Die Kalorienzufuhr war auf 825–853 kcal am Tage beschränkt (bestehend aus 59 Prozent Kohlenhydraten, 13 Prozent Fett, 26 Prozent Protein und 2 Prozent Fasern). Es folgte über 2 bis 8 Wo­chen eine strukturierte Wiedereinführung von Nahrungsmitteln (50 Prozent Kohlen­hydrate, 35 Prozent Gesamtfett und 15 Prozent Protein). Danach sollten die Patienten die Diät in Eigenregie fortsetzen mit monatlichen Terminen zur Diätberatung. Während der gesamten Studiendauer wurden die Teilnehmer psychologisch betreut und zu einer vermehrten körperlichen Aktivität animiert. 

Das Ziel war eine Reduktion des Körpergewichts um 15 kg oder mehr und die Remis­sion eines Diabetes. Die Remission war definiert als ein HbA1c-Wert von unter 6,5 Prozent nach 12 Monaten ohne Einnahme von blutzuckersenkenden Medikamenten.

Die Medikamente setzten die Patienten bereits am ersten Tag der Diät ab und zwar neben den oralen Antidiabetika auch alle Hochdruckmedikamente, da die Diät in der Regel auch zu einem Sinken des Blutdrucks führt. 

Wie das Team um Taylor jetzt mitteilt, brachen 21 Patienten das Programm zur Gewichts­reduktion vorzeitig ab. Dies geschah laut Taylor hauptsächlich aus privaten Gründen (beispielsweise wegen eines Trauerfalls, eines Arbeitsplatzwechsels/verlusts oder wegen Umzug). 128 von 149 Teilnehmern (86 Prozent) der Gewichts­kontrollgruppe und 147 von 149 Teilnehmern (99 Prozent) der Kontrollgruppe nahmen an der Abschlussuntersuchung nach zwölf Monaten teil. Bei den anderen wurde im Sinn einer „Intention to Treat“-Analyse angenommen, dass sie keine Remission erreicht hatten.

36 Teilnehmer (24 Prozent) der Interventionsgruppe, aber keiner der Kontroll­gruppe, erreichten eine Gewichtsreduktion um 15 kg oder mehr. Bei 68 Teilnehmern der Interventionsgruppe (46 Prozent) und sechs Teilnehmern (4 Prozent) der Kontrollgruppe kam es zu einer Diabetesremission. Die Odds Ratio betrug 19,7 und war mit einen 95-Prozent-Konfidenzintervall von 7,8 bis 49,8 statistisch hochsignifi­kant. Die Intervention war damit 20-mal erfolgreicher als die normal hausärztliche Betreuung.

Der Erfolg war (in beiden Gruppen) proportional zur Gewichtsabnahme: Keiner der 76 Teilnehmer, die an Gewicht zugelegt hatten, erzielte eine Remission des Diabetes. Bei einer Gewichtsreduktion von 0 bis 5 kg waren 6 von 89 Teilnehmern (7 Prozent) erfolgreich, bei einer Gewichtsreduktion von 5 bis 10 kg waren es 19 von 56 Teilneh­mern (34 Prozent), bei einer Gewichtsreduktion von 10 bis 15 kg wurden 16 von 28 Teilnehmern (57 Prozent) und bei einer Gewichtsreduktion von 15 kg oder mehr 31 von 36 Teilnehmern (86 Prozent) von ihrem Typ-2-Diabetes befreit.

Neben dem Blutzucker besserten sich bei den meisten Patienten auch die Triglyzerid­werte. Fast die Hälfte der Teilnehmer konnte am Ende auch auf die Blutdruck­medikamente verzichten. Darüberhinaus war das Gewichtsmanagement mit einer deutlich verbesserten Lebensqualität verbunden, während es in der Kontrollgruppe zu einer leichten Verschlechterung kam.

Die Reduktionsdiät war weitgehend frei von schweren Nebenwirkungen. Nur bei einem Patienten kam es möglicherweise als Folge der Diät zu einer Gallenkolik und zu Bauchschmerzen. Der Patient konnte die Diät jedoch fortsetzen. Andere Teilnehmer klagten über Verstopfung, Kopfschmerzen und Benommenheit. 

Die Teilnehmer sollen jetzt über weitere 3 Jahre beobachtet werden, um herauszu­finden, ob die Gewichtsreduktion von Dauer ist. Für den Editorialisten Matti Uusitupa von der Universität von Ostfinnland in Kuopio, der vor Jahren mit der Finnish Diabetes Prevention Study gezeigt hat, dass eine Diät die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes verhindern kann, zeigt sich von den Ergebnissen beeindruckt. Seiner Ansicht nach sollte jedem Patienten mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes zunächst ein strukturiertes Gewichtsmanagement angeboten werden. Die Erfahrung zeige, dass die Patienten zu diesem Zeitpunkt in der Regel hochmotiviert seien. © rme/aerzteblatt.de

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