NewsPolitikKrankenhäuser haben Lehren aus Keimskandal gezogen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Krankenhäuser haben Lehren aus Keimskandal gezogen

Donnerstag, 7. Dezember 2017

/dpa

Bremen – Die tödliche Infektionswelle auf einer Bremer Frühchenstation schreckte Eltern, Experten und Politiker auf. Wiederholt steckten sich Babys dort mit einem resistenten Darmkeim an. Drei von ihnen starben, mehrere erkrankten schwer. Auch sechs Jahre später ist die Ursache für den Ausbruch noch unbekannt.

In den Bremer Kliniken hat sich nach Angaben des Gesundheitsressorts seitdem viel in Sachen Hygiene getan. Ein Ausbruch dieser Tragweite gab es bisher nicht wieder. „Das zeigt uns auch, dass die Maßnahmen, die wir ergriffen haben und laufend überprüfen, greifen“, sagte Timo Sczuplinski vom Bremer Klinikverbund.

Versäumnisse behoben

Ein Untersuchungsausschuss des Landtages war im Dezember 2012 zu einem vernich­tenden Urteil gekommen. Der Abschlussbericht stellte Versäumnisse auf allen Ebenen fest – vom Reinigungspersonal über die Klinikleitung bis zum Gesundheitsamt – und forderte Nachbesserungen.

Anzeige

Dem seien die Bremer Kliniken nachgekommen, sagte die Sprecherin des Gesundheits­ressorts, Christina Selzer. Inzwischen gibt es regelmäßige Kontrollen des Gesundheits­amtes, strengere Vorschriften, mehr Hygienefachkräfte und mehr Schulungen für Mitarbeiter. Die Kliniken machen bei Patienten auf Intensivstationen oder aus Risikoberufen wie der Kinderbetreuung oder der Landwirtschaft routinemäßig ein Screening – nehmen also einen Abstrich, um diesen auf Erreger zu untersuchen, die auf fast keine Antibiotika mehr ansprechen.

Bewusstsein gewachsen

„Der Keimausbruch hat auch dazu geführt, dass flächendeckend bei den Mitarbeite­rinnen und Mitarbeitern das Bewusstsein für das Thema Hygiene gestiegen ist, was auch der überdurchschnittliche Verbrauch von Desinfektionsmittel bei uns beweist“, sagte Sczuplinski. Nicht nur in Bremen hat die Aufmerksamkeit in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) sieht die deutschen Krankenhäuser insgesamt auf einem guten Weg. „Da ist schon sehr viel passiert“, sagte Vorstand Peter Walger.

Dank verbesserter Hygiene, flächendeckender Screenings und schneller Isolation von betroffenen Patienten taucht der multiresistente MRSA-Keim seinen Angaben nach seltener auf. Dagegen steigt die Zahl resistenter Darmbakterien und anderer gefährlicher Erreger wie Acinetobacter baumannii, der vor zwei Jahren am Kieler Universitätsklinikum 31 Patienten befiel.

Bundesweit infizieren sich nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts jedes Jahr zwischen 400.000 und 600.000 Menschen in Krankenhäusern mit Keimen. 10.000 bis 15.000 sterben daran. Die DGKH geht sogar von einer Million Krankenhausinfektionen jährlich aus. In sechs bis zehn Prozent der Fälle seien resistente Erreger im Spiel, sagte Walger.

Der Experte sieht deshalb noch viel Präventionspotenzial: Die Krankenhäuser müssten nicht nur mehr Fachkräfte für Hygiene, sondern auch mehr Pflegepersonal einstellen. Dieses sei oft überlastet, worunter die Hygiene leide. Es gebe aber auch bauliche Probleme in manchen Häusern, so dass diese zum Beispiel nicht genug Isolations­zimmer hätten. „Wir brauchen mehr Investitionen in den Krankenhäusern“, forderte Walger. Zugleich müssten Ärzte weniger Antibiotika verschreiben, und deren Einsatz in der Tiermast müsse weiter sinken. © dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

17. Juli 2018
Hamburg – Die Hamburger Krankenhausgesellschaft (HKG) hat die hohen hygienischen Standards in Hamburger Kliniken unterstrichen. Damit reagierte sie auf einen Artikel des Hamburger Abendblattes, der
Hygienemängel: Hamburgs Kliniken wehren sich gegen Kritik
10. Juli 2018
Hannover – Aufgrund der Klimaveränderungen dringen mittlerweile Infektionserreger, die noch bis vor wenigen Jahren Tropenkrankheiten auslösten, bis nach Europa vor. Einer dieser tropischen Erreger ist
Gängige Desinfektionsmethoden in der Klinik auch gegen Chikungunya-Virus wirksam
29. Juni 2018
Braunschweig – Wissenschaftler erwarten, dass es es diesem Sommer besonders viele Zecken und damit ein höheres Infektionsrisiko gibt. 2018 werde ein Zeckenjahr, erklärte das Deutsche Zentrum für
Zecken: Experten warnen vor höherem Infektionsrisiko
14. Juni 2018
Baltimore – Die weit verbreitete Impfung gegen Haemophilus influenzae type b (Hib) und die kürzliche Einführung eines Konjugatimpfstoffes gegen Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken) haben seit der
Impfungen gegen Hib und Pneumokokken haben 1,35 Millionen Kindern das Leben gerettet
11. Juni 2018
Berlin – Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat gründliche Hygiene in privaten Gartenpools angemahnt. Besitzer solcher Pools müssten besonders auf die Sauberkeit achten, sagte
Privatpools können Gesundheitsrisiken bergen
7. Juni 2018
Erfurt – Die Thüringer Krankenhäuser erfüllen einem Medienbericht zufolge die Hygieneanforderungen nur unzureichend. Wie der Mitteldeutsche Rundfunk heute berichtete, beschäftigten im vergangenen Jahr
Kliniken in Thüringen beachten Hygieneverordnung unzureichend
1. Juni 2018
Stockholm – In knapp zwei Wochen startet die Fußballweltmeisterschaft, aber anders als vor vier Jahren in Brasilien müssen sich die Besucher in Russland nicht vor tropischen Infektionen wie Dengue,

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Anzeige

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER