NewsÄrzteschaftNein zur Bürgerversicherung, Ja zum Ende der Budgetierung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Nein zur Bürgerversicherung, Ja zum Ende der Budgetierung

Freitag, 8. Dezember 2017

Andreas Gassen, KBV-Vorstandsvorsitzender /Axentis, Lopata

Berlin – Gegen die Einführung einer Bürgerversicherung hat sich heute in Berlin der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen ausgesprochen. Das Gesundheitssystem sei bei den Sondierungen zu einer Regierungskoalition von Union, FDP und Grünen kein zentrales Thema gewesen, sagte Gassen bei der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Aber jetzt, da über eine Neuauflage der Großen Koalition von Union und SPD diskutiert werde, hätten einige die Frage der Bürgerversicherung plötzlich zur entscheidenden Frage stilisiert und als Bedingung formuliert. „Das wundert schon ein wenig, gibt doch die Bürgerversicherung nicht eine einzige Antwort auf die für das Gesundheitswesen wirklich wichtigen Fragen“, kritisierte der KBV-Chef.

Anzeige

Problem für Ärzte

Die von manchen beschworene Zwei-Klassen-Medizin bestehe eigentlich nur bei den Ärzten. Ein angefordertes Honorar von einem Euro bei einem privat krankenversicher­ten Patienten sei ein Euro auf dem Konto des Arztes. Ein Honorar in Höhe von einem Euro in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bedeute dagegen 80 bis 90 Cent auf dem Konto, abhängig von Region und Versorgungsbereich.

„Aus diesem Grund kann ich der Politik nur raten: Finger weg von Experimenten wie der Bürgerversicherung oder einer einheitlichen Gebührenordnung“, warnte Gassen. Das Problem seien nicht verschiedene Versicherungsarten, sondern der Dauerzwangs­rabatt der Ärzte an die Krankenkassen.

Mehr Leistung nur bei mehr Honorar

In diesem Zusammenhang erneuerte Gassen die Forderung der KBV, dass ein Mehr an ambulanten Leistungen ein Mehr an Honorar nach sich ziehen müsse. „Weg mit der Budgetierung“, sagte Gassen unter dem Beifall der rund 60 Mitglieder der Vertreter­versammlung und rechnete ein Beispiel vor.

Ausgehend vom Leistungsbedarf des Jahres 2016 würde dem KBV-Chef zufolge die Ausbudgetierung der fachärztlichen Grundleistungen rund 350 Millionen Euro kosten. Das seien Peanuts angesichts des 19-Milliarden-Euro-Polsters, das die Kassen inzwischen angesammelt hätten. Gespräche der vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass die Politik für diese Position durchaus zugänglich sei.

Kollegen aus der Klinik Alternativen bieten

Als zentrales Thema der nächsten Zeit stehe die Ambulantisierung der Medizin ganz oben auf der Tagesordnung der KBV, erklärte Gassen. Die Diskussionen um überfüllte Notfallambulanzen, die regional ungleiche Verteilung der Ärzte sowie überlange Wartezeiten der Patienten auf Arzttermine bezeichnete er im internationalen Vergleich als Pseudothemen.

Gassen zeigte sich überzeugt, dass sich die Finanznöte der Krankenhäuser, die es durchaus gebe, nicht durch eine Öffnung für die ambulante Versorgung lösen ließen. Vielmehr müsse der ambulante Sektor fit gemacht werden, um freiwerdende Bettenkapazitäten des völlig überdimensionierten Krankenhaussektors aufzufangen und in ambulante und teilstationäre Angebote umzuwandeln.

Keine Einbahnstraße

„Die Kollegen in den Kliniken wollen wir bei dieser Entwicklung unbedingt mitneh­men“, bekräftigte Gassen. „Es gibt keinen Grund, sich um den Job zu sorgen. Arbeit gibt es genug.“ Außerdem müsse deutlich gemacht werden, dass eine belegärztliche Tätigkeit keine Einbahnstraße aus der Praxis in die Klinik sei. So könnten sich Klinik­ärzte beispielsweise mit hälftigem Versorgungssitz an der ambulanten und beleg­ärztlichen Versorgung beteiligen.

Viele Klinikärzte klagten darüber, dass sie therapeutische Entscheidungen zunehmend nach ökonomischen Gesichtspunkten treffen müssten. Hier werde ein enormes Frust­potenzial deutlich. Das sei ein Argument mehr, diesen Kollegen eine Alternative zu bieten.

KBV hat politischen Einfluss zurückgewonnen

Auf das vergangene Jahr blickte Gassen positiv zurück. Die KBV habe sich nicht zuletzt durch die Befriedung innerärztlicher Konflikte und die Aufarbeitung des Immobilien­skandals im Rahmen des Umzugs der Körperschaft von Köln nach Berlin im Jahr 2004 wieder als ernstzunehmender Gesprächspartner der Politik etabliert. „Insofern macht mir das Jahr 2017 Hoffnung, dass wir diese konstruktive Phase auch 2018 fortsetzen und die Dinge gemeinsam und in unserem Sinne bewegen können“, sagte Gassen. © HK/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

27. Dezember 2019
Berlin – Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat die Bietergemeinschaft aus Universitätsklinik Jena, Deutscher Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Deutschem Berufsverband der
Startschuss für Erprobungsstudie zur Tonsillotomie
20. Dezember 2019
Berlin – Liposuktion, biomarkerbasierter Test bei Brustkrebs, Lynparza Krebstherapie, Onkologievereinbarung, Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der
EBM: Startschuss für Liposuktion und biomarkerbasierten Test bei Brustkrebs
19. Dezember 2019
Berlin – Vor Versorgungsdefiziten in den Regionen hat der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gewarnt, wenn das Bundesversicherungsamt (BVA) weiterhin in „unzulässiger
Vertragsärzte warnen vor Versorgungsdefiziten in den Regionen
12. Dezember 2019
Berlin – Die Jahresüberschüsse der Vertragsarztpraxen sind 2017 im Vergleich zum Vorjahr unter Berücksichtigung der Verbraucherpreisentwicklung um 0,7 Prozent gesunken. Das ist ein Ergebnis des
Jahresüberschüsse der Vertragsarztpraxen zuletzt gesunken
11. Dezember 2019
Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband haben sich heute in Berlin auf eine Reform des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) geeinigt. Die Reform, die unter
Einigung bei EBM-Reform
9. Dezember 2019
Berlin – Mit Blick auf die Vergütungsvereinbarungen für 2020 hat die KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung (VV) am vergangenen Freitag in Berlin das Bundesversicherungsamt (BVA) heftig kritisiert. Das BVA übt die
Vertragsärzte üben heftige Kritik an Kassenaufsicht
22. November 2019
Berlin – Die Durchführung der Zystoskopie in urologischen Praxen ist eine zwingende Notwendigkeit. Das betonten heute die Arbeitsgemeinschaft leitende Krankenhausärzte sowie der Vorstand der Deutschen
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER