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Essstörungen: Förderung von Früherkennung, Frühintervention und Forschung gefordert

Freitag, 8. Dezember 2017

/dpa

Berlin – Früherkennung, Frühintervention und Forschung zu Essstörungen müssen dringend verstärkt gefördert werden. Das hat die Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universitätsklinik Aachen, Beate Herpertz-Dahlmann, gefordert.

„Zwischen dem Beginn der Symptomatik einer Anorexia nervosa und der Erstvor­stellung vergehen in Deutschland sechs Monate – das ist im europäischen Vergleich viel zu lang“, erklärte sie heute bei einem Symposium der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin zum Thema Körperwahrnehmung, Selbstoptimierung und Magersucht. Außerdem sei viel zu wenig über die Erkrankung bekannt.

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Psychische Begleiterkrankungen und genetische Disposition

Anorexia nervosa ist eine lebensbedrohliche psychische Erkrankung, die nach Angaben von Herpertz-Dahlmann mit einer sechsfach erhöhten Mortalitätsrate einhergeht. Jedes 100. bis 200. Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren in Deutschland ist betroffen. Die Lebenszeitprävalenz liegt für die 20- bis 40-Jährigen bei 1,2 bis 2,2 Prozent; Frauen erkranken zehn- bis 20-mal so häufig wie Männer. Anorexie ist die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter. Die Aufnahmeraten in die stationäre Behand­lung steigen an.

Die Kinder- und Jugendpsychiaterin wies auch auf die psychischen Begleiterkran­kun­gen von Essstörungen hin: Depression, Angsterkrankungen und Zwangsstörungen. Suchterkrankungen treten zwar bei Bulimie begleitend auf, jedoch nicht bei Anorexie. Für Anorexie gibt es zudem eine genetische Disposition. „Häufig weisen auch die Mutter und weibliche Geschwister Essstörungen auf“, sagte Herpertz-Dahlmann. Das Risiko eine Essstörung zu entwickeln, steige zudem mit zunehmendem Alter des Vaters, wie generell für psychische Erkrankungen.

Voraussetzung für Psychotherapie oftmals nicht mehr gegeben

Die Persönlichkeit von Patienten mit Anorexie sei geprägt von einem Gefühl der Wertlosigkeit, einer zwanghaften Rigidität und einem hohen Verantwortungs­bewusstsein. Warum die Erkrankung meist in der Pubertät auftritt, begründete Herpertz-Dahlmann mit dem veränderten Östrogenstoffwechsel und den allgemeinen Entwicklungsaufgaben in der Pubertät. „Anorexie ist nicht nur eine psychische Erkrankung, sondern auch eine metabolische Störung.“

Die Therapie im stationären Bereich bestehe an der psychiatrischen Klinik in Aachen vor allem aus Ernährungstherapie, Psychoedukation und störungsspezifischer Psycho­therapie. Letztere könne aber erst dann erfolgen, wenn die Patientin auf dem Weg zur Gewichtszunahme sei. „Der Östrogenmangel durch die Anorexie hat Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten – die Voraussetzung für eine Psychotherapie sind oftmals nicht mehr gegeben“, berichtete die Klinikdirektorin.

Auch die Familie der Betroffenen werde in die Therapie einbezogen. Ganz neu sei das Home-Treatment als therapeutisches Element hinzugekommen, auch um ein besseres Verständnis für die Situation im häuslichen Umfeld der Betroffenen zu bekommen. © PB/aerzteblatt.de

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