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Medizin

Tabakerhitzer: Erste Untersuchungen des BfR bestätigen reduzierte Emission

Dienstag, 12. Dezember 2017

Heat-not-burn lautet die neue Strategie, die Philip Morris verfolgt. Anders als bei E-Zigaretten wird kein tabakfreies Liquid sondern ein Tabakstift erhitzt. Die mutagene Wirkung bleibt. /naka, stock.adobe.com

Heidelberg – Seit Oktober 2017 führt das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) eigene Untersuchungen zu den Emissionen von Tabakerhitzern (tabacco heating-systems, THS) durch. Erste Ergebnisse zu Carbonylverbindungen und flüchtigen organischen Substanzen stimmen im Wesentlichen mit bisherigen Daten überein, berichtet Studienleiter Frank Henkler-Stephani dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) auf Anfrage. Die neuen Tabakerhitzer seien aber dennoch als mutagen einzustufen. Die vorläufigen Ergebnisse wurden letzte Woche bei der 15. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg vorgestellt.

In Deutschland ist mit IQOS von Philip Morris International (PMI) der erste Tabakerhitzer auf dem Markt. Anders als E-Zigaretten erhitzt das batteriebetriebene Systeme keine flüssige Mischung aus Propylenglykol, Glyzerin und häufig Nikotin. Stattdessen werden Tabakstifte auf 250 bis 350 Grad Celsius erhitzt. Die nikotin­haltigen Emissionen werden über ein Mundstück inhaliert.

Bisher liegen zu diesen neuen Tabakprodukten kaum industrieunabhängige Studien vor. Das BfR kündigte daher im Juli 2017 in einer vorläufigen Risikobewertung von THS an, eigene Untersuchungen durchzuführen. „Wir wollten die Daten des Herstellers kritisch evaluieren und prüfen, ob wir vergleichbare Schadstoffgehalte in den Emissionen messen“, sagt der Biochemiker Henkler-Stephani. Die Untersuchungen führten die Forscher im Abrauchlabor des Chemischen und Veterinär­untersuchungs­amts (CVUA) in Sigmaringen durch.

Ergebnisse für die ersten beiden Substanzklassen, die das Krebsrisiko beeinflussen, liegen jetzt vor: Die Emission von Carbonylverbindungen, wie etwa Formaldehyd und Acetaldehyd ging um etwa 80 bis 90 Prozent zurück im Vergleich zu handelsüblichen Zigaretten. Die Emission von leicht flüchtigen organischen Substanzen (VOC), wozu Benzol und Butadien zählen, reduzierte sich um 90 bis 99 Prozent.

„Wir können für diese Substanzen bestätigen, dass bei Tabakerhitzern eine erhebliche Reduktion von Schadstoffen im Rauch enthalten ist“, teilt Henkler-Stephani dem mit und verweist auf die Publikation von Schaller et al, die 2016 in Regulatory Toxicology and Pharmacology publiziert wurde. Kleine Unterschiede ergaben sich lediglich aufgrund unterschiedlicher Referenzzigaretten. „Der Hersteller hat als Referenz eine Zigarette verwendet, die teilweise sehr hohe Werte beispielsweise für Acetaldehyd aufweist, weshalb hier auch die Reduktion geringer war als die vom BfR gemessene.“

Wir würden erwarten, dass sich diese substanzielle Reduktion der Schadstoffe auch auf die gesundheitlichen Risiken auswirkt. Dennoch sind Empfehlungen problematisch, da die Emissionen der Tabakerhitzer nach wie vor mutagen sind. Frank Henkler-Stephani, Studienleiter BfR

Durch die geringere Schadstoffemission komme es wahrscheinlich auch zu einer geringeren Exposition, vermutet der Studienleiter vom BfR. „Wir würden erwarten, dass sich diese substanzielle Reduktion der Schadstoffe auch auf die gesundheitlichen Risiken auswirkt. Dennoch sind Empfehlungen problematisch, da die Emissionen der Tabakerhitzer nach wie vor mutagen sind.“ Das habe auch der Hersteller nachgewiesen. Die abschließende Empfehlung, wann und ob Tabakerhitzer zur Rauchentwöhnung geeignet sind, müsse aber der Arzt treffen, betont Henkler-Stephani. Das BfR wird seine Untersuchungen 2018 fortführen und weitere Substanzklassen – unter anderem Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe und tabakspezifische Nitrosamine –einschließen.

E-Zigarette versus Tabakerhitzer

Im Vergleich zum Tabakerhitzer sei die tabakfreie E-Zigarette aller Voraussicht nach mit geringeren Risiken belastet, schätzt der BfR-Experte. Das gelte jedoch nur für den sachgemäßen Gebrauch der E-Zigarette, deren Dampf weder überhitzt noch mit mutagenen Substanzen kontaminiert sei. Neue E-Zigaretten mit stärkeren Ver­dampfern, die ganze Bahnsteige vernebeln, schließt er ausdrücklich aus diesem Vergleich aus.

Ein wichtigerer Aspekt, den auch das BfR auf seiner Tagesordnung hat, ist die Auswirkung der THS auf das Immunsystem. Denn in vivo-Daten weisen darauf hin, dass das Inhalat aus Tabakerhitzern anders als Zigaretten das Immunsystem verändern könnten.

Diese Theorie haben bisher weder Philip Morris noch das BfR weiter untersucht. Auf ein ähnliches Problem weist die Arbeitsgruppe um Neil Benowitz und Gideon St Helen von der University of California San Francisco hin: Beim Erhitzen des Tabaks entstehen möglicherweise andere Substanzen, als sie vom Tabakrauch her bekannt sind und die schädlich sein könnten. Die Arbeitsgruppe weise auf weitere Kritikpunkte an den Daten von PMI hin, die Katrin Schaller vom DKFZ allesamt stichhaltig erscheinen.

Beantragte FDA-Zulassung in der Kritik

Kritik äußerten einige Forscher auch an der beantragten Zulassung für IQOS als modified risk tabacco product (MRP). Anders als in Deutschland musste PMI diese in den USA für ihr neues Tabakprodukt bei der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde, der Food and Drug Administration (FDA) beantragen. Eine Zusammenfassung aller eingereichten Studien hat Philip Morris International im Oktober veröffentlicht. Aktuell liegen 127 Kommentare zum FDA-Antrag und fünf weitere Dokumente dazu vor. Die Biologin Katrin Schaller hat sich einen ersten Überblick verschafft: „Es sieht so aus, dass die meisten Kommentatoren eine Zulassung unterstützen, manche weisen darauf hin, dass die FDA den Antrag gründlich prüfen soll.“ Wenige seien aber auch klar dagegen, darunter Stanton Glantz und seine Arbeitsgruppe sowie das Team um Neil Benowitz – alle von der University of California San Francisco. Eine erste Einschätzung der FDA könne Anfang 2018 erwartet werden, sagt Henkler-Stephani.

Falsche Zielgruppe: Philip Morris wirbt um Neukonsumenten

Grundsätzlich verfolgt die FDA mit der Möglichkeit, eine Zulassung für Produkte mit reduziertem Schädlichkeitspotenzial zu beantragen, den Ansatz der Schadens­reduzierung (harm reduction). Schaller befürchtet jedoch, dass die Nachteile gegenüber der Prävention überwiegen werden. Auf gesellschaftlicher Ebene bringen risiko­reduzierte Tabakprodukte nur dann einen Vorteil, wenn viele Raucher vollständig umsteigen und gleichzeitig keine Nichtraucher als neue Konsumenten gewonnen werden. Genau diese Neukonsumenten adressiere Philip Morris aber mit seinen Werbebotschaften für IQOS: „Die neue Art, Tabak zu genießen“, „Better“, „Das ändert alles“, „Discover“ sprechen durchaus auch (junge) Nichtraucher an: Jetzt kann ich Tabak auf moderne und harmlose Art genießen!

In Deutschland wurde IQOS vom Zoll bei der Markteinführung lediglich – zumindest hinsichtlich der Besteuerung – als Pfeifentabak eingestuft, erklärt Schaller. Die zuständige Aufsichtsbehörde stellte IQOS bei der Kennzeichnungspflicht (Warnhinweise) Zigarren/Zigarillos gleich. © gie/aerzteblatt.de

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Adolar
am Mittwoch, 13. Dezember 2017, 13:46

99% weniger schädlich...??

und das restliche 1 % ist dann das Nikotin? Vielleicht sollten sich die Süchtigen lieber einen Tabaktee aufgießen, das wäre bezüglich Schadstoffen vermutlich überschaubarer als dieser ganze Quatsch. Tabak ist ein krankmachendes Suchtmittel und gehört daher verboten, Hanf ist ja auch verboten. Und das nächste ist das Trockenlegen des Alkoholsees.
Horst Winkler
am Mittwoch, 13. Dezember 2017, 10:51

Das BfR lässt sich von der Anti-Tabak Lobby vor den Karren spannen. So funktioniert erfolgreiche Lobbyarbeit!

Letzte Woche bei der 15. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle in Heidelberg (DKFZ) äußerte sich das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) noch sehr positiv zu den neuen Tabakerhitzern. Dabei war von 80-99% weniger schädlichen Emissionen die Rede.

Anschließend wurde das BfR von den Teilnehmern der Anti-Tabak Konferenz daran "erinnert", dass man doch bitte aufpassen muss, "wie" man diese Neuigkeit verbreitet. Keinesfalls dürfte die Untersuchung von den Tabak-Firmen zu Marketingzwecken missbraucht werden können. Niemand sollte die Aussage "80%-99% weniger schädlich" verwenden, das wäre ein gefundenes Fressen für Big-T.

Äußerst interessant ist, dass während der Präsentation in Heidelberg nichts von irgendwelchen "Mutagenen Emissionen" erzählt wurde. Im Gegenteil man hat sich sehr positiv zu den Tabakerhitzern geäußert. Plötzlich aber dominiert eine (übrigens im Konjunktiv formulierte) Behauptung zu "Mutagenen Emissionen" in den Aussagen des BfR.

Das BfR hat also Wort gehalten und sich darum gekümmert, dass die Ergebnisse so präsentiert werden, dass sie negativ klingen und nicht positiv. Hier hat die Anti-Tabak Lobby ganze Arbeit geleistet und das BfR lässt sich mal wieder vor den Karren spannen. Bravo!

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