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Medizin

Herzinfarkt: Ältere Frauen kommen aus Bescheidenheit später in die Notaufnahme

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Brustschmerz /michaelheim, stock.adobe.com
Die Abwesenheit von Brustschmerz hatte in der Studie nur einen geringen Effekt auf die Entscheidungs­zeit der älteren Patientinnen. /michaelheim, stock.adobe.com

München – Bei Frauen, die älter als 65 Jahre sind, dauert es fast doppelt so lange wie bei jüngeren Frauen, bis sie nach Auftreten der ersten Symptome eines Herzinfarkts in die Notaufnahme gelangen. Das ergab eine Studie, die im American Journal of Cardiology erschienen ist (2017; doi: 10.1016/j.amjcard.2017.09.005). Als Ursache vermuten die Forscher des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) falsche Bescheidenheit. Das fehlende Symptom Brustschmerz konnten sie entgegen früherer Vermutungen ausschließen. 

Bei Frauen über 65 Jahre vergehen durchschnittlich über viereinhalb Stunden, bis sie in der Notaufnahme sind, bei jungen Frauen sind es hingegen knapp zweieinhalb Stunden. Dadurch geht Zeit verloren, um die verschlossenen Blutgefäße wieder zu eröffnen und die Schädigung des Herzmuskels einzuschränken. „Der Unterschied zwischen älteren Frauen und allen anderen von uns untersuchten Gruppen, nämlich jüngeren Frauen unter 65 Jahren, sowie Männern über und unter 65 Jahren, ist eklatant“, sagt der DZHK-Wissenschaftler Karl-Heinz Ladwig, Gruppenleiter am Institut für Epidemiologie des Helmholtz-Zentrums München und Professor für psychosoma­tische Medizin an der Technischen Universität München.

Auch junge und alte Männer stehen besser da: Bei über 65-jährigen Männern dauert es über dreieinhalb Stunden gegenüber gut 3 Stunden bei jungen Männern, bis sie im Krankenhaus untersucht werden. Anders als bisher angenommen, ist es also weder allein das Alter noch das Geschlecht, sondern die Kombination aus Alter und weib­lichem Geschlecht, die zu langen Entscheidungszeiten zwischen Auftreten der ersten Herzinfarkt-Symptome und der Versorgung in einer Notaufnahme führt. Dabei zählt bei einem Herzinfarkt jede Minute, um das Herz mit einem Katheter zu unter­suchen und das verschlossene Blutgefäß wieder zu eröffnen. Denn je schneller der Blutfluss wieder hergestellt werden kann, desto weniger Herzmuskelzellen sterben ab.

Die Daten stammen aus der MEDEA-Studie (Munich Examination of Delay in Patients Experiencing Acute Myocardial Infarction), in der über einen Zeitraum von mehr als 4 Jahren 619 Patienten mit einem Herzinfarkt, bei dem sich eine ST-Strecken-Hebung im Elektrokardiogramm zeigte, befragt wurden. Die klinischen Eigenschaften zwischen Männern und Frauen unterschieden sich nur geringfügig. Männliche Studienteilnehmer waren etwas häufiger Raucher als weibliche. Bei der Betrachtung der soziodemogra­fischen Faktoren zeigte sich, dass die weiblichen Studienteilnehmer häufiger alleine lebten sowie älter und öfters arbeitslos waren.

Fehlender Brustschmerz: nicht typisch weiblich

Die allgemeine Annahme, dass bei einem Herzinfarkt das typische Symptom Brust­schmerz nur bei Frauen häufig fehlt, und der Herzinfarkt deshalb zu spät erkannt wird, konnten Ladwig und seine Kollegen nicht bestätigen. Denn die Abwesenheit von Brustschmerz hatte nur einen geringen Effekt auf die Entscheidungszeit der älteren Patientinnen und konnte nicht die beobachteten zeitlichen Unterschiede erklären. Vielmehr zeigen die Daten der MEDEA-Studie, dass das Fehlen von Brustschmerz ein Alterseffekt und nicht typisch weiblich ist. Denn diese fehlende Symptomatik konnten die Forscher bei älteren Männern annähernd so oft beobachten wie bei älteren Frauen.

„Auch bei Übelkeit und Erbrechen konnten wir keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen“, sagt Ladwig. „Das hatten wir ganz anders erwartet. Denn diese atypischen Beschwerden wurden bislang immer eher Frauen zugeordnet.“ Fehlende oder untypische Beschwerden können daher nicht die Ursache dafür sein, dass ältere Frauen so spät in die Notaufnahme kommen.

Falsche Bescheidenheit

Ladwig und seine Kollegen sehen die Gründe für die langen Entscheidungszeiten im psychologischen Bereich, unter anderem in einer Bescheidenheit, die in diesem Fall völlig unangebracht ist: „Das wird schon wieder besser, da muss ich doch jetzt nicht den Notarzt rufen. Was sollen die Nachbarn denken, wenn der Krankenwagen vorfährt und dann doch nichts war?“ Solche Gedanken sind wohl gerade bei älteren Frauen häufig und führen zu den gefährlichen Verzögerungen. Die Wissenschaftler planen bereits eine Anschlussstudie, in der sie diesen Faktoren bei älteren Frauen genauer auf den Grund gehen wollen.

Außerdem fordern sie, dass diese Risikogruppe bei der Aufklärung zum Herzinfarkt noch mehr in den Fokus geraten muss. Hausärzte sollten mit ihre alten Patientinnen sprechen, die Risikofaktoren für einen Herzinfarkt haben. Dabei sollten sie ihnen verdeutlichen, wie wichtig es ist, rechtzeitig den Notruf zu wählen und erklären, wie sie im Ernstfall richtig reagieren können. Dazu gehören auch so einfache Tipps wie den Zettel mit der Notrufnummer direkt ans Telefon zu hängen, und zwar so groß geschrie­ben, dass man sie auch ohne Brille lesen kann. © gie/EB/aerzteblatt.de

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