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Medizin

Raucherentwöhnung: Vareniclin erhöht Herz-Kreis­lauf-Risiko auch im klinischen Alltag

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Jens Hertel - stock.adobe.com

Toronto – Patienten, die zur Raucherentwöhnung über 12 Wochen Vareniclin einnehmen, haben während dieser Zeit ein um 34 Prozent erhöhtes Risiko auf kardiovaskuläre Ereignisse. Dies kam in einer Studie im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine (2017; doi: 10.1164/rccm.201706-1204OC) heraus, nach der das absolute Risiko mit 3,95 Ereignissen auf 1.000 Vareniclin-Anwender jedoch gering ist.

Die Bedenken, dass der partielle Nikotin-Agonist Vareniclin das Risiko von kardio­vaskulären Ereignissen erhöht, sind nicht neu. Sie gründeten sich zunächst auf die Ergebnisse von randomisierten klinischen Studien, die der Hersteller zur Zulassung durchgeführt hatte. Die FDA gab die Hazard Ratio aufgrund einer Meta-Analyse mit 1,95 an. Das absolute Zusatzrisiko betrug 6,30 Ereignisse auf 1.000 Patientenjahre.

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Inzwischen liegen erste Ergebnisse epidemiologischer Studien vor, die das Risiko im klinischen Alltag untersucht haben. Die Ergebnisse sind unterschiedlich. Daniel Kotz von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Mitarbeiter konnten vor zwei Jahren in einer Analyse von elektrischen Krankenakten britischer Patienten kein erhöhtes Risiko erkennen. Die Anwender von Vareniclin hatten sogar seltener Herz-Kreislauf-Ereignisse erlitten als die Kontrollen Lancet Respiratory Medicine (2015; 3: 761-768). 

Zu einer anderen Einschätzung gelangen jetzt Andrea Gershon und Mitarbeiter von der Universität Toronto, die die Verordnung von Vareniclin in der kanadischen Provinz Quebec mit Krankenhausbehandlungen abgeglichen haben. Dabei wurden bei den einzelnen Personen die Ereignisse während der Behandlung mit anderen Lebensphasen derselben Personen verglichen. Die Patienten waren ihre eigenen Kontrollen, was etliche Verzerrungen vermeidet, zu denen es sonst bei Fall-Kontroll-Studien leicht kommen kann.

Die Studie, die auf 56.851 Anwendern basiert, die insgesamt 4.185 Ereignisse erlitten, kommt aufgrund ihrer Größe zu eindeutigen Ergebnissen: Gershon ermittelt eine relative Inzidenz von 1,34, die bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,25 bis 1,44 hochsignifikant ist und ein relativ um 34 Prozent erhöhtes Risiko anzeigt. Das absolute Risiko ist dagegen gering. Gershon schätzt, dass bei 1.000 Anwendern 3,95 kardiovaskuläre Ereignisse (3,12-4,76) auf Vareniclin zurückzuführen sind. 

Die Studie hat auch untersucht, ob die Anwender häufiger wegen neuropsychiatrischer Probleme auffällig werden. Die FDA warnt vor vermehrter Agitiertheit sowie depressiven Verstimmungen bis hin zu suizidalem Verhalten (auch in den deutschen Fachinformationen findet sich ein Hinweis). Gershon ermittelt jetzt nur ein marginal erhöhtes Risiko von neuropsychiatrischen Ereignissen (relative Inzidenz 1,06; 1,00-1,13).

Insgesamt sind die Risiken gegen die Vorteilen einer erfolgreichen Rauchentwöhnung abzuwägen. Tabakrauch ist nicht nur eine häufige Ursache von Krebserkrankungen. Über die Förderung der Atherosklerose steigt auch das Risiko von kardiovaskulären Ereignissen. © rme/aerzteblatt.de

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