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Medizin

Transfer von Plexus-Nerv mildert spastische Lähmungen nach Hirnschädigung

Donnerstag, 28. Dezember 2017

/sudok1, stock.adobe.com

Shanghai – Chinesische Chirurgen haben ein operatives Verfahren entwickelt, mit dem sich spastische Lähmungen des Armes nach Hirnschädigung mildern und die Alltags­funktion der Hand verbessern lassen. Die Operation, die einen spinalen Nerv der nicht gelähmten Seite mit dem gleichen Nerv der spastisch gelähmten Seite verbindet, hat laut einer Studie im New England Journal of Medicine (2017; doi: 10.1056/NEJMoa1615208) die Rehabilitation der Patienten gefördert.

Einseitige Hirnläsionen durch Schlaganfall, Trauma, Enzephalitis oder Geburts­komplika­tionen führen (wegen der Kreuzung der Pyramidenbahnen) zu einer Lähmung auf der gegenüberliegenden Seite. Diese wird nach einiger Zeit durch eine Spastik verstärkt: Da durch die Hirnläsionen auch eine hemmende extrapyramidale Kontrolle der Motoneurone ausfällt, kommt es zu überschießenden Reflexen, die zu einem chronisch erhöhten Muskeltonus, der Spastik, führen.

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Ein Team um Wen-Dong Xu von der Fudan-Universität in Shanghai hat eine Operation entwickelt, um mithilfe der unbeschädigten Hirnseite die Spastik zu durchbrechen und die Beweglichkeit des gelähmten Armes zu verbessern. Für die Operation wird ein Spinalnerv C7 der gesunden Seite zur gelähmten Seite umgeleitet.

C7 ist einer von fünf zuführenden Nerven des Plexus brachialis, dem Nervengeflecht der Achselhöhle, aus dem die Nerven des Armes entspringen. Frühere Studien hatten gezeigt, dass die Durchtrennung von C7 – die den Verlust von einem Fünftel von schätzungsweise 40.000 bis 69.000 Nervenfasern des Plexus brachialis bedeutet – nur zu vorübergehenden Ausfällen auf der gesunden Seite führt.

Die Durchtrennung von C7 ist Teil einer Operation, die die chinesischen Handchirurgen ursprünglich zur Behandlung von Plexus-brachialis-Verletzungen (der anderen Seite) entwickelt hatten. Bei der Operation wird nach einem Hautschnitt über dem Brustbein der C7-Nerv freipräpariert und möglichst weit distal durchtrennt. Der C7-Nerv wird dann vor der Wirbelsäule entlang zur anderen Seite verlegt, wo er den funktionslosen C7-Nerv ersetzt. 

Wie die Forscher jetzt berichten, kam es in den ersten 12 Monaten nach der Operation bei den 18 operierten Patienten im Vergleich zu 18 nicht operierten Patienten zu einer deutlichen Besserung in der Fugl-Meyer-Skala zur motorischen Erholung und in der modifizierten Ashworth-Skala zur Spastizität.

Untersuchungen mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT) zeigen, dass die unbeschädigte Hirnhälfte, die seit dem C7-Transfer mit dem gelähmten Arm verbun­den ist, die Kontrolle über die Handbewegungen übernommen hat.

Die Spastizität hatte sich bereits in den ersten Tagen nach der Operation gebessert. Zu diesem Zeitpunkt konnte die gesunde Hirnhälfte unmöglich bereits die Kontrolle übernommen haben, meint Robert Spinner von der amerikanischen Mayo Clinic in Rochester. Der Transfer verbindet zwar die Nervenhüllen, nicht aber die in ihnen enthaltenen Axone. Diese sterben ab und werden langsam durch neue Axone ersetzt, die die verbundenen Nervenhüllen als Leitschiene benutzen. Die Wachstums­geschwindigkeit beträgt laut Spinner etwa 1 Zoll pro Monat. 

Die initiale Linderung der Spastik sei wohl eher auf die Durchtrennung des C7-Nerven zurückführen, spekuliert Spinner, der auch daran zweifelt, dass die Axone des transferierten C7-Nerven nach einem Jahr bereits die Muskeln erreicht haben, die die Armmuskeln innervieren, obwohl die Aktivierung der gesunden Hirnregion im MRT dies eigentlich nahelegt.

Die von Xu mitgeteilten Rehaerfolge sind aber auf jeden Fall bemerkens­wert: Im Laufe der 12 Monate der Studie lernten die Patienten, ihre von einer Spastizität befreite Hand zu benutzen. Sie konnten sich am Ende selbst die Kleidung anziehen, ein Handtuch auswringen, ihre Schuhe binden und sogar ein Mobiltelefon benutzen, versichert Xu.

Die chinesischen Handchirurgen sollen bereits begonnen haben, ihre Operations­technik westlichen Kollegen zu vermitteln. Es wird sich deshalb schon bald zeigen, ob die Ergebnisse der monozentrischen Studie reproduzieren lassen. © rme/aerzteblatt.de

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