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Politik

Ärztemangel: Was in den Bundesländern getan wird

Mittwoch, 27. Dezember 2017

/VRD, stock.adobe.com

Berlin – Fast alle Bundesländer in Deutschland haben mit dem Ärztemangel zu kämpfen. Überall suchen Landesregierungen – oft in Einklang mit Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) – nach Lösungen. Beispiele zeigen, dass es viele Bemühungen und erste Erfolge gibt.

So hat zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns Ge­sund­heits­mi­nis­ter Harry Glawe (CDU) eine positive Zwischenbilanz des Sonderstipendiums für künftige Landärzte gezogen. Medizinstudierende an den beiden Landesuniversitäten in Rostock und Greifswald konnten sich bis Ende November um das von der Landesregierung ausgelobte Sonderstipendium in Höhe von monatlich 300 Euro bewerben.

Elementare Bedeutung

„Es liegen beim Landesamt für Gesundheit und Soziales 27 Anträge vor, von denen sich 25 auf das Wintersemester 2017/18 beziehen“, sagte Glawe auf Nachfrage. Man wolle, dass im ländlichen Raum und im öffentlichen Gesundheitsdienst mehr Mediziner zur Verfügung stünden. Das sei für die ärztliche Versorgung im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern von elementarer Bedeutung.

Das Stipendium, das bis zum Ende des Medizinstudiums, jedoch längstens für vier Jahre und drei Monate gezahlt wird, ist mit einer Verpflichtung verbunden. Die jungen Ärzte müssen nach ihrem Studium für mindestens fünf Jahre als Arzt auf dem Land oder im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig sein. Bei Bewilligung werde das Stipendium auch noch rückwirkend für das schon laufende Semester gezahlt. Das Förderprogramm mit einer Summe von einer Million Euro soll 2022 auslaufen.

Probleme gibt es auch bei der Nachfolge. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern sind landesweit etwa 120 Hausarztstellen nicht besetzt. Im Januar 2017 hatten knapp 1.170 Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern praktiziert, etwa 100 mehr als 2010. Dies wurde als Erfolg der Bemühungen der vergangenen Jahre angesehen.

Landesprogramm erfolgreich

In Thüringen wurde das Landesprogramm zur Förderung von Arztpraxen im ländlichen Raum 2017 stärker in Anspruch genommen worden als in den beiden Vorjahren. Insgesamt seien 220.000 Euro an Investitionszuschüssen an niederlassungswillige Ärzte bewilligt worden, teilte das Sozialministerium in Erfurt mit. 14 Praxen profi­tierten davon. 2016 waren es nach Angaben der Thüringer Stiftung zur Förderung ambulanter ärztlicher Versorgung vier Praxen, 2015 acht. Die im Landeshaushalt bereitgestellte maximale Summe von 290.000 Euro pro Jahr wurde bislang noch nicht ausgeschöpft.

Ärzte können vom Land einen Zuschuss von bis zu 20.000 Euro erhalten, wenn sie in Kommunen mit höchstens 25.000 Einwohnern eine Praxis eröffnen oder übernehmen. Die Höhe des maximal möglichen Zuschusses für Hausärzte hängt dabei von der Größe des Ortes ab, in dem sich die Mediziner niederlassen wollen. Bedingung ist, dass die so unterstützten Ärzte nach ihrer Niederlassung mindestens fünf Jahre in Thüringen arbeiten. Auch der barrierefreie Praxisumbau kann gefördert werden.

Ein Teil zahlreicher Fördervarianten

Das Programm richtet sich auch an bestimmte Facharztgruppen, etwa Augenärzte. Neun weitere Anträge seien abgelehnt worden, so die Stiftung, die für die Bearbeitung der Anträge zuständig ist. Als Ablehnungsgrund gilt etwa, dass in dem Ort, in dem sich Mediziner niederlassen wollen, offiziell keine Unterversorgung herrscht oder droht.

Das Programm ist Teil der zahlreichen Fördermöglichkeiten, mit denen Kassenärztliche Vereinigung, Krankenkassen und Land einen Ärztemangel in Thüringen verhindern wollen. Dazu gehören etwa Honorarzuschüsse für Ärzte in unterversorgten Gebieten sowie ein „Thüringenstipendium“ der Stiftung für Nachwuchsmediziner in der Facharztausbildung. Diese erhalten während der fünfjährigen Facharztweiterbildung monatlich 250 Euro, wenn sie nach Abschluss ihrer Ausbildung vier Jahre in Thüringen bleiben.

Langfristige Bemühungen

Seit 2009 wurden 219 angehende Haus- und Augenärzte so gefördert. Acht mussten das Geld zurückzahlen, weil sie Thüringen verlassen haben. 71 sind inzwischen als angestellte oder niedergelassene Ärzte in einer Praxis tätig. Nach KV-Zahlen können sich in Thüringen derzeit 52 Hausärzte und zehn Fachärzte, überwiegend Augenärzte, niederlassen. Die meisten Niederlassungsmöglichkeiten gibt es im Raum Gotha, Greiz und in Südthüringen.

Mehr Studienplätze

In Niedersachsen ist die Versorgung mit Ärzten nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) derzeit noch gut. Es gebe noch kein Gebiet, das statistisch gesehen unterversorgt sei, hieß es. Dennoch sei damit zu rechnen, dass in den kommenden zehn Jahren viele Ärzte auf dem Land in den Ruhestand gehen und nicht jede Praxis wieder besetzt werden könne, sagte KVN-Sprecher Uwe Köster. Darauf richte man sich ein. Gefordert wird die Schaffung von bis zu 200 zusätzlichen Medizinstudienplätzen.

Von diesen zusätzlichen Studienplätzen könnten zehn Prozent für Studierende reser­viert werden, die sich dazu verpflichten, als Hausarzt in unterversorgte Gebiete zu gehen. Das wird zumindest von der Landesregierung als Option gesehen. Die Schaffung neuer Studienplätze ist im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU vereinbart. Land und KVN haben auch ein Stipendienprogramm aufgelegt, an dem 2018 19 Studierende teilnehmen.

Doppelhaushalt in Bayern

Bayern fördert die Niederlassung von Ärzten in ländlichen Bereichen ebenfalls mit einem eigenen Programm. Im Doppelhaushalt 2017/2018 stünden hierfür 11,2 Millionen Euro zur Verfügung, teilte Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) mit. Seit Start der Initiative im Jahr 2012 hätten 386 Haus- und Fachärzte sowie Psychotherapeuten von dem Förderprogramm profitiert. Die meisten Förderungen, nämlich 313, gingen an Hausärzte. „Bei Gesundheitsfragen sind insbesondere unsere Hausärzte die ersten Ansprechpartner. Damit sind sie der Dreh- und Angelpunkt der medizinischen Versorgung.“

Ziel sei es, allen Menschen in Bayern eine medizinische Versorgung ohne lange Anfahrtswege zu bieten. „Mit dem Programm leisten wir unseren Beitrag dazu, dass die Menschen auch in ländlichen Regionen weiter möglichst wohnortnah ärztliche Hilfe finden“, so Huml. Mit der Kassenärztlichen Vereinigung würden Versorgungslücken geschlossen. Handlungsbedarf bestehe derzeit nur bei Hausärzten in den Regionen Ansbach Nord und Feuchtwangen.

Eine weitere Säule sei ein Stipendiatenprogramm für Medizinstudierende, die ihre Facharztausbildung im ländlichen Raum absolvieren und danach mindestens fünf Jahre dort tätig zu werden. An 117 Studierende sei bereits ein Stipendium vergeben worden. Bayern wolle zudem als eines der ersten Bundesländer eine Landarztquote einführen. Damit sollen bis zu fünf Prozent aller Medizinstudienplätze im Freistaat an Studierende gehen, die sich zur Arbeit in unterversorgten Gegenden verpflichten. Details hierzu würden derzeit geklärt.

Probleme bei Nachfolge

In Baden-Württemberg klagen viele Ärzte über Probleme bei der Suche nach Nach­folgern. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg sind in einer Praxisbörse aktuell rund 380 Praxen ausgeschrieben, wie Pressesprecher Kai Sonntag erklärte. „Wir haben einen Angebotsmarkt – viel mehr Praxen auf dem Markt als Ärzte, die Praxen suchen“, so Sonntag. Die KV geht davon aus, dass im Südwesten in den nächsten fünf Jahren 500 Arztpraxen nicht nachbesetzt werden können, wenn die Inhaber zum Beispiel altershalber aufhören. In Donaueschingen hatte sich zuletzt der Allgemein- und Sportmediziner Clemens Willmann zu dem ungewöhnlichen Angebot durchgerungen, seine Praxis zu verschenken, weil er keinen Nachfolger findet.

Die Kassenärztliche Vereinigung macht als Teil des Problems aus, dass junge Ärzte gerne angestellt seien und in Teilzeit arbeiten wollten. Deshalb müssten mehr Mediziner ausgebildet werden. Ein Lösungsansatz dafür, dass Ärzte nur schwer aufs Land zu locken seien, könne auch die Telemedizin sein, so Sonntag. In zwei Modell­regionen, Stuttgart und Tuttlingen, werde ab dem Frühjahr 2018 experimentiert, wie die ärztliche Erstbehandlung in einem Telemedizinprojekt funktionieren könne.

NRW setzt auf mehr Studienplätze

Nordrhein-Westfalen hat erst kürzlich erklärt, mehr Medizinstudienplätze schaffen zu wollen. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat sich auf eine neue staatliche Medizin-Fakultät an der Uni Bielefeld geeinigt. Ab 2021 sollen hier 300 Mediziner pro Jahrgang ausgebildet werden, ein Schwerpunkt der Fakultät liegt auf der Allgemeinmedizin. Ab dem Wintersemester 2018/2019 soll zudem eine Landarztquote eingeführt werden. Bis zu zehn Prozent der Medizinstudienplätze sollen Bewerber bekommen, die sich verpflichten, anschließend zehn Jahre als Arzt aufs Land zu gehen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt zahlt künftigen Landärzten ein Studium an der Privatuni Witten/Herdecke. Die jungen Leute müssen sich im Gegenzug verpflichten, nach dem Studium zehn Jahre lange in Regionen mit Hausärztemangel zu praktizieren – insgesamt sollen so zwölf Landärzte hinzukommen. Zudem gibt es seit 2010 ein Landarzt-Stipendium für staatliche Hochschulen. Je nach Höhe der Förderung verpflichten sich die Studenten, mindestens zwei Jahre in unterversorgten Regionen zu praktizieren. Für Praxisgründungen fließen bis zu 60.000 Euro Förderung.

Aktionsbündnis vorgeschlagen

In Hessen reichen der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen finanzielle Anreize nicht aus – eine Förderprämie zur Ansiedlung von Praxen auf dem Land wurde im Sommer abgeschafft. Vor kurzem schlugen die Kassenärzte ein „Aktionsbündnis für das ländliche Hessen“ vor. Es soll um ein Bündel von Maßnahmen gehen, insgesamt zwölf Forderungen wurden vorgestellt. So sollen etwa Behörden aufs Land verlegt, aber auch Zuschläge für Landärzte gezahlt werden – allerdings nicht mehr von den Kassenärzten, sondern von den Krankenkassen.

Rheinland-Pfalz hat derzeit sieben Förderprogramme, die helfen sollen, die haus­ärztliche Versorgung zu verbessern. So werden zum Beispiel Studierende finanziell unterstützt, die sich im Praktischen Jahr des Medizinstudiums für ein Tertial in der Allgemeinmedizin entscheiden. Im aktuellen Koalitionsvertrag steht, dass der Masterplan zur Stärkung der ambulanten ärztlichen Versorgung fortgeführt werden soll. Dazu gehört ein Wiedereinstiegskurs für derzeit nicht in ihrem Beruf tätige Ärzte. © dpa/may/aerzteblatt.de

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