NewsVermischtesSpanische Grippe jährt sich zum 100. Mal
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Spanische Grippe jährt sich zum 100. Mal

Donnerstag, 4. Januar 2018

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918). /Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa

Berlin – Es war eine der schlimmsten Grippeepidemien der Geschichte. Die Spanische Grippe tötete in nur wenigen Monaten Schätzungen zufolge zwischen 27 bis 50 Millionen Menschen. Manche Quellen sprechen sogar von noch mehr Toten. Der Ausbruch der Pandemie, die in drei Wellen vom Frühjahr 1918 bis 1920 weltweit über die Menschen hereinbrach, liegt nun fast 100 Jahre zurück.

Anders als bei anderen derartigen Katastrophen sucht man Denkmäler und Relikte jener Zeit nahezu vergeblich, selbst Fotos sind eher rar. Das Aerztliche Vereinsblatt befasste sich zur damaligen Zeit ebenfalls kaum mit der tödlichen Grippewelle. In einer Ausgabe unmittelbar nach Ende des 1. Weltkriegs am 23. Dezember 1918 hieß es in der Zeitschrift aber, für die Ärzte würden vielfache Aufgaben erwachsen.

Anzeige

Epidemie nur Randnotiz

„Der Gesundheitszustand des Volkes ist geschwächt; neben den furchtbaren Verlusten an Menschenleben und Manneskraft im Felde haben Entbehrungen, Unterernährung und die Folgen einer schweren Epidemie die Volkskraft zerrüttet“, erklärte das Blatt. Die Ärzte mahnten damals, ein weiteres Umsichgreifen von Krankheiten müsse verhütet werden. „Mehr wie je ist ein verständnisvolles Zusammenwirken der öffent­lichen Gesundheitsbehörden mit der Aerzteschaft vonnöten, und daher erhebt sich, weil straffste Zusammenfassung geordneter Kräfte das Gebot der Stunde ist, verstärkt der Ruf nach selbständigen Behördenorganisationen für Volksgesundheit", heißt es in der Zeitschrift weiter.

Einer Art kollektivem Vergessen sei die vielleicht größte Vernichtungswelle der Menschheitsgeschichte anheimgefallen, heißt es sogar in dem Buch „1918 – Die Welt im Fieber“ der Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney, das am 29. Januar dieses Jahres erscheint. Erst in jüngerer Vergangenheit sei die Spanische Grippe vermehrt ins Bewusstsein der Menschen gerückt, auch weil sie zum Stoff von Büchern, Filmen und Serien wie „Downtown Abbey“ wurde. Zuvor war sie nicht viel mehr als eine Fußnote des 1. Weltkriegs.

Harmloser Anfang

Dabei sollen allein im Deutschen Reich einer Untersuchung zufolge rund 426.000 Menschen der Grippe zum Opfer gefallen sein. „Bei unserem heutigen Gesundheits­system wäre das unerträglich, praktisch nicht vorstellbar“, sagte die Grippe-Expertin Silke Buda vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Gleichwohl: Indien und Südafrika etwa erwischte es sehr viel heftiger. Und längst nicht aus allen Ländern gibt es überhaupt Daten.

Aussagen mit letzter Sicherheit sind daher schwierig. Der Berliner Historiker und Oberarzt der Charité, Wilfried Witte, hat über die Spanische Grippe geforscht. Er sagte, es habe damals alles relativ harmlos begonnen. Während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 erkrankten zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben. Im Herbst nahm jedoch eine weitere, tödliche Welle ihren Lauf. Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, wie in Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern, hätten sich auf einen Schlag zahlreiche Menschen angesteckt.

„Die meisten sind an einem akuten Lungenversagen gestorben. Das ging rapide schnell vonstatten“, sagte Witte. Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. „So etwas hat natürlich nicht geholfen“, so Witte.

Selbst der spanische König soll an dem damals noch unbekannten Erreger erkrankt sein. Es ist ein Grund, aus dem die Pandemie als „Spanische Grippe“ in die Geschichte einging. Dass sie nicht von dort kam, ist aber relativ sicher. Um den wahren Ursprung ranken sich mehrere Theorien. Witte zufolge wird angenommen, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas (USA) krank machte. Mit Truppen­schiffen soll das Virus auch nach Europa gelangt sein. Die Menschen steckten sich durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen an, wohl jeder Ort hatte Opfer zu beklagen.

Ärzte sahen bei Infizierten gewisse Muster: Nicht nur starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Auch hatte sich die Haut der Erkrankten oft dunkelblau verfärbt – Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff, wie Witte sagt. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt. Zeitgenössische Ärzte hielten ein „Grippe-Bakterium“ für die Ursache, obwohl man diese Theorie damals schon anzweifelte. Der wahre Auslöser, das Influenzavirus, sollte später entdeckt werden – 1933.

Prototyp von Pandemien

Inzwischen sehen Wissenschaftler die Spanische Grippe nicht mehr unbedingt als Einzelfall, sondern als Prototyp von Pandemien. Sie kann sich wiederholen – das zeigten etwa die Asiatische Grippe (1957) und die Hongkong-Grippe (1968), wenn auch in geringerem Ausmaß.

Und in Zukunft? Damals seien die Umstände andere gewesen als heute, betont Buda. Genau die gleiche Situation wie 1918 werde so nicht mehr eintreten. Damals seien die Lebensbedingungen viel schlechter gewesen. Viele Menschen hätten auch zusätzlich schon andere Krankheiten wie Tuberkulose (Schwindsucht) gehabt. Gegen oftmals tödliche bakterielle Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, waren Ärzte machtlos: Antibiotika gab es noch nicht. Gleichwohl gebe es heute andere große Herausforderungen, sagt Buda.

Problem der Antibiotikaresistenzen

Dazu gehörten zum Beispiel zunehmende Antibiotikaresistenzen. Zudem könne der globale Reiseverkehr zu einer noch viel schnelleren Virusverbreitung weltweit führen als 1918. „Die Menschen werden heute zudem sehr viel älter als früher, haben dann aber oftmals Grunderkrankungen und sind anfälliger für schwere Krankheitsverläufe“, sagte sie.

Klar ist für Experten: Es muss nicht zwangsläufig im Winter zu einer Pandemie kommen. Ganzjährig hat das RKI deshalb ein Auge auf akute Atemwegserkrankungen. Auch potenziell pandemische Viren weltweit sind im Blick. „Es ist eher wahrscheinlich, dass ein Virus sich im Moment in Vögeln oder Schweinen vermehrt und noch nicht die Fähigkeit hat, von Mensch zu Mensch übertragbar zu sein“, betonte Buda. Bestimmte Vogelgrippe-Viren in China würden derzeit als mögliche Pandemieauslöser erachtet. Diese Einschätzung bedeute aber noch lange nicht, dass diese Erreger tatsächlich eine Pandemie auslösen können, sagte sie. © dpa/may/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #732154
Christamüller
am Dienstag, 23. Januar 2018, 11:12

Grippe-Tote in der Kolonie Deutsch-Süd-West-Afrika

Auch in Lüderitzbucht gab es 1919 Grippe-Kranke und Tote, die auf der Haifischinsel, in der Bucht von Luderitz, isoliert wurden. Die Deutsche Kolonie war von den Engländern 1915 erobert worden. Da es keinen Transportverkehr mit dem Deutschen Reich während und nach dem 1. Weltkrieg gab, muß die Erkrankung über die englischen Koloialtruppen eingeschleppt worden sein. Meine familie war zu dieser Zeit in der damaligen deutschen Kolonie und hat das berichtet.
LNS

Nachrichten zum Thema

18. April 2019
Dresden – In Sachsen sollen im kommenden Herbst ausreichend Influenzaimpfstoffdosen für die Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Das haben sich das Sächsische Ge­sund­heits­mi­nis­terium, der
Neue Rahmenbedingungen sollen Versorgung mit Influenza-Impfstoff sichern
9. April 2019
Berlin – Apotheker sollen dem Willen der Bundesregierung zufolge die Bevölkerung künftig gegen Influenza impfen dürfen. Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und der Deutsche Hausärzteverband (DHÄV) zeigten
Impfen durch Apotheker stößt auf Gegenwehr bei Ärzten
22. März 2019
Berlin – Lange Zeit war das Bild des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch überwiegend positiv geprägt. Dass hinter der Koryphäe eine ambivalente und streitbare Person liegt, machten erst spätere Forschungen
Sauerbruch zwischen Medizin und Mythos
15. März 2019
Berlin – Die Berliner Charite zeigt ab dem 22. März eine Ausstellung über den berühmten Chirurgen Ferndinand Sauerbruch (1875–1951). Anders als in der aktuellen ARD-Serie „Charite“ zeige die Schau
Charité zeigt Ausstellung über Sauerbruch
13. März 2019
Homburg – Das Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) konnte mit einer Informationskampagne die Zahl der gegen Grippe geimpften Mitarbeiter gegenüber der Influenzasaison 2017/2018 verdreifachen.
Kampagne überzeugt Mitarbeiter am Universitätsklinikum des Saarlandes von Grippeimpfung
11. März 2019
Leiden/La Jolla – Eine niederländische Arbeitsgruppe des Pharmazieherstellers Johnson & Johnson hat in Zusammenarbeit mit US-Forschern einen neuen Wirkstoff gegen Influenza-A-Viren erfolgreich an
Oraler Wirkstoff schützt Mäuse vor Influenza
11. März 2019
Genf – So viele Wissenschaftler wie nie zuvor arbeiten nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) derzeit an einem universellen Grippeimpfstoff. Bislang müssen Impfstoffe jährlich auf die
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER