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Lebensmittelkonzerne planen Nährwertampel, die selbst bei Nutella nicht Rot anzeigt

Montag, 8. Januar 2018

Foodwatch hat zwei Nährwert-Kennzeichnungsmodelle verglichen: Original-Ampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA versus Industrie-Ampel. /foodwatch
Foodwatch hat zwei Nährwert-Kennzeichnungsmodelle verglichen: Originalampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA versus Industrieampel. /foodwatch

Berlin – Nach jahrelanger Gegenwehr wollen sechs große Lebensmittelkonzerne jetzt eine eigene EU-weite Nährwertampel einführen. Das unter anderem von Nestlé und Coca-Cola vorgeschlagene System soll den Gehalt der wichtigsten Nährwerte in Ampelfarben auf der Vorderseite der Verpackung zeigen. Jedoch würde diese Ampel selbst bei Süßigkeiten wie Nutella, das zu rund 90 Prozent aus Zucker und Fett besteht, oder fettig-salzigen Snacks wie Tuc-Crackern nicht auf Rot springen. Zu diesem Ergebnis kommt foodwatch bei einem Ampel-Vergleichstest.

Die Verbraucherorganisation hat die Pläne der Lebensmittelkonzerne daher scharf kritisiert. Die Kriterien seien lasch und irreführend. „Was für ein fieses Lobbymanöver: Nestlé, Coke und Co. kapern die eigentlich sinnvolle Idee einer verbraucher­freund­lichen Nährwertkennzeichnung und führen sie mit ihrer Pseudoampel ad absurdum: Anstatt Zuckerbomben und fettige Snacks zu entlarven, lässt die Industrieampel die Produkte gesünder aussehen, als sie es in Wahrheit sind. Das darf nicht zum euro­päischen Standard werden“, sagt Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei foodwatch.

Seit Ende 2016 gilt für alle verpackten Lebensmittel in der EU eine Pflicht zur Kennzeichnung der Nährwerte Fett, gesättigte Fette, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz. Außerdem muss über den Energiegehalt informiert werden. Die Angaben müssen sich jeweils auf 100 Gramm beziehungsweise Milliliter beziehen. Diese Angabe darf allerdings im Kleingedruckten auf der Rückseite der Verpackung erfolgen.

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Die Lebensmittelkonzerne Coca-Cola, Mars, Mondelez, Nestlé, PepsiCo und Unilever hatten kürzlich ihre genauen Pläne für eine eigene Nährwertampel vorgestellt. Im Gegensatz zu dem erstmals 2007 von der britischen Lebensmittelbehörde FSA konzipierten Original-Ampelsystem zeigt die Industrie­kennzeichnung allerdings deutlich weniger rote Ampeln. Mit dem System der FSA bekäme Nutella hingegen drei rote Ampeln, die auf einen hohen Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren und Zucker hinweisen. Auch Tuc-Cracker des Herstellers Mondelez hätten mit dem Industriemodell statt zwei überhaupt keine rote Ampel. Ähnlich bei den Nesquik-Frühstücksflocken von Nestlé: Auch hier würde durch das Modell der Lebensmittelkonzerne die rote Ampel für den hohen Zuckergehalt verschwinden.

Industrieampel rechnet mit Portionsgrößen statt einheitlich 100 Gramm

Grund für die geringere Anzahl roter Ampeln ist ein Trick: Die Originalampel der FSA berechnet die Ampelfarbe auf Grundlage von einheitlich 100 Gramm. Sie springt zum Beispiel beim Zuckergehalt auf Rot, sobald ein Produkt mehr als 15 Prozent Zucker enthält. Im Gegensatz dazu berechnet die Industrieampel die Farbgebung auf Basis von Portionsgrößen.

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Bei allen Portionen bis zu 60 Gramm zeigt die Industrieampel erst dann Rot, wenn mehr als 13,5 Gramm Zucker in einer Portion enthalten sind. Bei Frühstücksflocken mit einer 40-Gramm-Portion ist dies erst bei einem Zuckergehalt von mehr als 33,7 Prozent der Fall. Bei dem Industriemodell muss also in Frühstücksflocken mehr als doppelt so viel Zucker enthalten sein wie beim Originalmodell, bevor die Ampel auf Rot springt. Ein süßer Brotaufstrich wie Nutella mit einer vorgesehenen Portionsgröße von 15 Gramm müsste demnach zu mehr als 90 Prozent aus Zucker bestehen, damit die Ampel Rot zeigt.

Noch im Jahr 2010 verhinderte die Lebensmittelwirtschaft infolge einer Lobby­kampagne erfolgreich eine EU-weit verbindliche Ampelkennzeichnung für den Nährwertgehalt bei verarbeiteten Lebensmitteln. Ärzteverbände, Krankenkassen und Verbraucherorganisationen forderten damals die Umsetzung des Modells der britischen FSA: Für jedes Produkt sollte der Gehalt an den wichtigsten Nährwerten (Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz) in absoluten Grammzahlen angegeben werden – und zwar einheitlich pro 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter.

Zur Orientie­rung sollte jeder dieser vier Werte mit einer der bekannten Signalfarben Rot, Gelb und Grün hinterlegt werden. Die Industrie entwarf hingegen für die Verpackungsvorderseite ein eigenes, sogenanntes GDA-Modell (Guideline Daily Amounts), das oft auf unrealis­tisch kleinen Portionsgrößen basiert und in Prozent­angaben Anteile am selbstgewähl­ten „Richtwert für die Tageszufuhr“ für verschiedene Nährwerte angibt. Das Europäi­sche Parlament stimmte 2010 gegen die Einführung der Ampelkennzeichnung und übernahm das GDA-Modell der Industrie.

Mit ihrer neuen Initiative präsentieren sich die Lebensmittelriesen als Teil der Lösung – doch in Wahrheit sind sie Kern des Problems. Oliver Huizinga, foodwatch

Mittlerweile haben jedoch zwei EU-Länder, Frankreich und Großbritannien, eine farbige Nährwertkennzeichnung auf freiwilliger Basis eingeführt. Nach Meinung von food­watch steht die Lebensmittelwirtschaft massiv unter Druck, da immer mehr Regierungen Lebensmittelfirmen mit gesetzlichen Vorgaben in die Pflicht nehmen.

„Dass die großen Konzerne nun eine Pseudoampel aus dem Boden stampfen, ist der dreiste Versuch, eine wirklich verbraucherfreundliche Nährwertkennzeichnung zu verhindern. Mit ihrer neuen Initiative präsentieren sich die Lebensmittelriesen als Teil der Lösung – doch in Wahrheit sind sie Kern des Problems“, erklärte Oliver Huizinga von foodwatch. © gie/aerzteblatt.de

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simplicissimus500
am Montag, 8. Januar 2018, 20:54

Wie machen die das blos?

"Noch im Jahr 2010 verhinderte die Lebensmittelwirtschaft infolge einer Lobby­kampagne erfolgreich eine EU-weit verbindliche Ampelkennzeichnung für den Nährwertgehalt bei verarbeiteten Lebensmitteln."
Wie beeinflussen diese Firmen eigentlich die Politiker in ihrem Sinne? Sie werden sie doch wohl nicht dafür bezahlen? Unvorstellbar, dass unsere Volksvertreter so etwas mit sich geschehen ließen. Wir haben ihnen doch das Vertrauen ausgesprochen. Niemals würden die sich für ihre Entscheidungen bezahlen lassen. Niemals!

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