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Medizin

Neue multiresistente Tuberkulose unter Migranten aus Ostafrika entdeckt

Dienstag, 9. Januar 2018

Mycobacterium tuberculosis (orange) in einem Sputum-Abstrich /dpa

Zürich – Die Herkunft vieler Migranten aus Hoch-Endemie-Ländern birgt das Risiko der Einschleppung resistenter Tuberkuloseerreger. Im letzten Jahr wurde in 7 europäischen Ländern ein bisher unbekannter Stamm bei 29 Migranten entdeckt, die alle aus Ländern am Horn von Afrika kamen, sich aber möglicherweise in einem Lager in Libyen infizierten, wie molekulargenetische Untersuchungen in Lancet Infectious Diseases (2018; doi: 10.1016/S1473-3099(18)30004-5) vermuten lassen.

Tuberkuloseerkrankungen sind in den meisten westeuropäischen Ländern selten geworden. In anderen Regionen ist die Erkrankung jedoch noch weit verbreitet. Weltweit erkranken nach Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation jährlich mehr als 10 Millionen Menschen. Darunter sind etwa 600.000 Infektionen mit M.-tubercu­losis-Stämmen, die gegen Rifampicin und häufig auch weitere Antibiotika resistent sind.

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Zu den ausgesprochenen Hoch-Endemie-Regionen gehören die Länder am Horn von Afrika. Die Inzidenz liegt dort zwischen 62 pro 100.000 Einwohner in Eritrea und 378 pro 100.000 in Djibouti (zum Vergleich Deutschland: 7,2 pro 100.000 Einwohner). Multiresistente Erreger sind dort keine Seltenheit. Dennoch war man beim Schweizerischen Nationalen Referenzzentrum für Mykobakterien (NZM) an der Universität Zürich sicher überrascht, als bei einem somalischen Asylbewerber im Februar 2016 ein Erreger nachgewiesen wurde, der gleich gegen 4 verschiedene Antibiotika resistent war. Der Patient musste über mehrere Monate im Krankenhaus mit mehreren Antibiotika behandelt werden.

In den folgenden Monaten wurde der multiresistente Keim bei 7 weiteren Patienten gefunden, die aus Somalia, Eritrea und Djibouti über Libyen und Italien in die Schweiz gelangt waren. Die Schweizer Behörden alarmierten daraufhin das European Center for Disease Prevention and Control (ECDC). Währenddessen war dem deutschen Referenz­labor in Borstel bei Hamburg eine Erkrankung mit dem gleichen Resistenzmuster aufgefallen. In den folgenden Wochen trafen Meldungen aus Frankreich, Finnland, Großbritannien, Österreich und Schweden ein. Insgesamt 29 Patienten hatten sich infiziert. Bis auf einen konnten alle Patienten behandelt werden und bisher gibt es keine Berichte über weitere Infektionen in Europa. 

Molekulargenetische Untersuchungen und Interviews haben es dem Team um Peter Keller vom NZM in Zürich ermöglicht, die Spuren der Infektionen zu rekonstruieren. Eine Genomanalyse ergab, dass die Erreger sich genetisch so ähnlich waren, dass die meisten Patienten sich vermutlich nicht in ihrer Heimat, sondern auf dem Weg nach Europa infiziert haben. Die meisten hatten sich zeitgleich in einem Flüchtlingscamp bei Bani Waleed in Libyen aufgehalten. Das überfüllte Lager rund 180 Kilometer südöstlich von Tripolis sei berüchtigt für seine unhygienischen und menschenunwürdigen Verhältnisse, schreibt Keller. Die Migranten berichteten, dass sie dort mit etwa 300 anderen Migranten in einer größeren Halle ohne Fenster und ausreichende Belüftung zusammengepfercht waren, was die Übertragung der Tuberkuloseerreger erleichtert haben könnte.

Der Indexpatient, der die Bakterie in das Camp eingeschleppt hat, konnte nicht mehr mit Sicherheit ermittelt werden. Aufgrund des Genprofils vermuten die Forscher den Ursprungsort im Norden Somalias. Dort könnte der Tuberkuloseerreger aufgrund neuer Mutationen die gefährliche Resistenzkombination entwickelt haben. 

Gemeinsamer Nenner war eine Resistenz gegen Capreomycin, die über eine Mutation im tlyA-Gen vermittelt wird. Die Resistenz ist relativ alt. Keller vermutet deshalb, dass sie nicht durch den unkritischen Einsatz von Antibiotika entstanden ist. 

Inzwischen ist bekannt, dass der Stamm gegen 5 Antibiotika resistent ist. Neben Capreomycin war auch Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid bei den Patienten nicht mehr wirksam. Die Empfindlichkeit auf Aminoglykoside ist jedoch erhalten geblieben, sodass es noch Behandlungsmöglichkeiten gibt. 

Die Forscher haben aufgrund der genetischen Analysen einen PCR-Schnelltest entwickelt, mit dem die Infektion mit dem multiresistenten Keim schnell diagnostiziert werden kann. Bis Manuskriptabgabe Mitte Juli 2017 wurden in Deutschland 4 weitere und in Italien 1 weiterer Fall gefunden. © rme/aerzteblatt.de

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