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Medizin

Paracetamol in der Schwangerschaft könnte die Sprachentwicklung beeinträchtigen

Donnerstag, 11. Januar 2018

Mädchen lernt sprechen mit Buchstaben. /tibanna79, adobe.stock.com
Die langfristige kognitive Entwicklung des Kindes lässt sich am Wortschatz im Alter von 30 Monaten noch nicht eindeutig abschätzen. /tibanna79, adobe.stock.com

Karlstad/New York – Nehmen Frauen Paracetamol in der Schwangerschaft, könnte das die Sprachentwicklung des Kindes beeinträchtigen – jedoch nur bei Mädchen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Karlstad University in Schweden und der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York in einer Beobachtungsstudie, die sie im European Psychiatry veröffentlicht haben (2017; doi: 10.1016/j.eurpsy.2017.10.007). Die Ergebnisse würden aber nicht ausreichen, um die Empfehlung von Paracetamol als Analgetikum der Wahl in der Schwangerschaft einzuschränken oder aufzuheben, teilt das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit.

Die Studie beruht auf einer Analyse von mehr als 700 schwangeren Frauen, die an der SELMA-Studie (Swedish Environmental Longitudinal, Mother and child, Asthma and allergy) teilgenommen haben. Demnach weisen bei einer Untersuchung 30 Monate nach der Geburt signifikant mehr Mädchen eine Sprachverzögerung auf, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol genommen haben – im Vergleich zu Mädchen, deren Mütter nicht das Medikament nahmen. Im gesamten Untersuchungskollektiv wiesen insgesamt 64 Kinder einen Wortschatz unter 50 Wörtern auf.

Ein signifikanter Effekt ließ sich nur in der Gruppe der Mütter nachweisen, die am meisten Paracetamol nahmen. Sie berichteten, mehr als 6 Tabletten im 1. Trimester genommen zu haben. Ihre Töchter hatten ein knapp 6-fach erhöhtes Risiko, eine Sprachverzögerung zu bekommen, als Töchter, deren Mütter kein Paracetamol genommen haben.

Studie mit Schwächen

Ungewiss bleibt dabei, ob 6 Tabletten an einem Tag oder pro Woche eingenommen wurden. Dies hätte jedoch einen „biologischen Effekt von erheblicher Bedeutung“, gibt der Oberarzt und Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie am Universi­tätsfrauenklinik Ulm, Wolfgang E. Paulus zu Bedenken. Auch der Urintest könne aufgrund der Halbwertszeit von Paracetamol von 2 bis 3 Stunden nur einen kurz­fristi­gen Eindruck vermitteln, führt das außerordentliche Mitglied in der Arzneimittel­kommission der deutschen Ärzteschaft weiter aus. Die Instrumente der Erfassung einer Paracetamolanwendung erscheinen ihm relativ grob.

Die postulierten durch Paracetamol verursachten hormonellen Störungen mit Auswirkung auf die Sprachentwicklung sind in keiner Weise belegt. Christof Schäfer, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Auf Schwächen der Studien macht auch Christof Schäfer von der Charité – Universi­täts­medizin Berlin aufmerksam: „Diese Ergebnisse beruhen auf relativ geringen Fallzahlen exponierter Mädchen – deutlich unter 100 – was sich in den extrem weiten Vertrauensintervallen der Ergebnisse niederschlägt.“ Die von den Autoren beobachte­ten Zusammenhänge zwischen Paracetamol und Sprachentwicklung mit ungünstigem ‚Effekt’ bei Mädchen und leicht günstigem Effekt bei Jungen sind nach Schäfers Ansicht nicht plausibel zu erklären.

„Die postulierten durch Paracetamol verursachten hormo­nellen Störungen mit Auswirkung auf die Sprachentwicklung sind in keiner Weise belegt“, sagt der Leiter des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonal­toxikologie. Zudem sprächen bisherige Erkenntnisse dafür, dass die empfindliche Phase für moderate Einschränkungen in der Sprachentwicklung eher später in der Schwanger­schaft liege.

Trotz diverser methodischen Einschränkungen sollte die Studie einmal mehr zum Nachdenken anregen, findet Paulus: „Vor 20 Jahren wurde Paracetamol als völlig unbedenklich in der Schwangerschaft eingestuft. Erst die großen skandinavischen Register ließen auf der Basis von Tausenden von Schwangeren den Verdacht aufkommen, dass der Wirkstoff die neurologische Entwicklung beeinflussen könnte.“

Paracetamol könnte kindliche Entwicklung beeinflussen

In einigen anderen Studien wurde die Einnahme von Paracetamol in der Schwanger­schaft mit erhöhten Risiken für das Auftreten von Asthma, Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom (ADHS) und Verhaltensproblemen bei den Kindern und jüngst erst Entwicklungsstörungen der weiblichen Fortpflanzungsorgane von Nagern in Zusammenhang gebracht. Diese Zusammenhänge sind jedoch umstritten, weil wichtige klinische Daten fehlen – was wiederum darauf beruht, dass Schwangere von der Teilnahme an klinischen Studien in der Regel ausgeschlossen sind.

Es gibt aus tierexperimentellen wie auch epidemiologischen Studien Hinweise auf eine Beeinflussung hormonell gesteuerter kindlicher Entwicklungsprozesse bei Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft, die einen Erklärungsansatz darstellen könnten, teilt das BfArM mit. „Hierzu gehört auch die Assoziation mit Hodenhochstand bei Jungen.“ Es sei allerdings zu beachten, dass es sich bei solchen Störungen um ein multifaktorielles Geschehen handle. Eindeutige kausale Zusammenhänge können laut BfArM nicht abgeleitet werden.

Aktuelle Risikobewertung weiterhin gültig

Paracetamol gilt in Fachkreisen und laut Patientenempfehlungen als eines der sichersten Schmerzmittel für die Behandlung von Schwangeren. Zu diesem Schluss kommen auch diverse Risikobewertungen auf europäischer Ebene im Ausschuss für Risikobewertung (PRAC), die zu frühkindlichen Entwicklungsstörungen nach Anwen­dung von Paracetamol in der Schwangerschaft zuletzt im Jahr 2017 durchgeführt wurden. Das BfArM teilt diese Einschätzung weiterhin. Und auch die Autoren der Studie kommen zu diesem Schluss: „[…] suggest that pregnant women take the precautionary action of limiting their use of this common analgesic.“ © gie/aerzteblatt.de

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