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Politik

Politik und Ärzteschaft uneins über Strategie gegen Organspendemangel

Montag, 15. Januar 2018

/dpa

Berlin – Nachdem die Organspendezahlen in Deutschland auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gesunken sind, ringen Politik und Ärzteschaft um Lösungen. So erneuerte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach seine Forderung nach einem Systemwechsel und der Einführung der Widerspruchslösung.

„Wer nicht spenden will, muss vorher ‚Nein’ sagen“, sagte er heute auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes (DÄ). Notwendig wäre ein Register, in das sich diejenigen eintragen könnten, die nicht bereit seien zu spenden. „Wir können verlangen, dass sich jeder aktiv erklärt, der seine Organe im Todesfall nicht für das Leben anderer Menschen hergeben möchte“, sagte der Gesundheitsexperte.

Es wird zu wenig geworben

Lauterbach reagierte damit auf die aktuelle Statistik der Deutschen Stiftung Organ­trans­plantation, wonach im vergangenen Jahr nur 797 Menschen Organe gespendet haben, 60 weniger als im Vorjahr. Die Zahl der gespendeten Organe ging um 9,5 Prozent auf 2.594 zurück. „Es wird in Deutschland viel zu wenig für Organspenden geworben“, kritisierte Lauterbach. Die Menschen wüssten nicht, was es heiße, verzweifelt auf ein Organ zu warten, so der SPD-Politiker.

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Der Widerspruchslösung eine Absage erteilt dagegen die CDU/CSU-Bundestags­fraktion. „Dies widerspricht unserer Philosophie und unserem freiheitlichen Menschenbild“, sagte eine Sprecherin der Fraktion dem Deutschen Ärzteblatt. Sie betonte, nötig seien vielmehr deutlich mehr Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung. 

So sieht es auch die FDP. „Die Organspende ist ein wichtiger Einsatz für die Gemein­schaft und zur Rettung von Menschenleben unverzichtbar. Ich bin jedoch gegen einen Systemwechsel im Sinne einer Widerspruchslösung, da dies mit einem Zwang für die Bürger verbunden ist“, teilte Christine Aschenberg-Dugnus aus der FDP-Bundestags­fraktion dem Deutschen Ärzteblatt auf Anfrage mit.

Mehr Aufklärung notwendig

„Was wir brauchen ist eine bessere Aufklärung durch eine vermehrte Anzahl von Trans­plantationsbeauftragten in den Kliniken. Ich halte daher an der Zustimmungslösung fest, da jeder selbst entscheiden soll, ob er seine Organe spendet oder nicht. Die Vergabe muss aber rechtssicher und transparent gestaltet werden. Nur so können wir das durch die Skandale entstandene Misstrauen wiederherstellen“, so Aschenberg-Dugnus.

Gegen eine Widerspruchslösung sprechen sich auch die Grünen aus. „Klar ist, Organ­spende rettet Leben. Der Rückgang der Spenderbereitschaft ist alarmierend. Es ist aber bislang völlig unklar, warum die Spenderzahlen sinken. Bevor man nicht die Ursache kennt, sollte man sich mit Schüssen ins Blaue zurückhalten“, sagte Kirsten Kappert-Gonther aus der Bundestagsfraktion der Partei.

Die Forderung nach der Widerspruchslösung sei übereilt. „Das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen über den eigenen Körper ist ein zu hohes Gut, als dass man es ohne Not preisgeben sollte“, sagte sie. Zudem zeigten die Erfahrungen aus anderen euro­päischen Staaten, die die Widerspruchslösung haben, dass diese für die Spenderzahlen nicht entscheidend sei. „Wichtiger ist eine gute Kooperation und Organisation im Klinikbereich“, so die Grünen-Politikerin.

Auch die Fraktion „Die Linke“ erteilt der Widerspruchslösung eine Absage. „Für mehr Transparenz und Vertrauen zu sorgen, ist effektiver als die sogenannte Widerspruchs­lösung“, sagte Harald Weinberg, gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion, dem Deutschen Ärzteblatt. „Die Fraktion ‚Die Linke’ hat immer betont, dass Organspende ein sehr hohes Vertrauen braucht. Sie fordert schon lange mehr Transparenz im gesamten Prozess von Organspende und Transplantation sowie staatliche Kontrolle statt durch  private Stiftungen oder Vereine“, betonte er.

„Die große Mehrheit der Bevölkerung steht der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber“, betonte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery. Trotzdem sinke die Zahl der Spender schon seit Jahren. „Wenn wir in Zukunft mehr Menschenleben durch Organtransplantationen retten wollen, müssen wir dringend die strukturellen Defizite in den Krankenhäusern beseitigen“, mahnte er.

Volle Konzentration notwendig

Da sei zum einen der enorme Zeitdruck. „Unsere Ärzte in den Krankenhäusern sind extrem überlastet. Zwischen Patientenversorgung und Schreibtischarbeit bleibt ihnen kaum noch Zeit, um die schwierigen und emotional belastenden Gespräche mit den Angehörigen potenzieller Spender zu führen“, kritisierte Montgomery. Nötig seien daher entsprechend ausgebildete Transplantationsbeauftragte, die sich voll auf ihre Aufgabe konzentrieren können. „Zum anderen müssen die Vorhaltekosten für die Organentnahme endlich ausreichend finanziert werden“, forderte der BÄK-Präsident. 

Für einen Systemwechsel sprach sich hingegen der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, aus. „Es ist Zeit für eine offene, ehrliche und transparente Debatte über die Organspende. Die Einführung der erweiterten Wider­spruchslösung ist dringend nötig“, sagte er. Seit Jahren stagniere die Spendebereit­schaft auf einem niedrigen Niveau, so Windhorst. Die aktuellen negativen Zahlen seien ein Beleg dafür, dass das Thema der Organspende in der Bevölkerung nicht genügend präsent sei.

Wenn es an Aufklärung und Kenntnissen über die Organspende fehle, sei die derzeit gültige Entscheidungslösung nicht mehr der richtige Weg. „Das seit einigen Jahren geltende deutsche Verfahren, dass Krankenkassen ihre Versicherten informieren und diese dann eine Entscheidung über eine mögliche Organspende treffen, hat keine nachhaltige Besserung der Situation gebracht“, kritisierte er. „Das System hat versagt“, so sein Fazit. © hil/dpa/aerzteblatt.de

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Morrighan
am Montag, 15. Januar 2018, 21:34

Eigentlich nicht so schwer.

Dabei ist die Lösung so einfach. Jedem kann grundsätzlich nach den aktuellen Regeln Organe entnommen werden. Wer dies nicht möchte, aus welchen Gründen auch immer, führt einen Ausweis mit sich auf dem dies markiert ist. Ein KEINSpenderausweis sozusagen. Ende des Problems. Zusätzlich muss natürlich Aufklärung stattfinden. Am Besten schon an Schulen beginnen.

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