NewsMedizin„CancerSEEK“: Bluttest soll acht Krebsarten erkennen – Experten skeptisch
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Medizin

„CancerSEEK“: Bluttest soll acht Krebsarten erkennen – Experten skeptisch

Freitag, 19. Januar 2018

/Syda Productions, stock.adobe.com
Baltimore – Der kombinierte Nachweis der Tumor-DNA aus 16 Krebsgenen mit acht konventionellen Tumormarkern hat in einer Pilotstudie die Diagnose von acht häufigen Krebsarten mit hoher Genauigkeit ermöglicht. Ob der in Science (2018; doi: 10.1126/science.aar3247) vorgestellte Krebssuchtest „CancerSEEK“ sich auch zum Screening eignet, wurde bisher nicht ermittelt.

Bei größeren Tumoren kommt es regelmäßig zum Zerfall von Krebszellen, deren Inhalt ins Blut ausgeschwemmt wird. Zum Inhalt gehören einmal Proteine, die als Tumor­marker bereits zur Verlaufskontrolle und in einem Fall (dem PSA-Test) auch zum Screening genutzt werden. Zum anderen werden auch DNA-Bruchstücke freigesetzt, die als zirkulierende DNA im Blut mit Gensonden aufgespürt werden werden können. 

Ein Team um Nickolas Papadopoulos vom Kimmel Cancer Center in Baltimore hat jetzt einen Test entwickelt, der den Nachweis von acht Proteinen mit der Suche nach zirkulierender DNA von 16 Krebsgenen kombiniert. Die acht Proteine sind das Cancer-Antigen 125 (CA 125), das karzinoembryonale Antigen (CEA), das Cancer-Antigen 19-9 (CA 19-9), Prolaktin, der Hepatozyten-Wachstumsfaktor (HGF), Osteopontin (OPN), Myeloperoxidase (MPO) und der Tissue Inhibitor of Metalloproteinases 1 (TIMP1). Einige dieser Proteine nämlich CA-125, CEA und CA19-9, werden heute bereits zur Verlaufskontrolle von Tumorerkrankungen eingesetzt.

Weniger gebräuchlich ist der Nachweis von zirkulierender DNA, obwohl sich Krebs­zellen hier stark von normalen Zellen unterscheiden. Zum einen ist Krebs die Folge von Mutationen, zum anderen kommt es beim Tumorwachstum zu einem zunehmenden genetischen Chaos. Mit der sogenannten „liquid biopsy“ wird versucht, die ins Blut ausgeschwemmten Krebsgene für die Diagnose von Krebserkrankungen zu nutzen. Das Problem besteht hier darin, aus der Vielzahl bekannter Gene eine Auswahl zu treffen, die am ehesten geeignet ist, Tumore zu erkennen. Eine Auswahl ist auch aus Kostengründen erforderlich. 

Die US-Forscher entschieden sich für den Nachweis von 61 Amplicons aus 16 Genen. Jedes Amplicon bestand im Durchschnitt aus 33 Basenpaaren. Zunächst wurde jedes Amplicon mit der Polymerase-Kettenreaktion vermehrt und der „DNA barcode“ dann mit einem Katalog bekannter Krebsmutationen („Catalog of Somatic Mutations in Cancer“) verglichen. Die Kosten konnten dadurch in einem vernünftigen Rahmen gehalten werden. Papadopoulos glaubt, dass „CancerSEEK“ später für etwa 500 US-Dollar angeboten werden könnte. Das sei weniger als beispielsweise für eine Koloskopie aufgewendet werden müsste.

Während die Koloskopie aufwendig und für den Patienten unangenehm ist, könnte der „CancerSEEK“-Test an einer einzelnen Blutprobe durchgeführt werden. Außerdem würde er nicht eine, sondern insgesamt acht Krebsarten erkennen. 

In einer ersten Pilotstudie haben die Forscher den Test an 1.005 Patienten getestet, die an Eierstock-, Leber-, Speiseröhren-, Bauchspeicheldrüsen-, Magen-, Darm-, Lungen- oder Brustkrebs litten. Diese Tumore wurden ausgewählt, weil sie für 60 Prozent aller Krebstodesfälle in den USA verantwortlich sind. Die meisten Patienten befanden sich im Stadium II (49 Prozent), gefolgt von Stadium III (31 Prozent) und Stadium I (20 Prozent).

CancerSEEK erreichte insgesamt eine Sensitivität bei 70 Prozent für die Gesamtgruppe der acht Krebsarten. Die Bandbreite reichte von 33 Prozent für Brustkrebs bis zu 98 Prozent für Eierstockkrebs.

Die Sensitivität stieg mit dem Stadium der Krebserkrankung. Im Stadium I lag sie nur bei 43 Prozent, im Stadium II bei 73 Prozent und im Stadium III bei 78 Prozent.

Die höchste Sensitivität im Stadium I wurde beim Leberkrebs (100 Prozent) und die niedrigste beim Speiseröhrenkrebs (20 Prozent) erzielt.

Die Spezifität von CancerSEEK lag bei über 99 Prozent: Von den 812 gesunden Probanden hatten nur sieben ein falsch-positives Ergebnis.

Da die Tests retrospektiv an einer Gruppe von Patienten mit bekannten Krebserkran­kungen durchgeführt wurden und die Kontrollgruppe nur gesunde Personen ohne Begleiterkrankungen waren, lässt sich der Stellenwert für die Krebsfrüherkennung nicht abschätzen.

Die deutschen Experten sind deshalb in ihrer Beurteilung zurückhaltend. Udo Siebholt, Universität Halle, von der AG Molekularpathologie der Deutschen Gesellschaft für Pathologie bezweifelt, dass CancerSEEK die Anforderungen eines Screeningtests erfüllen kann. Sensitivität, Spezifität und Robustheit des Verfahrens müssten sehr hoch sein, um unnötige Untersuchungen, Kosten und eine Verunsicherung der Testpersonen zu vermeiden. Vor allem der Stellenwert zellfreier DNA sei derzeit noch nicht abzuschätzen. Dr. Siebholt vermutet, dass gutartige Läsionen, wie etwa Darmpolypen, die erste genetische Veränderungen aufweisen, aufgrund ihrer Häufigkeit zu weitaus mehr falsch-positiven Ergebnissen führen werden als in der Kontrollgruppe der Studie. 

Siebholt bezweifelt auch den Sinn eines allgemeinen Suchtests auf Frühstadien von Krebserkrankungen. Bessere Ergebnisse würden heute mit dem gezielten Screening auf Vorläuferläsionen etwa beim Zervixkarzinom erzielt. Auch die Kosten von 500 Dollar pro Test seien vermutlich zu niedrig gegriffen, da bei einer zu erwartenden niedrigeren Spezifität hohe Kosten durch unnötige Nachuntersuchungen zu erwarten seien.

Holger Sültmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ)  in Heidelberg glaubt dagegen, dass der Test „konzeptuell ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer verbesserten Früherkennung“ sein kann. Bei allen getesteten Krebsarten gebe es einen hohen Bedarf für eine Früherkennung. Und in der Verwendung von minimal-invasiv zugänglichen Körpermaterialien – beispielsweise einer Blutprobe – sieht der Leiter der Arbeitsgruppe Krebsgenomforschung einen prinzipiellen Mehrwert. Laut Sültmann sollten die positiven Ergebnisse bei den sieben Probanden der Kontroll­gruppe ernst genommen werden. Er würde die Betroffenen zu einem klinischen Monitoring raten.

Auch Klaus Pantel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ist in der Beurteilung zurückhaltend. Relevant für die Früherkennung sei die Frage, wie der Bluttest bei den frühen Krebsstadien abschneide. Die Sensitivität von 43 Prozent im Stadium I, die zudem zwischen den acht Tumorarten stark schwanke, sei möglicher­weise zu gering. Der Direktor des Instituts für Tumorbiologie am Zentrum für Experimentelle Medizin des UKEs könnte sich trotz aller Kritikpunkte jedoch vorstellen, dass die Liquid Biopsy-Analytik das Potenzial hat, zu einer „diagnostischen Kerntechnologie“ zu werden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #739244
Freiwillig
am Samstag, 20. Januar 2018, 23:30

Wer mit Zahlen um sich wirft, sollte sie selbst auch verstehen..

Ein positiver prädiktiver Wert von 65% wäre extrem gut, absolut screeninggeeignet und keine "Falle"! Der positiver prädiktiver Wert z.B. beim Mammographie-Screening liegt bei um die 10%. Mit "Münze werfen" hätten 65% absolut nichts zu tun. Würden Sie eine Münze werfen, dann hätten Sie in Ihrem Beispiel 5.000 positive Tests und davon 4.750 falsch positive und damit einen positiven prädiktiven Wert von 5%.
Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 20. Januar 2018, 02:29

Wieder mal die Falle

mit "Spezifität" und "Sensitivität"
Schließlich werden überwiegend Gesunde "präventiv" untersucht.
Werden 10.000 Gesunde untersucht, von denen 500 ein Malignom haben, ergibt sich folgendes: 100 Menschen, die kein Malignom haben, werden falsch als krebskrank diagnostiziert,350 werden richtig als krebskrank erkannt, 150 werden falsch als gesund erkannt.
Ein positives Testergebnis bedeutet also, mit einer Wahrscheinlichkeit von 65% (250/350) einen Tumor zu haben,
Nimmt man "Ausreißer" mit hoher Spezifität heraus (Leber- Eierstock u Prostatakrebs), kann man statt des Tests auch eine Münze werfen!
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 19. Januar 2018, 20:38

Da lacht das Internet!

"Unsere diagnostischen Möglichkeiten:...
HEG (Hochfrequenzelektrografie)
Akupunkturpunktwiderstandsmessung
Irisdiagnostik
Einzelne Laboruntersuchungen, die HEG-Untersuchung, Akupunkturpunktwiderstandsmessung, Akupunktur sowie Irisdiagnostik sind keine Kassenleistung..."
schreibt die Praxis Blumenstein unter
Email: praxis@blumenstein.de

Wie war nochmal der Titel des einschlägigen Kommentars: "Geld verdienen, koste es, was es wolle"???

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #716548
praxis@blumenstein.de
am Freitag, 19. Januar 2018, 18:12

Geld verdienen, koste es, was es wolle

Wir werden ja jetzt schon von Patienten zu Risiko-Untersuchungen gedrängt, ...nur um wirklich sicher zu sein...
Und die Früherkennungsprogramme, mit guter Absicht gestartet, haben die Gesamtsterblichkeit erhöht. 8% der männlichen Unfallopfer zwischen 20 und 29 Jahre hatten einen nachweisbaren Prostatakrebs. Beim Brustkrebs ist es kaum anders.
Alle Menschen, bei denen Krebshinweise gefunden wurden haben ein hohes Risiko durch Überdiagnostik zu sterben und ein recht kleines, dem Krebs zu erliegen. Aber: Angst wird geschürt, die belegtermaßen immunsuppressiv ist. Geld verdienen. "Whatever it takes" Pfui Teufel! Die Investoren wissen, welches Leid sie anrichten!
LNS

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