Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Polioartige Lähmungen: Enterovirus D68 als Auslöser (fast) überführt

Dienstag, 23. Januar 2018

Enteroviren D68 /dpa

Sydney – Die Zunahme von polioartigen akuten schlaffen Lähmungen, zu denen es zuerst 2014 in den USA und später auch in Europa einschließlich Deutschland gekommen ist, wurden durch genetisch veränderte Stämme des Enterovirus D68 ausgelöst. Davon sind Experten in Eurosurveillance (2018; doi: 10.2807/1560-7917.ES.2018.23.3.17-00310) zunehmend überzeugt.

Das Enterovirus D68 wurde erstmals im Jahr 1962 bei 4 kalifornischen Kindern mit akuten Atemwegserkrankungen isoliert. Es blieb danach bei vereinzelten Nachweisen des „Darmvirus“ bei Atemwegserkrankungen, bis es 2014 zu einer Epidemie kam. Den Centers for Disease Control and Prevention wurden damals 1.150 Atemwegs­erkran­kungen gemeldet. Gleichzeitig kann es zu einer ungewöhnlichen Häufung von akuten schlaffen Paresen (AFP). Es handelte sich zumeist um Kinder, die nach einer unkompli­zierten Atemwegserkrankung plötzlich Muskelschwächen entwickelten, die stark an eine Poliomyelitis erinnerten. Bei keinem der 120 erkrankten Patienten konnten jedoch Polioviren nachgewiesen werden. Stattdessen wurde bei jedem 2. Kind die RNA von Enterovirus D68 in den Atemsekreten gefunden. Der Nachweis im Liquor war jedoch nur bei einem Kind positiv.

Seither sind in den USA immer wieder ähnliche Fälle aufgetreten. Auch in Europa wurden AFP-Fälle mit dem Enterovirus D68 in Verbindung gebracht. Neben Dänemark, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Spanien und Schweden war auch Deutschland betroffen. Das Robert-Koch-Institut hat im Jahr 2016 im Rahmen der bundesweit durchgeführten Enterovirus-Surveillance 78 AFP-Fälle untersucht. In 7 der insgesamt 78 AFP-Fälle wurde ein Enterovirus nachgewiesen, davon war ein Patient mit Nachweis von Enterovirus-D68.

Das allein beweist noch nicht, dass Enterovirus D68 der Verursacher war. In den letzten Jahren wurden jedoch weitere Hinweise gefunden. Am wichtigsten waren tierexperi­men­telle Untersuchungen, die ein Team um Kenneth Tyler von der University of Colorado School of Medicine in Aurora im letzten Jahr in PLoS Pathogens (2017; 13: e1006199) vorstellte. Den Forschern gelang es, Mäuse mit den 2014 gefundenen Stämmen zu infizieren. 4 der 5 Stämme lösten bei den Mäusen eine akute AFP aus. Der 5. Stamm und die 1962 isolierten Viren waren für die Mäuse nicht pathogen. 

Einer der 4 Stämme (MO/14-18947) war in einer eingehenderen Untersuchung im Rückenmark der gelähmten Mäuse nachweisbar. Die Infektion war (wie bei der Polio­myelitis) mit dem Untergang von Motoneuronen in den Vorderhörnern des Rücken­marks verbunden. Die Forscher isolierten die Viren aus dem Rückenmark und übertrugen sie auf gesunde Tiere, die daraufhin ebenfalls an einer AFP erkrankten. Damit waren die 3 Koch’schen Postulate (Nachweis, Isolation und Infektion gesunder Tiere) erfüllt. 

Raina MacIntyre vom National Health and Medical Research Council (NHMRC) in Sydney hält jetzt in einer Übersicht der publizierten Literatur auch 6 der 9 Bradford-Hill-Kriterien einer Kausalität für erfüllt: Dies sind Folgerichtigkeit, Zeitlichkeit, Plausibilität, Stimmigkeit, Experiment und Analogie. 2 weitere Kriterien, Stärke und Spezifität, sieht MacIntyre als teilweise erfüllt an, während das Kriterium eines biologischen Gradienten (stärkere Exposition führt zu häufigerer Erkrankung) nur minimal erfüllt sei.

MacIntyre vermutet, dass sich das Virus seit der Entdeckung 1962 genetisch verändert hat. Was genau der erhöhten Pathogenität zugrunde liegt, ist nicht bekannt. Unter­suchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass es 4 verschiedene Kladen (Clade) von Enterovirus D68 gibt, die als A, B, C und D bezeichnet werden. Die Stämme, die 2014 in den USA isoliert wurden, gehörten hauptsächlich zur Klade B, insbesondere zu B1. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

18. April 2018
Cincinnati – Ein Transkriptionsfaktor, den das Epstein-Barr-Virus in B-Zellen einschleust, ist offenbar dafür verantwortlich, dass viele Patienten später an einem Lupus erythematodes erkranken. Die
Epstein-Barr-Virus schaltet Risikogene für Autoimmunerkrankungen an
28. März 2018
Saint Louis – Antibiotika sind bei Virusinfektionen nicht nur wirkungslos, sie könnten sogar schädlich sein, wie tierexperimentelle Untersuchungen in Cell Reports (2018; doi:
Wie orale Antibiotika die Symptome von Virusinfektionen verstärken
23. Februar 2018
Melbourne – Ein neuer Impfstoff gegen Rotavirusinfektionen, der bereits wenige Tage nach der Geburt verabreicht werden kann, hat in einer randomisierten Studie im New England Journal of Medicine
Rotavirus: Neuer Impfstoff schützt Säuglinge gleich nach der Geburt
9. Februar 2018
Frankfurt – Wer beim Frühjahrsputz Staub einatmet, setzt sich in manchen Gebieten Deutschlands einem erhöhten Infektionsrisiko durch Hantaviren aus. Diese finden sich unter anderem in Staub, der mit
Hantaviren: Erhöhte Gefahr im Frühsommer und in waldreichen Gebieten
7. Februar 2018
Pyeongchang – Der deutsche Olympia-Arzt hat nach zahlreichen Magen-Darm-Erkrankungen und zahlreiche Norovirus-Fällen bei den Sicherheitskräften Entwarnung gegeben. „Nach aktuellem Kenntnisstand gibt
Deutscher Olympia-Arzt gibt nach Norovirus-Fällen Entwarnung
23. Januar 2018
Berlin – Nach ungewöhnlich vielen gemeldeten Infektionen mit dem Norovirus im vergangenen Winter haben sich die Erkrankungszahlen in der laufenden Saison wieder normalisiert. Im Dezember 2017 seien
Norovirusinfektionen wieder auf Normalniveau
3. November 2017
Stuttgart – Die Zahl der Infektionen mit dem Hantavirus ist in den vergangenen Wochen in Baden-Württemberg zurückgegangen. Nach Angaben des Landesgesundheitsamts gab es seit Oktober vier bis sieben
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige