Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Entlassmanagement bereitet Krankenhäusern Probleme

Donnerstag, 25. Januar 2018

/thodonal, stockadobecom

Berlin – Bei der Umsetzung der neuen Regeln zum Entlassmanagement gibt es vielerorts noch Probleme. Zugleich zeigt sich aber, dass die Krankenhäuser zahlreiche Änderungen angestoßen haben. Das haben zwei Veranstaltungen zum Thema in Berlin deutlich gemacht.

Grundlage des neuen Entlassmanagements ist der Rahmenvertrag zwischen GKV-Spitzenverband, Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG), der seit dem 1. Oktober 2017 gilt. Diesem Vertrag zufolge müssen die Krankenhäuser ein standardisiertes Entlassmanagement in multidisziplinärer Zusammenarbeit sicherstellen. Dafür müssen sie zum Beispiel die schriftliche Einwilligung der Patienten einholen, die zu ihrer Entlassung einen Entlassbrief erhalten müssen.

Es fehlt die Zeit

Von dem Stand der Umsetzung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) berichtete die Leiterin des dortigen Change Managements, Martina Oldhafer. „Wir nutzen die Aufnahme dafür, dass die Patienten die Einwilligung zum Entlass­management unterschreiben“, sagte sie gestern auf dem 56. Berliner Krankenhaus-Seminar. „Diese Einwilligung scannen wir ein und fügen sie der Patientenakte bei. Darin wird dann automatisch ein Haken gesetzt, dass der Patient zugestimmt hat.“ Jeder, der am Behandlungsprozess beteiligt ist, könne diese Information im System einsehen.

Im Anschluss führe eine Pflegekraft bei dem Patienten ein Assessment bezüglich des Entlassmanagements durch. „Für ein ausführliches Assessment fehlt aber leider normalerweise die Zeit“, sagte Oldhafer. Denn Pflegekräfte hätten nun einmal nur wenig davon. Schließlich werde das Entlassmanagement auch nicht vergütet. Zugleich sei der Patient angespannt. So könne es passieren, dass nicht alle Informationen erfasst würden.

Zu wenige Ressourcen für die neuen Vorgaben

Die neuen Regeln zum Entlassmanagement seien am UKSH unterschiedlich aufge­nommen worden, sagte Oldhafer. In der Pflege gebe es bereits seit vielen Jahren einen Expertenstandard Entlassmanagement. „Unsere Pflegekräfte fragen: Warum sollen wir jetzt etwas Neues machen?“, so Oldhafer. „Und die Mitarbeiter in der Aufnahme haben meistens nicht die Zeit, die Patienten angemessen über das Entlassmanagement aufzuklären.“ Das erfordere eigentlich mehr  Erklärungen als den Satz: „Unterschreiben Sie hier.“

Ein solcher Satz sei aber die Realität. Die meisten Patienten unterschrieben dann, ohne zu wissen, welche Konsequenzen das habe. „Eigentlich bräuchten wir in der Aufnahme einen Mitarbeiter, der den Patienten erklärt, was im Rahmen des Entlassmanagements passiert, der die Vorteile und die Konsequenzen beschreibt“, sagte Oldhafer. „Doch dafür haben wir nicht die nötigen Ressourcen.“

Angst vor Regressen

Im Rahmen des neuen Entlassmanagements können Krankenhausärzte auch Arznei- oder Heilmittel für maximal sieben Tage verordnen. Von dieser Möglichkeit werde am UKSH jedoch nur zögerlich Gebrauch gemacht, so Oldhafer. „Alle haben große Angst vor einem Regress. Die Ärzte wissen nicht, was im ambulanten Bereich verordnet wird. Deshalb lassen sie es lieber bleiben.“ Wenn ein Patient an einem Freitag entlassen werde, bekäme er Medikamente übers Wochenende mit. Am Montag müsse er dann zu seinem Hausarzt gehen.

Mit der Durchdringung der neuen Regeln in ihrem Krankenhaus ist Oldhafer noch nicht zufrieden. „Wir hatten mehr Hoffnung hineingesetzt, dass das Entlassmanagement stärker von unseren Mitarbeitern angenommen wird. Es hat bislang nicht die Durch­dringung erreicht, die wir uns vorgestellt haben“, sagte sie. Vielleicht liege das daran, dass es keine Konsequenzen für die Mitarbeiter hat, wenn sie es nicht wie vorgegeben anwendeten.

Rahmenvertrag hat zu großen Veränderungen geführt

Vielleicht dauere es auch eine Weile, bis die Mitarbeiter emotional verankert hätten, dass sie dafür verantwortlich sind. „Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass das Entlassmanagement für Ärzte und Pflegekräfte immense Mehraufgaben zur Folge hat“, erklärte sie. „Und gerade in der Pflege gibt es reduzierte Ressourcen. Da wird das nicht positiv gesehen.“

Die Leiterin der Sozialdienste an der Berliner Charité, Cindy Stoklossa, berichtete vom Stand der Umsetzung der neuen Regelungen an ihrem Krankenhaus. „Seit eineinhalb Jahren sitzen wir zum Thema Entlassmanagement zusammen“, sagte sie gestern auf dem 8. Kongress des Bundesverbandes Managed Care (BMC) in Berlin. Der Rahmen­vertrag führe zu großen Änderungen an den Krankenhäusern.

„Wir machen das Entlassmanagement mit einem digitalen System, in das alle Berufs­gruppen Einblick haben“, erklärte sie. Manches werde automatisch in dieses System übertragen, was bei der Anmeldung erhoben wurde. „Das System weist darauf hin, wenn Spalten noch nicht gefüllt sind“, so Stoklossa. „Es stellt verschiedene Fragen, zum Beispiel, ob alles für die häuslichen Anforderungen nach der Entlassung geklärt ist. Wenn man ‚nein’ klickt, erhält man den Hinweis, den Sozialdienst zu informieren.“ Am Ende, wenn alles abgearbeitet sei, werde das System auf grün geschaltet, und der Patient könne entlassen werden.

Kritik an zu viel Bürokratie

Den Rahmenvertrag hält sie an mehreren Stellen für wenig praxistauglich. „Die meisten von uns haben über den Rahmenvertrag den Kopf geschüttelt“, berichtete sie. „Da merkt man, dass da kein Praktiker mit am Tisch gesessen hat.“ Vieles sei zu bürokratisch. Die Umsetzung der neuen Regeln bedürfe deshalb eines logistischen und personellen Aufwandes.

„Der größte Kritikpunkt sind die zeitlichen Abläufe“, meinte Stoklossa. „In der Vergan­genheit hatten sich die bestehenden Abläufe gut etabliert.“ Bei einer neurologischen Frührehabilitation, zum Beispiel, hätten sich das Krankenhaus und die Krankenkasse gleichzeitig um eine Reha gekümmert. „Jetzt sollen wir die Formulare zuerst an die Krankenkassen schicken und dann warten, bis etwas zurückkommt, bevor es weiter­geht“, kritisierte sie. Problematisch sei auch, dass nur Fachärzte rezeptieren dürfen. Denn einen Facharzt im Krankenhausalltag aufzutreiben, sei gar nicht immer einfach.

Mäßige Unterstützung durch die Krankenkassen

Und auch die Unterstützung durch die Krankenkassen funktioniere nur mäßig. „Manchmal muss ich bis zu 20 ambulante Pflegedienste anrufen, bis ich einen finde, der meinen Patienten betreuen kann. Auch eine Haushaltshilfe ist schwer zu bekommen“, sagte Stoklossa.

„Also haben wir die Krankenkassen angerufen, die uns in solchen Fällen ja jetzt beim Entlassmanagement helfen soll. Die haben dann einen Din-A4-Zettel mit den ambulanten Diensten an die Patienten geschickt, mit denen sie zusammenarbeiten. Und der Patient sollte die dann alle durchtelefonieren. Das ist keine wirkliche Unterstützung.“ Das Entlassmanagement biete jedoch auch Chancen: Es habe die Krankenhäuser dazu veranlasst, bestehende Prozesse neu zu bewerten und Verantwortlichkeiten zu klären.

Modellprojekt zur sektorenübergreifenden Versorgung

Pramono Supantia von der AOK Nordost berichtete auf dem BMC-Kongress von dem Modellprojekt „Vernetzte Versorgung aus einer Hand“ aus Mecklenburg-Vorpommern, an dem sich drei Krankenhausstandorte der Ameos-Gruppe beteiligen, 27 Haus- und 16 Fachärzte des Arztnetzes HaffNet sowie 6.000 Versicherte der AOK Nordost. Es läuft seit Dezember 2016. Mit dem Projekt soll die Kommunikation zwischen den Sektoren bei der Überleitung von Patienten verbessert werden.

Steht eine Einweisung eines Patienten bevor, informiert der einweisende Arzt alle Beteiligten über die stationäre Aufnahme, zum Beispiel den Pflegedienst oder die jeweiligen Case Manager. Die Case Manager erstellen einen Betreuungsplan, den die Vertragspartner gemeinsam umsetzen. In einer Arbeitsgemeinschaft Schnittstellen­management wurden im Vorfeld bestehende Schnittstellen definiert und Prozesse abgestimmt, die den Informationsfluss gewährleisten.

So übermittelt der Sozialdienst des Krankenhauses zum Beispiel einen Tag vor der Entlassung den Entlassbogen an speziell geschulte medizinische Fachangestellte der Hausärzte sowie an die AOK Nordost, wenn es um Leistungen geht, die genehmigt werden müssen. Auf diese Weise sollen unter anderem auch unnötige Leistungen vermieden werden, was möglicherweise Wirtschaftlichkeitsreserven heben könnte, meinte Supantia.

Kein Wechsel der Arzneimittel im Krankenhaus

Die AOK Nordost analysiert im Anschluss auf der Grundlage von Routinedaten die Qualität der gemeinsamen Versorgung. Zusammen führen die Partner auch Qualitäts­zirkel durch. „Beide Seiten haben sich auf eine Negativliste geeignet, welche Arzneimittel im Krankenhaus nicht verordnet werden sollen“, erklärte Supantia. „Das Ziel ist es, dass der Patient im Krankenhaus dieselben Medikamente erhält, die er auch zuvor im ambulanten Bereich verordnet bekommen hat. Darauf stellt sich dann auch die Krankenhausapotheke ein.“ © fos/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

8. Dezember 2017
Berlin – Bereits vor dem Inkrafttreten der neuen Regelungen zum Entlassmanagement haben viele Krankenhäuser begonnen, ein hausinternes Entlassmanagement zu implementieren. Eines davon ist das
Entlassmanagement: Krankenhäuser schaffen sich eigene Systeme
16. November 2017
Berlin – Deutlich weniger bürokratische Tätigkeiten in Klinik und Praxis fordert der Marburger Bund (MB) von der künftigen Bundesregierung. Als Beispiel für eine Überregulierung im Krankenhaus nennt
Marburger Bund fordert in nächster Legislaturperiode deutliche Entbürokratisierung
20. Oktober 2017
Stuttgart – Die AOK Baden-Württemberg will die Zahl der Rehospitalisierungen senken und hat deshalb Projekt VESPEERA (Versorgungskontinuität sichern: Patientenorientiertes Einweisungs- und
AOK will Zahl der Rehospitalisierungen senken
27. September 2017
Berlin – Patienten sollen künftig besser versorgt werden, wenn sie nach einem Kranken­haus­auf­enthalt nach Hause entlassen werden. Dazu sollen die Krankenhausärzte den Patienten klare Instruktionen mit
Entlassmanagement gilt ab Oktober
19. Juli 2017
Berlin – Der Startschuss für das Entlassmanagement im Krankenhaus wird vom 1. Juli auf den 1. Oktober dieses Jahres verschoben. Darauf haben sich GKV-Spitzenverband (GKV-SV), Kassenärztliche
Entlassmanagement auf Oktober verschoben
25. Mai 2017
Freiburg – Der 120. Deutsche Ärztetag hält ein Entlassmanagement nur für sinnvoll, wenn ein erhöhter Versorgungsbedarf absehbar ist, um eine Vergeudung von ärztlicher und nichtärztlicher Arbeitskraft,
Ärztetag: Entlassmanagement nur bei erhöhtem Versorgungsbedarf
26. April 2017
Berlin – Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat die Politik aufgefordert, bei der Registrierung der Krankenhausärzte für das Entlassmanagement keine Doppelstrukturen aufzubauen, sondern die vorhandenen

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige