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Medizin

Grippe kann Herzinfarkt auslösen

Freitag, 26. Januar 2018

/dpa

Toronto – Die Strapazen einer Influenza können offenbar einen Herzinfarkt triggern. In einer Fall-Kontroll-Studie im New England Journal of Medicine (2018; 378: 345–353) stieg das Erkrankungsrisiko während der ersten 7 Tage der Influenza um das 6-fache. Besonders gefährlich sind danach Infektionen mit Influenzaviren vom Typ B. Aber auch für andere Auslöser akuter Atemwegsinfektionen konnte ein erhöhtes Risiko nachgewiesen werden.

Ein Zusammenhang zwischen der Grippe und einem Herzinfarkt wurde bereits in den 1930er-Jahren vermutet. Damals war es aber nicht möglich, eine Influenza durch Labortests zu bestätigen. Allein aufgrund der Symptome ist eine „echte“ Grippe jedoch nicht von akuten Atemwegsinfektionen durch andere Erreger zu unterscheiden.

Heute kann eine Infektion mit Influenzaviren eindeutig festgestellt werden. In Praxis und Klinik ist dies mit Schnelltests möglich. In unklaren Fällen oder bei schweren Erkrankungen können Isolate zur genauen Analyse an ein Labor geschickt werden. Die 11 Labors von Public Health Ontario, der obersten Gesundheitsbehörde der kanadischen Provinz, haben in den Jahren 2009 bis 2014 knapp 150.000 Tests durchgeführt, von denen 19.729 positiv auf Influenza waren.

Jeffrey Kwong und Mitarbeiter von der Universität Toronto haben recherchiert, dass 344 dieser Patienten in dem Jahr vor oder nach der Influenza wegen eines Herzinfarkts in einer Klinik der Provinz behandelt wurden. In einer „Self Controlled Case Series“ – einer Variante der Fall-Kontrollstudie, die Verzerrungen durch den Vergleich verschiedener Personen vermeidet – untersuchten die Forscher, ob die Herzinfarkte in zeitlicher Nähe zum Influenza-Test aufgetreten waren.

Dies war eindeutig der Fall. Für die ersten 7 Tage nach dem positiven Laborbefund einer Influenza ermittelte Kwong eine Inzidenzrate (IRR) von 6,05, die mit einem 95-%-Kon­fi­denzintervall von 3,86 bis 9,50 signifikant war. Nach dem 7. Tag wurde keine erhöhte Inzidenz mehr beobachtet.

Dies bedeutet, dass Menschen mit einer vermutlich sehr schweren Grippe, die die Klinik zu einer genauen Erregerdiagnostik veranlasste, ein erhöhtes Risiko haben, einen akuten Herzinfarkt zu erleiden. Besonders gefährdet sind ältere Menschen. Für über 65-jährige ermittelte Kwong eine IRR von 7,31 (4,53–11,79). Die Influenza B (IRR 10,11; 4,37–23,38) ist gefährlicher als eine Influenza A (IRR 5,17; 3,02–8,84). Das Risiko auf einen ersten Herzinfarkt (IRR 6,93; 4,24–11,33) ist höher als für Menschen, die bereits früher einen Herzinfarkt erlitten haben (IRR 3,53; 1,12–11,14).

Neben der Influenza könnten auch andere schwere Atemwegsinfektionen einen Herzinfarkt auslösen. Für den Nachweis eines Respiratory-Syncytial-Virus (RSV) ermittelte Kwong eine IRR von 3,51 (1,11–11,12), für andere Viren betrug die IRR 2,77 (1,23–6,24), und auch bei einem negativen Ausgang der Tests war das Herzinfarktrisiko erhöht (IRR 3,30; 1,90–5,73). Dies könnte anzeigen, dass allgemein eine schwere Erkrankung der Atemwege das Herzinfarktrisiko erhöht.

Der Herzinfarkt ist vermutlich nicht eine direkte Folge der Influenza. Wahrscheinlicher ist, dass die körperlichen Strapazen oder andere systemische Folgen der Erkrankung das koronare Ereignis auslösen. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 29. Januar 2018, 14:59

Influenza: infektiologisch-kardiovaskuläres Kontinuum?

Wenn laut "Acute Myocardial Infarction after Laboratory-Confirmed Influenza Infection" von Jeffrey C. Kwong et al.
N Engl J Med 2018; 378:345-353 DOI: 10.1056/NEJMoa1702090
eine serologisch nachgewiesene, akute Influenza das Risiko für einen Herzinfarkt versechsfacht, müssten wir bei den epidemiologischen Verhältnissen in Deutschland mit unzureichender Influenza-Durchimpfungsrate und zusätzlich mit einem insuffizienten, derzeit trivalenten Impfstoff in dieser Saison erheblich mehr Myokardinfarkte erwarten.

Die Schutzwirkung der trivalenten Grippe-Impfung beträgt u.a. wegen der derzeit zirkulierenden Influenza A(H3N2)-Stämme nur 17 Prozent. Deshalb empfiehlt das Europäische Centre for Disease Prevention and Control gemeinsam mit der WHO dringlich für die nächste Saison bei der A(H3N2)-Komponente den Wechsel von A/Hong Kong/4801/2014 auf A/Singapore/INFIMH-16-0019/2016, beim Influenza-B-Subtyp den Wechsel von B/Victoria auf B/Yamagata.

Patientinnen und Patienten mit klinisch eindeutigen INFLUENZA-Symptomen und -Nachweisen bekommen bei mir, wie z. B. seit Jahren in den USA, unter Abwägung von Chancen und Risiken eine antivirale spezifische Therapie
Vgl. dazu
"MEDIZIN: Originalarbeit – Antivirale Arzneimittel bei saisonaler und pandemischer Influenza – Ein systematisches Review"
"Antiviral medications in seasonal and pandemic influenza—a systematic review"
Dtsch Arztebl Int 2016; 113(47): 799-807; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0799 von Lehnert, Regine et al.

Auch eine Metaanalyse vom 29. 1. 2015 online in THE LANCET von Joanna Dobson et al. unter dem Titel "Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials" publiziert, gefördert von der Pharmaindustrie-unabhängigen MUAGS ["Funding – Multiparty Group for Advice on Science (MUGAS) foundation"], bringt Licht in die verworren-widersprüchliche Datenlage um Oseltamivir als Neuraminidase-Hemmer.
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)62449-1/fulltext

Sollte man da nicht die Indikation für Oseltamivir großzügiger stellen, auch um mehr Herzinfarkte zu verhindern?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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