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Medizin

Cannabidiol vermeidet Anfälle bei Lennox-Gastaut-Syn­drom

Sonntag, 28. Januar 2018

/dpa

Boston – Cannabidiol, ein Bestandteil der Hanfpflanze mit geringer psychoaktiver Wirkung, ist zur Behandlung von bestimmten Epilepsien im Kindesalter im Gespräch. Nachdem im letzten Jahr Ergebnisse zur Behandlung des Dravet-Syndroms vorgestellt wurden, zeigt jetzt eine Phase-3-Studie im Lancet (2018; doi: 10.1016/ S0140-6736(18)30136-3), dass das Medikament auch beim Lennox-Gastaut-Syndrom die Anfallfrequenz senkt.

Das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS), auf das etwa 5 Prozent aller Epilepsien im Kindes­alter entfallen, beginnt in der Regel im Alter von 2 bis 5 Jahren. Typisch sind tonische Anfälle, atypische Absencen und Sturzanfälle. Die meisten Kinder mit LGS haben ein gewisses Maß an Lernbehinderung und Entwicklungsverzögerung sowie Verhaltens­auffälligkeiten wie Hyperaktivität und Aggression.

Das LGS ist einer der am schwierigsten zu behandelnden Epilepsietypen und die Mehrheit der Patienten erzielt unter der Behandlung mit zugelassenen Wirkstoffen wie Clonazepam, Felbamat, Lamotrigin, Rufinamid oder Topiramat keine Anfallsfreiheit. Dies hat zu Therapieversuchen mit Cannabidiol geführt, das in einigen Ländern zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen bei der Multiplen Sklerose zugelassen ist. Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass Cannabis ein altes Mittel zur Behandlung von Epilepsien ist (erste Berichte befinden sich bei den Sumerern um 1800 v. Chr.). Erst mit der Einführung von Phenobarbital (1912) und Phenytoin (1937) geriet es in Vergessenheit. Die Cannabis-Prohibition tat ein Übriges.

Der britische Hersteller GW Pharmaceuticals aus Cambridge, der sich auf die Entwick­lung von Cannabinoiden spezialisiert hat, prüft derzeit die Wirkung bei therapie­refraktären Epilepsien im Kindesalter. Im letzten Jahr zeigte eine randomisierte Studie, dass Cannabidiol die Anfallfrequenz beim Dravet-Syndrom senkt, einer weiteren seltenen und häufig therapierefraktären Epilepsie im Kinderalter.

Die jetzt vorgestellten Ergebnisse einer Phase-3-Studie zeigen, dass Cannabidiol auch beim LGS ein therapeutisches Potenzial hat. Für die Studie wurden 171 Patienten im Alter von 2 bis 55 Jahren (Durchschnittsalter 15), die trotz der Behandlung mit mehreren Antiepileptika nicht anfallsfrei waren, in 24 Studienzentren in den USA und Europa auf eine zusätzliche Behandlung mit Cannabidiol (20 mg/kg/die) oder Placebo randomisiert.

Die Patienten waren zu Therapiebeginn mit durchschnittlich 3 Antiepileptika behandelt worden, nachdem sich zuvor bereits 6 weitere Wirkstoffe als unwirksam erwiesen hatten. Zu Beginn der Studie hatten die Patienten in Durchschnitt 74 Stürze pro Monat infolge von atonischen, tonischen oder tonisch-klonischen Anfällen erlitten.

Wie Elizabeth Thiele und Mitarbeiter vom Massachusetts General Hospital in Boston berichten, kam es unter der Therapie mit Cannabidiol zu einem Rückgang der Stürze um 44 Prozent gegenüber einem Rückgang um 22 Prozent in der Placebogruppe. Cannabidiol senkte auch den Anteil der Patienten, bei denen die Zahl der Sturzanfälle um 50 Prozent oder mehr zurückging (44 versus 24 Prozent), und die Gesamtanfalls­häufigkeit wurde um 41 Prozent gegenüber 14 Prozent in der Placebogruppe gesenkt. Die Patienten oder ihre Betreuer stellten häufiger eine Besserung des Gesamtzustands (58 versus 34 Prozent) fest.

Cannabidiol wurde im Allgemeinen gut vertragen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Durchfall, Somnolenz, Fieber, Appetitlosigkeit und Erbrechen, die in der Regel milde waren und sich meist im Verlauf der Behandlung abschwächten.

Bei 20 Patienten kam es unter der Behandlung mit Cannabidiol zu schwerwiegenden Nebenwirkungen: Darunter war ein akutes Atemnotsyndrom mit tödlichem Ausgang, das nach Einschätzung der Untersucher nicht auf Cannabidiol zurückzuführen war. 12 Patienten stellten die Behandlung mit Cannabidiol wegen der Nebenwirkungen ein, verglichen mit einem Patienten aus der Placebogruppe.

Der Hersteller hat aufgrund der Ergebnisse sowohl in den USA als auch in Europa eine Zulassung beantragt. Mit einer Entscheidung wird in diesem Jahr gerechnet. © rme/aerzteblatt.de

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