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Medizin

Krebs-Überlebens­raten weltweit gestiegen bei großen internationalen Unterschieden

Mittwoch, 31. Januar 2018

royaltystockphoto - stock.adobe.com

London – Die 5-Jahres-Überlebensraten der meisten Krebserkrankungen sind seit dem Jahr 2000 selbst bei besonders aggressiven Malignomen von Leber und Lunge gestiegen. Eine Auswertung von 322 Krebsregistern im Lancet (2018; doi: 10.1016/ S0140-6736(17)33326-3) zeigt aber auch, dass die Überlebensraten international sehr unterschiedlich sind, wobei es Defizite vor allem, aber nicht nur, in den ärmeren Ländern gibt.

Das an der London School of Hygiene & Tropical Medicine angesiedelte CONCORD-Project gibt nach 2008 und 2015 zum dritten Mal einen internationalen Überblick über die Qualität der Krebstherapie. Dieses Mal konnte das Team um Michel Coleman die Daten von 37,5 Millionen Krebspatienten berücksichtigen, die es 322 bevölkerungs­basierten Krebsregistern aus 71 Ländern entnahm, darunter zehn Krebsregistern aus Deutschland. Die Analyse umfasst 18 Krebserkrankungen in Speiseröhre, Magen, Dickdarm, Rektum, Leber, Bauchspeicheldrüse, Lunge, Brust, Gebärmutterhals, Eier­stock, Prostata, Melanom der Haut bei Erwachsenen sowie Hirntumore, Leukämien und Lymphomen bei Erwachsenen und Kindern. 

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Keine Onkologen in Nigeria

Die größten internationalen Unterschiede gibt es bei Hirntumoren von Kindern: In Dänemark und Schweden überleben heute 80 Prozent der Kinder, während es in Mexiko und Brasilien weniger als 40 Prozent sind. Dabei gibt es noch viele weiße Flecken auf der CONCORD-Landkarte. In Afrika dürften Kinder mit einem Hirntumor keine Überlebenschancen haben. In Nigeria soll es im ganzen Land keinen einzigen ausgebildeten Onkologen geben.

Doch auch zwischen hoch entwickelten Ländern gibt es manchmal große Unterschiede. So wird Magenkrebs in Südkorea und in Japan von mehr als 60 Prozent der Patienten überlebt. In den meisten anderen Ländern liegt die 5-Jahres-Überlebensrate unter 30 Prozent. Der Grund liegt in der effektiven Früherkennung, die in den beiden asiatischen Ländern weiten Bevölkerungskreisen angeboten wird. In Europa und Nordamerika, wo Magenkrebs seltener ist, wird er häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Dennoch haben sich auch hier die Behandlungengebnisse in den letzten Jahren leicht verbessert. In Deutschland ist die 5-Jahres-Überlebensrate seit 2002 von 16,6 auf 20,8 Prozent gestiegen.

Da beim endoskopischen Magenkrebs-Screening auch der Ösophagus begutachtet wird, sind auch hier die 5-Jahres-Überlebensraten mit 36 Prozent in Japan höher als in westlichen Ländern, wo 20 bis 30 Prozent fünf Jahre oder länger nach der Diagnose leben. Die 5-Jahres-Überlebensraten haben sich leicht gebessert: In Deutschland von 16,6 auf zuletzt 20,8 Prozent.

Beim Kolonkarzinom liegt Deutschland im Mittelfeld

Beim Kolonkarzinom überleben in drei Ländern mehr als 70 Prozent der Patienten die ersten kritischen fünf Jahre: Dies sind Israel, Korea und Australien. Deutschland liegt mit 64,8 Prozent im oberen Mittelfeld. Ein Anstieg infolge des Koloskopie-Screenings ist in den Zahlen der CONCORD-Studie nicht zu erkennen. In Russland und Indien überleben weniger als 50 Prozent, in Afrika weniger als 30 Prozent einen Darmkrebs.

Beim Rektumkarzinom liegen die 5-Jahres-Überlebensraten in Australien und Korea bei mehr als 70 Prozent. Deutschland ist hier eines von 24 Ländern, und denen heute 60 Prozent fünf Jahre oder länger überleben. In den meisten anderen Ländern überleben weniger als 50 Prozent. 

Leberkrebs wird in keinem Land von mehr als 30 Prozent der Patienten überlebt. In Korea, Singapur und Taiwan liegen die 5-Jahres-Überlebensraten bei über 20 Prozent, in den allen anderen Ländern darunter (in Deutschland zuletzt 13,0 Prozent). Nur wenige Länder wie Kanada und die USA haben in den letzten 15 Jahren einen Anstieg um 5 bis 10 Prozent erreicht.

Noch schlechter sind die Heilungschancen beim Pankreaskarzinom: Die 5-Jahres-Überlebensraten liegen in den meisten Ländern bei unter 15 Prozent (Deutschland zuletzt 10,7 Prozent). Nur Kuwait (23,6 Prozent) und Malaysia (19,0 Prozent) verzeichnen etwas bessere Ergebnisse.

Beim Lungenkrebs liegen die 5-Jahres-Überlebensraten in den meisten Ländern bei unter 20 Prozent, so auch in Deutschland. In vielen Ländern wurden seit 1995 jedoch langsame Fortschritte gemacht: In Deutschland verbesserte sich die 5-Jahres-Über­lebensrate seit dem Jahr 2000 von 14,8 auf 18,3 Prozent. Luft nach oben ist vorhanden. In Japan überleben heute 33 Prozent, in Korea 25 Prozent der Patienten mindestens fünf Jahre.

Deutschland gehört beim malignen Melanom mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von zuletzt 93,1 Prozent zu den elf Ländern, in denen neun von zehn Patienten fünf Jahre oder länger leben. In einigen ärmeren Ländern wie Martinique oder auf Puerto Rico überleben weniger als 20 Prozent. In Südostasien werden die schlechten Überlebens­raten mit dem häufigen Auftreten des Acral-lentiginösen Melanom, einer besonders aggressiven Variante des Hautkrebses, in Verbindung gebracht.

Auch beim Brustkrebs liegt Deutschland mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von zuletzt 86,0 Prozent im „Spitzenfeld“. In ärmeren Ländern sind die Überlebenschancen deutlich schlechter. In Indien beträgt die 5-Jahres-Überlebensrate erst 66 Prozent.

Beim Zervixkarzinom, wo die Teilnahme am Screening entscheidend ist, gehört Kuba neben Japan, Korea, Taiwan, Dänemark, Norwegen und der Schweiz zu den Ländern, in denen mehr als 70 Prozent der Frauen fünf Jahre oder länger leben. In Deutschland betrug die 5-Jahres-Überlebensrate zuletzt 65,2 Prozent.

Bei Ovarialkarzinom überleben auch in den meisten entwickelten Ländern, darunter in Deutschland mit 41,2 Prozent, weniger als die Hälfte der Frauen fünf Jahre oder länger.

Beim Prostatakarzinom sind die 5-Jahres-Überlebensraten trügerisch. Sie liegen in den USA wegen des PSA-Screenings bei 100 Prozent, was aber nicht bedeutet, dass alle Patienten überleben. Durch das Screening wird die Diagnose um Jahre früher gestellt. Ob die Behandlung am natürlichen Verlauf etwas ändert, lässt sich erst in den 10 bis 15-Jahres-Überlebensraten erkennen, zu denen keine Daten mitgeteilt werden. In Deutschland betrug die 5-Jahres-Überlebensrate zuletzt 91,6 Prozent.

Hirntumore von Erwachsenen werden in den westlichen Ländern von 30 bis 40 Prozent der Patienten fünf Jahre oder länger überlebt, in Thailand sind es nur 15 Prozent. In Deutschland betrug die 5-Jahres-Überlebensrate zuletzt 29,6 Prozent.

Bei den Leukämien von Erwachsenen gehört Deutschland mit einer 5-Jahres-Über­lebensrate von zuletzt 54,9 Prozent mit Belgien, Frankreich und Schweden zur Spitzen­gruppe. In unserem Nachbarland Polen sind es weniger als 15 Prozent. Große Fortschritte wurden zuletzt in Litauen (plus 27,4 Prozent), Schweden (plus 26,8 Prozent) und Tschechien (plus 16,9 Prozent) gemacht.

Bei Lymphomen hat sich die 5-Jahres-Überlebensrate in Deutschland seit 2000 von 61,2 auf 67,9 Prozent erhört. Es besteht allerdings noch weiterer Aufholbedarf, da in sechs europäischen Ländern (darunter die Nachbarländer Dänemark, Belgien, Frankreich und die Schweiz) mehr als 70 Prozent fünf Jahre oder länger überleben.

Hirntumore von Kindern werden in Deutschland heute von 69,5 Prozent der Kinder überlebt, in Dänemark liegt die 5-Jahres-Überlebensrate um 10 Prozent höher. Die Überlebenschancen bei akuter lymphatischer Leukämie und Lymphomen im Kindesalter liegen in Deutschland mit über 90 Prozent im Spitzenfeld.

Hohe Überlebensraten in Skandinavien

Krebspatienten in Skandinavien haben weltweit gesehen die höchsten Überlebens­chancen. Eine Ausnahme bildete bis vor kurzem Dänemark. Das Land hat aber in den letzten Jahren deutlich aufgeholt. Die 5-Jahres-Überlebensraten stiegen beim Prostatakrebs von 64 auf 86 Prozent, beim Lungenkrebs von 10 auf 17 Prozent, bei Krebserkrankungen der Speiseröhre von 8 auf 14 Prozent und beim Rektumkarzinom von 53 auf 65 Prozent. Diese deutlichen Verbesserungen wurden den CONCORD-Autoren zufolge in den letzten 15 Jahren durch bessere Investitionen, beschleunigte Patientenpfade und die öffentliche Überwachung der Einhaltung von Wartezeiten durch Krankenhäuser erreicht.

Angesichts der Unterschiede in der Datenerhebung, der Erfassungsrate und auch der diagnostischen Gewohnheiten müssen die Ergebnisse wohl zurückhaltend beurteilt werden. Die CONCORD 3-Studie dürfte jedoch die derzeit umfangreichste Unter­suchung zu den Behandlungsergebnissen von Krebserkrankungen sein. © rme/aerzteblatt.de

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