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Medizin

Schlaganfall: Sensorische Deprivation könnte Reha beschleunigen

Sonntag, 4. Februar 2018

/js-photo, stockadobecom

St. Louis/Missouri – Ein gezielter Entzug von Reizen, sensorische Deprivation genannt, könnte die Erholung von Schlaganfallpatienten beschleunigen. Das von US-Forschern vorgeschlagene neue Rehakonzept wurde in Science Translational Medicine (2018; 10: eaag1328) an Mäusen erfolgreich getestet.

Die Plastizität des menschlichen Gehirns macht es möglich, dass viele Patienten nach einem Schlaganfall allmählich einige verlorengegangene Fähigkeiten zurückerlangen: Der Arm, der zunächst komplett gelähmt war, lässt sich nach einigen Monaten wieder bewegen, wenn auch nur in einem begrenzten Umfang. Die dafür notwendigen Rechen­operationen des Gehirns haben die dem Infarkt benachbarten Areale über­­nommen. Die moderne Rehatherapie versucht derzeit, diesen Prozess durch ein intensives Bewegungsprogramm zu beschleunigen.

Ein Team um Jin-Moo Lee von der Washington University School of Medicine in St. Louis hat untersucht, ob es noch einen 2. Weg geben könnte. Die Forscher experimentierten mit Mäusen, bei denen sie die Hirnregionen zerstörten, die für die Bewegung der Vorderpfote zuständig sind. Nach dem Schlaganfall konnten die Tiere die Vorderpfote zunächst nicht mehr benutzen.

Bei einigen Tieren stutzen die Forscher außerdem die Vibrissen. Diese Schnurrhaare in der Umgebung der Schnauze sind für die Tiere ein wichtiges Fühl-, Tast- oder Orientierungsorgan, das eine entsprechend große Repräsentanz im Gehirn hat. Und diese Repräsentanz befindet sich bei Mäusen in der Nähe der Region, die für die Bewegung der Vorderpfote zuständig ist.

Die Experimente zeigen, dass die Tiere, deren Vibrissen gestutzt wurden, sich schneller von dem Schlaganfall erholten und ihre Pfote früher wieder bewegen konnten als andere Tiere, bei denen die Schnurrhaare nicht gekürzt wurden. Die Forscher vermuten, dass die sensorische Deprivation die Rechenkapazität im Gehirn für andere Zwecke freigibt.

Tatsächlich können die Forscher durch bildgebende Verfahren zeigen, dass nach der sensorischen Deprivation die Hirnfunktionen für die Bewegung der Pfote von der Repräsentanz der Vibrissen übernommen wurde. In der Kontrollgruppe erholten sich die Tiere langsamer. Die für die Pfotenbewegung notwendigen Hirnfunktionen waren auf verschiedene Regionen ausgelagert worden.

Nach einiger Zeit ließen die Forscher die Vibrissen wieder auf die normale Länge wachsen. Die Tiere konnten sich danach wieder normal orientieren. Die zeitweilige sensorische Deprivation hatte deshalb für die Tiere keine Nachteile.

Wie sich das Konzept auf die Rehabehandlung von Schlaganfallpatienten übertragen ließe, ist nicht klar. Lee weist darauf hin, dass im prämotorischen Cortex die Schulter dem Arm benachbart ist. Wenn ein Patient nach einem Schlaganfall den Arm nicht mehr bewegen kann, könnte eine vorübergehende Immobilisierung der Schulter möglicherweise die Erholung der Armbeweglichkeit fördern. Ob sich dieses Konzept in der Reha erfolgreich umsetzen lässt, können nur klinische Studien zeigen. © rme/aerzteblatt.de

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