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Medizin

Diagnose „Essstörung“ hat deutlich zugenommen

Dienstag, 6. Februar 2018

    Eine junge Frau steht am 16.03.2015 in einem Studio in Berlin auf einer Waage, die 48,2 kg anzeigt. Fotograf:     Monique Wuestenhagen Quelle:     dpa Themendiens
/dpa

Berlin – Einen deutlichen Anstieg der Essstörungsdiagnosen unter den 6- bis 54-jährigen AOK-Versicherten meldet das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost (GeWINO) der AOK Nordost. Im Jahr 2010 wurde im Nordosten noch bei rund 3.500 Versicherten eine psychogene Essstörung wie Bulimie, Anorexie oder Binge Eating (Esssucht) diagnostiziert. Im Jahr 2016 waren es bereits mehr als 6.100 Versicherte.

Die GeWINO-Studie erfasst die Jahre 2010 bis 2016. Grundlage der Analysen waren die anonymisierten Abrechnungsdaten von rund 750.000 Versicherten der AOK Nordost im Alter von 6-54 Jahren. Als essgestört galten alle Personen, bei denen im Analysejahr mindestens eine gesicherte ambulante oder eine stationäre Haupt- oder Nebendiagnose mit einem ICD-Code des Typs F50 - also Essstörung - abgerechnet wurde. 

Die Anzahl der Diagnosen stieg damit innerhalb von sechs Jahren nordostweit um 74 %. In Berlin ist das Niveau der Diagnosen und die Steigerung der Diagnoserate besonders hoch: 2016 war in Berlin die Diagnoserate mit 1,1 % ungefähr doppelt so hoch wie in Brandenburg (0,6 %) und Mecklenburg-Vorpommern (0,6 %). Außerdem ist die Steigerung in Berlin mit 80 % im Vergleich zu Brandenburg (53 %) und Mecklenburg-Vorpommern (37 %) laut der Untersuchung ausgeprägter. „Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher liegen, da wir lediglich Personen auswerten können, die vom Arzt eine Diagnose gestellt bekommen haben“, sagte der GeWINO-Versorgungsforscher Jan Breitkreuz.

Diesen Trend bestätigte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Laut Daten der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) liegt die Zwölf-Monats-Prävalenz für Essstörungen bei knapp 1 %. In absoluten Zahlen etwa 600.000 Menschen. Frauen sind dabei fast dreimal so häufig betroffen. In der Vorläuferstudie,  dem „Bundesgesundheitssurvey 98“ lag die Prävalenz noch bei 0,3 %. Insofern ist in den letzten Jahren auch epidemiologisch eine Steigerung der Fallzahlen zu beobachten“, teilt die Fachgesellschaft mit. 

„DEGS“ ist Teil des Gesundheitsmonitorings am Robert Koch-Institut und liefert repräsentative Daten zur Gesundheit der Erwachsenen in Deutschland.

Klassischerweise sind gerade die Anorexie und Bulimie Erkrankungen, die in erster Linie in der Adoleszenz entstehen. DGPPN

Die GeWINO weist in ihrer Auswertung ausdrücklich auf einen hohen Anteil diagnos­tizierter Essstörungen bei den 35- bis 54-jährigen AOK Nordost-Versicherten hin. Laut der DGPPN liegt nahe, hier von chronischen Verläufen auszugehen. „Im mittleren Lebensalter kommt es zum Beispiel durch einschneidende Lebensereignisse zu einem Rückfall. Klassischerweise sind gerade die Anorexie und Bulimie Erkrankungen, die in erster Linie in der Adoleszenz entstehen“, teilte die Fachgesellschaft mit.

Die AOK-Auswertung ergab zudem, dass sich nur rund zehn Prozent der rund 5.000 Versicherten mit einer zwischen 2012 und 2014 neu festgestellten psychogenen Essstörung innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose psychotherapeutisch behandeln ließen. „Das Gros der diagnostizierten Essgestörten bleibt leider unbehandelt. Die Analysen haben ferner gezeigt, dass die Bereitschaft, sich in Therapie zu begeben, mit fortschreitender Krankheitsdauer deutlich abnimmt“, so Breitkreuz.   © hil/aerzteblatt.de

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