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Politik

Genitalverstümmlung bleibt ein Problem

Montag, 5. Februar 2018

Ein 19-Jähriges Mädchen aus Somalia liegt am 2016 im Krankenhaus Waldfriede in Berlin in ihrem Bett. Sie kämpft mit schweren Folgen von Genitalverstümmelung, die sie als kleines Kind erlitten hat.Foto: Wolfram Kastl/dpa
Ein 19-Jähriges Mädchen aus Somalia liegt am 2016 im Krankenhaus Waldfriede in Berlin in ihrem Bett. Sie kämpft mit schweren Folgen von Genitalverstümmelung, die sie als kleines Kind erlitten hat. /dpa

Berlin – Nach Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation sind weltweit rund 200 Millionen Frauen von Genitalverstümmlung betroffen. „Die Beschneidung von Mädchen und Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung und hat schwerwiegende körperliche und seelische Folgen“, sagte der Menschenrechtsbeauftragte der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, Ulrich Clever, zum internationalen Tag gegen Genitalverstümmelung am 6. Februar.

Das Hilfswerk Terre des Femmes rechnet in Deutschland mit mehr als 58.000 betroffenen und rund 13.000 gefährdeten Mädchen und jungen Frauen. Man müsse davon ausgehen, dass dieses Problem mit der wachsenden Zahl von Geflüchteten in Europa zunehme, sagte Clever. Die BÄK hat „Empfehlungen zum Umgang mit Patientinnen nach weiblicher Genitalverstümmelung“ erarbeitet, damit Ärzte den traumatisierten Frauen die notwendige Sensibilität entgegen bringen können.

„Die anatomischen und seelischen Folgen von Genitalverstümmelung müssen bei Geburt, Operation sowie Wundversorgung medizinisch und psychotherapeutisch berücksichtigt werden“, sagte Clever. Eine kultursensible Beratung und Anamnese sei in den Mittelpunkt der Behandlung zu stellen, so der BÄK-Menschenrechtsbeauftragte. Er betonte jedoch, dass die Rechtslage in Deutschland eindeutig sei: Genitalver­stümme­lung ist ein Straftatbestand und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Eine eventuelle Einwilligung der Patientin in den Eingriff entfaltet keine rechtfertigende Wirkung, weil die Tat trotz der Einwilligung laut Paragraph 228 des Strafgesetzbuches gegen die „guten Sitten“ verstößt. Insbesondere Eltern drohten im Zusammenhang mit dem Eingriff je nach Tatbeitrag erhebliche strafrechtliche Konsequenzen.

Wenn nicht mehr getan wird, werden weitere Millionen Mädchen und Frauen diese grausame Praktik erleiden müssen. Renate Bähr, Geschäftsführerin der DSW

Laut der Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) sind Genitalverstümmelungen seit dem Jahr 2000 weltweit um fast ein Viertel zurückgegangen. „Doch aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums in besonders betroffenen Ländern könnten diese Fortschritte zunichte gemacht werden. Wenn nicht mehr getan wird, werden weitere Millionen Mädchen und Frauen diese grausame Praktik erleiden müssen“, sagte Renate Bähr, Geschäftsführerin der DSW.

Bei der Genitalverstümmelung, die oft als wichtiges Übergangsritual vom Mädchen zur Frau gilt, wird die Klitoris teilweise oder vollständig entfernt – häufig ohne Narkose und mit einfachen Hilfsmitteln wie Glasscherben oder Rasierklingen.  

Der internationale Tag gegen Genitalverstümmelung wurde 2004 von der First Lady von Nigeria, Stella Obasanjo, ausgerufen. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen (UNO) erklärte ihn in der Folge zum internationalen Gedenktag.    © hil/aerzteblatt.de

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von Roy, Edward
am Montag, 2. April 2018, 00:52

FGM und Religion | Frage an Dr. Katarina Barley bezüglich Inneres und Justiz



abgeordnetenwatch.de
28. März 2018 – 17:38 Uhr

.

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Barley,

erstmals in der Geschichte der USA begann im April 2017 ein Strafprozess nach 18 USC 116 (female genital mutilation, FGM). In Detroit, Michigan, waren Dr. Nagarwala sowie die Eheleute Attar angezeigt worden, drei Angehörige der schiitischen Dawudi Bohra, denen FGM religiöse Pflicht ist (https://tinyurl.com/y7wearfe).

Islam der Sunniten. Im islamischen Recht der Schafiiten gilt die männliche wie weibliche Beschneidung als wâdschib (farD), religiös verpflichtend. Die anderen sunnitischen Rechtsschulen bejahen die weibliche Beschneidung, den Malikiten gilt sie als sunna (unbedingt nachzuahmen), Hanafiten wie vielen Hanbaliten als makrumâ (ehrenwert), die übrigen Hanbaliten bewerten sie als religiöse Pflicht (https://tinyurl.com/yamu9kvt).

Sind Sie der Auffassung, dass eine religiös begründete FGM Typ Ia oder FGM Typ IV durch Art. 4 Grundgesetz gedeckt und auch nicht durch § 226a StGB verboten ist? (https://tinyurl.com/qzxoz2k)

Auch die Jungenbeschneidung, die männliche „Genitalverstümmelung ist immer ein massiver Eingriff, der nicht selten den Tod und häufig lebenslange Schmerzen und psychologische Traumata nach sich zieht“, um Ihre, für das männliche Geschlecht ebenfalls zutreffende, Aussage zur FGM zu zitieren. Die Grund- und Freiheitsrechte des Individuums betreffend, hat das Grundgesetz zwischen Frau und Mann, zwischen Mädchen und Junge nicht zu differenzieren (https://tinyurl.com/yb8dvgau).

Bekennen Sie sich zum Beibehalten der WHO-Kategorisierung weiblicher Genitalverstümmelung, welche FGM definiert als Typ I, II, III, IV? Kämpfen Sie mit uns gegen die Straffreistellung der Chatna (chitan al-inath, sunat perempuan), auch der milden Sunna? Jede Form von FGM (I, II, III, IV) gehört verboten – überall auf der Welt.

https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/dr-katarina-barley/question/2018-03-28/297901

.
cfs´ler
am Dienstag, 6. Februar 2018, 20:19

Genitalverstümmelung und Beschneidung

Herr Dr. med. Thomas G. Schätzler spricht mir und vielen anderen aus der Seele. Ich finde es ebenfalls als eine riesengroße Unverschämtheit, dass es in Deutschland gestattet ist, Jungen zu verstümmeln (als Beschneidungsritual getarnt)während es sich bei der Genitialverstümmelung um eine Straftat handelt. Beides kann und darf bei uns einfach nicht geduldet werden. Leider gibt es hier bei bestimmten Bevölkerungsschichten und unserer Politik eine Doppelmoral. Was in anderen Ländern von uns angeprangert wird, wird seltsamerweise im eigenen Land geduldet. Ich hoffe, dass hier bei männlichen Säuglingen, Kindern und Jugendlichen nochmals ein Umdenken einsetzt und eine Beschneidung doch wieder verboten wird!
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 6. Februar 2018, 12:20

WHO ohne Gender-Neutralität?

Wenn nach Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation weltweit rund 200 Millionen Frauen, Jugendliche und weibliche Kinder von Genitalverstümmlung betroffen sind, fehlt die an so vielen anderen Stellen geforderte, gesundheits- und sozialpolitisch begründete Gender-Neutralität.

Denn auch die Beschneidung von männlichen Säuglingen, Kindern und Jugendlichen mit (Teil-)Entfernung der Vorhaut werden vielerorts überwiegend religiös motiviert unisono bei Moslems und Juden z. T. mit archaischen, einfachen Hilfsmitteln oder Rasierklingen durch Laien-Beschneider durchgeführt.

Verwunderlich ist und bleibt eine gender-spezifische, unreflektierte Rechtslage in Deutschland: Die weibliche Genitalver­stümme­lung ist ein Straftatbestand und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Eine eventuelle Einwilligung der Betroffenen bzw. ihrer Erziehungsberechtigten in den Eingriff entfaltet keine rechtfertigende Wirkung. Die Tat verstößt trotz der Einwilligung laut Paragraph 228 des Strafgesetzbuches (§228 StGB) gegen die "guten Sitten". Insbesondere Eltern drohten im Zusammenhang mit dem Eingriff je nach Tatbeitrag erhebliche strafrechtliche Konsequenzen.

Das Korrelat zur weiblichen Genitalverstümmelung, die Vorhautbeschneidung bei eindeutig nicht einwilligungsfähigen männlichen Kindern, ist als jahrtausendealtes, wesentlich kleineres, komplikationsärmeres Ritual nicht grundsätzlich anders zu betrachten.

Dennoch wird hier die Religionsfreiheit der Eltern aus reinen Opportunitätsgründen über das Recht auf Integrität, Gesundheit und körperliche Unversehrtheit des Kindes gestellt, bzw. von einer Strafverfolgung nach §228 StGB (Verstoß gegen die "guten Sitten") abgesehen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. schätzler, FAfAM Dortmund


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