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Medizin

Nierenschäden in der Kindheit können Vorboten für Dialyse im Erwachsenenalter sein

Mittwoch, 7. Februar 2018

dialyse_dpa

Jerusalem – Junge Männer und Frauen aus Israel, die bei der Musterung Nierener­krankungen in der Kindheit angegeben hatten, erkrankten im Erwachsenenleben häufiger und früher an einem dialysepflichtigen Nierenversagen, obwohl ihre Nierenfunktion bei der Musterung noch normal war. Dies zeigt eine bevölkerungs­basierte Studie im New England Journal of Medicine (2018; 378: 428–438).

Nierenerkrankungen in der Kindheit haben häufig eine gute Prognose. Die meisten Patienten erholen sich von Infektionen des Beckens oder einer Erkrankung der Nierenkörperchen. Auch Patienten mit angeborenen Nierenanomalien haben häufig eine normale Nierenfunktion, wenn sie das Erwachsenenalter erreichen.

Die Untersuchung von Ronit Calderon-Margalit und Mitarbeitern von der Braun School of Public Health in Jerusalem zeigt jedoch, dass die Erkrankungen trotz einer normalen Nierenfunktion dauerhafte Schäden in den Nieren hinterlassen können. 

Die Forscher haben die Ergebnisse bei der Musterung zur israelischen Armee, der sich alle jungen Männer und Frauen in Israel (außer Arabern und orthodoxen Juden) unterziehen müssen, mit dem ESRD-Register des Landes abgeglichen, das alle dialysepflichtigen Einwohner erfasst. 

Bei der Musterung müssen die potenziellen Rekruten medizinische Dokumente vorlegen. Von 1,5 Millionen Jugendlichen im Durchschnittsalter von 17,7 Jahren, die zwischen 1967 und 1997 gemustert wurden, hatten 18.592 eine Nierenerkrankung in der Vorgeschichte: Bei 8.611 Rekruten war dies eine glomeruläre Erkrankung (nephrotisches Syndrom oder Glomerulonephritis), bei 7.231 eine Pyelonephritis und bei 3.198 eine angeborene Anomalie der Niere oder der Harnwege gewesen.

Obwohl die Analyse auf Rekruten beschränkt wurde, die nicht an Diabetes oder einer anderen chronischen Erkrankung litten, und alle Teilnehmer zum Zeitpunkt der Musterung eine normale Nierenfunktion hatten, waren alle 3 Kategorien von Vorerkrankungen mit einem deutlich erhöhten Risiko auf eine spätere Dialysepflicht assoziiert. Calderon-Margalit ermittelt für alle 3 Kategorien zusammen eine Hazard Ratio von 4,19, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 3,52 bis 4,99 hochsignifikant war.

Rekruten mit einer angeborenen Fehlbildung der Nieren oder der Harnwege ent­wickelten 5-mal häufiger ein dialysepflichtiges Nierenversagen (Hazard Ratio 5,19; 3,41–7,90). Nach (mindestens) einer Pyelonephritis (Hazard Ratio 4,03; 3,16–5,14) oder einer glomerulären Erkrankung (Hazard Ratio 3,85; 2,77–5,36) kam es später ungefähr 4-mal häufiger zu einem dialysepflichtigen Nierenversagen. Rekruten mit Nieren­erkrankungen/-fehlbildungen im Kindesalter wurden 7 Jahre früher dialysepflichtig als Patienten ohne eine solche Vorgeschichte (41,6 versus 48,6 Jahre).

Wie bei allen retrospektiven Analysen lässt sich nicht ausschließen, dass andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Calderon-Margalit konnte bei seiner Analyse lediglich Alter, Geschlecht, Geburtsort des Vaters, Einschreibungszeitraum, Body-Mass-Index und den systolischen Blutdruck berücksichtigen. Dennoch erscheint es angesichts der Höhe der Hazard Ratios unwahrscheinlich, dass die eigentliche Ursache übersehen wurde.

Julie Ingelfinger vom Massachusetts General Hospital in Boston liefert im Editorial eine plausible Erklärung. Jede menschliche Niere enthalte bei der Geburt zwischen 200.000 und 2 Millionen Nephrone, schreibt die Expertin. Nephrone sind die funktionellen Untereinheiten der Niere und bestehen aus den Nierenkörperchen und den daran angeschlossenen Nierenkanälchen. 

Mit dem Alter sinkt bei allen Menschen die Zahl der Nephrone kontinuierlich. Am Ende sind nicht mehr genügend Nephrone vorhanden, um den Körper zu entgiften und den Wasser- und Elektrolythaushalt auszugleichen. Mit jeder Nierenerkrankung im Verlauf des Lebens sinkt die Zahl der funktionsfähigen Nephrone. Im Kindesalter bleiben meist noch genügend Nephrone übrig, um die Nierenfunktion aufrecht zu erhalten. Doch der Zeitpunkt, bei dem die gesunden Nephrone die Mehrarbeit nicht mehr leisten können, rückt dann näher.

Trotz der Zahlen müssen sich die betroffenen Jugendlichen keine allzu großen Sorgen machen. Das absolute Risiko ist überschaubar:  Von den 18.592 Rekruten mit einer Nierenerkrankung/-fehlbildung in der Vorgeschichte wurden im Verlauf der 30-jährigen Nachbeobachtungszeit nur 140 dialysepflichtig (0,75 Prozent). Von den 1,5 Millionen Rekruten ohne Nierenerkrankung/-fehlbildung in der Vorgeschichte erkrankten 2.350 (0,16 Prozent). © rme/aerzteblatt.de

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