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Werther-Effekt: Dem Suizid von Robin Williams folgte ein Anstieg der Selbstmorde

Donnerstag, 8. Februar 2018

Robin Williams in der Literaturverfilmung „Hinter dem Horizont“ (What dreams may come), 1998/dpa © Polygram Filmed Entertainment/courtesy Everett Collection
Robin Williams in der Literaturverfilmung „Hinter dem Horizont“ (What dreams may come), 1998 /dpa

New York – Die mediale Berichterstattung über den Selbstmord des Schauspielers Robin Williams im Jahr 2014 könnte viele Menschen zur Nachahmung veranlasst haben. Forscher an der Mailman School of Public Health der Columbia University dokumentierten eine Zunahme von zehn Prozent der Selbstmorde in den Monaten nach dem Suizid des Schauspielers. Was damals noch nicht bekannt war und erst 2015 nach der Autopsie von den Medien berichtet wurde – Williams litt an einer Lewy-Körperchen-Demenz.

Vor allem Männer zwischen 30 und 44 Jahren sollen unter den Suizidenten nach Williams Tod gewesen sein. Am stärksten war der Anstieg der Suizide durch Ersticken (32 Prozent). Auch Williams Todesursache lautete „Ersticken durch Erhängen“. Im Vergleich dazu beobachteten die Forscher bei allen anderen Methoden des Selbst­mords nur einen Anstieg von drei Prozent. Die Ergebnisse sind in Plos One erschienen (2018; doi: 10.1371/journal.pone.0191405).

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Den Forschern zufolge wären von August bis Dezember 2014 16.849 Selbstmorde zu erwarten gewesen. Es waren jedoch weit mehr. Dem US-amerikanischen Center for Disease Control wurden 18.690 gemeldet, und der Anstieg pro Monat schien in diesem Zeitraum konstant zu bleiben. „Williams Tod könnte den US-Bürgern mit erhöhtem Suizidrisiko, insbesondere verzweifelten Männern mittleren Alters, den notwendigen Anreiz geboten haben, die Selbstmordgedanken in die Tat umzusetzen“, vermutet David S. Fink aus der Abteilung für Epidemiologie.

Medienempfehlungen der WHO

  • Begriffe und eine Sprache vermeiden, die Suizide zur Sensation aufbauschen, als Normalität hinstellen oder als Problemlösung ausgeben
  • Schlagzeilen und eine auffällige Platzierung von Suizidgeschichten vermeiden, Geschichten nicht wiederholen
  • die genaue Beschreibung der Methode und des Orts eines versuchten oder vollendeten Suizids vermeiden
  • mit Fotos und Filmmaterial sensibel und verantwortungsvoll umgehen
  • sich beim Berichten über den Suizid berühmter Personen zurückhalten
  • die Gefühle der Hinterbliebenen respektieren und schonen
  • Informationen über Hilfsangebote

Quelle: PP 15, Ausgabe November 2016

Medien sollen von WHO-Leitlinien abgewichen sein

Einen kausalen Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung können die Autoren aber nicht eindeutig nach­weisen. Die Vermutung liegt aber nahe. Denn die Medien berichteten über den Selbstmord Robin Williams ausführlich und wichen dabei auch tendenziell von den etablierten Leitlinien für die Selbstmordberichterstattung der Welt­gesund­heits­organi­sation ab, so die Kritik in der Autoren der Columbia University. Als Beispiel nennen sie Schlagzeilen aus der Washington Post („Robin Williams’s death shows the power of depression and the impulsiveness of suicide“) und der New York Times („Robin Williams Died by Hanging, Official Says“). Es folgte eine erhöhte Anzahl von Onlinebeiträgen im SuicideWatch-Forum, häufiger ging es in den Posts um Suizidgedanken.

Erst Monate später wurde in den Medien auch über die fortgeschrittene Lewy-Körperchen-Demenz berichtet, an der Williams litt. Zum Zeitpunkt seines Todes waren bereits 40 Prozent der dopaminbildenden Nervenzellen zerstört, fast keine Nervenfaser war nicht von Lewy-Körperchen umgeben, berichtet die Witwe Susan Schneider 2016 in Neurology.

Dass die Zahl der Selbstmorde nach der Berichterstattung und Diskussion in sozialen Medien über prominente Suizide steigt, konnten schon andere Beispiele nahelegen, unter anderem der Fall des Torwarts Robert Enke. Eine Metanalayse im Journal of Epidemiology Community Health kommt 2012 zu dem Schluss, dass in den Wochen nach dem Suizid eines Prominenten die Selbstmordrate in der Bevölkerung um durch­schnittlich 0,26 pro 100.000 Einwohner ansteigt. Kaum einen Anstieg verursachte hingegen der Suizid von Kurt Cobain 1994. Allerdings untersuchten die Studien nur die Selbstmorde in der Gegend um Seattle und in Australien.

Bereits 1774 soll der fiktionale Suizid in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ für zahlreiche Nachahmungen gesorgt haben. Trotz begrenzter epidemiologischer Beweise hierfür und der Abwesenheit von Onlinenachrichten und sozialen Medien zur damaligen Zeit, steht der Werther-Effekt heute für den Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Personen und der Suizidrate in der Bevölkerung.

Im Vergleich zu 1774 hat sich in den Medien einiges geändert. „Dies ist die erste Studie, die unseres Wissens die Auswirkungen eines prominenten Selbstmordes auf die Bevölkerung im Zeitalter der Rund-um-die-Uhr Berichterstattung untersucht hat“, sagt Fink. Noch nicht abschließend ausgewertet sind die Auswirkungen einer 2017 ausgestrahlten Netflix-Serie, die den Selbstmord einer Schülerin ausführlich thematisiert. Die Serie sorgte für viel Kritik, einige Experten forderten, die Serie abzusetzen, um Nachahmung zu verhindern. Was inzwischen belegt ist: Laut einer Studie in JAMA sollen die Google-Anfragen zum Thema Selbstmord seit Austrahlung der Serie gestiegen sein.

Werther-Effekt: Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ provoziert Interesse an Suizid

San Diego – Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“, in Deutschland „Tote Mädchen lügen nicht“, könnte einen Werther-Effekt ausgelöst haben. Eine Studie in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3333) belegt, dass nach der Ausstrahlung in den USA die Google-Anfragen zum Thema Suizid angestiegen sind. Der Werther-Effekt bezieht sich auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen (...)

Die zweite Staffel „13 Reasons Why“ wurde inzwischen trotz Warnungen von Experten abgedreht und soll noch 2018 ausgestrahlt werden. © gie/aerzteblatt.de

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CharlotteLeidenich
am Donnerstag, 15. Februar 2018, 10:23

Gefahr des Wegsehens nicht vernachlässigen

Man kann sicher zustimmen, dass es immer auf das Wie der Berichterstattung ankommt und die Medien-Empfehlungen auf jeden Fall beachtet werden sollten. Ich persönlich halte es aber für falsch, gar nicht zu berichten. Ein Suizid ist immer das Ende eines in der Regel langen Kampfes mit sich selbst und der eigenen Situation, und er ist Ausdruck schwerster innerer Zerissenheit, für die der Betroffene keine Worte mehr hatte. Insofern ist ein vollendeter Suizid immer auch ein allerletzter Hilferuf gewesen, der eine Botschaft für andere enthält.
Diese Botschaft kann er aber nur entfalten, wenn eine öffentliche Wahrnehmung ermöglicht wird. Wird also nicht berichtet, entsteht in der Bevölkerung der gefährlich falsche Eindruck, dass das Problem der Suizide weit weg ist. Es betrifft uns nicht, da es offenbar irgendwo anders in Deutschland und der Welt geschieht. Und so sehen wir nicht hin, sehen uns nicht in der Pflicht und können auch nicht wahrnehmen, dass wir einschreiten und uns kümmern müssten. Tätig werden und uns engagieren können wir nur dann, wenn man uns vor Augen führt, dass der Suizid auch in der Nachbarschaft geschieht; dass er mitten unter uns ist.
Es wäre also gut, auch einmal das Augenmerk darauf zu richten, ob man nicht auch eine erhöhte Fürsorge untereinander feststellen kann, vermehrte Thematisierung in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, in der Familie oder in der Gemeinde.
Jeder Suizid kann dazu beitragen, Vorträge zur Prävention und zu Hilfemöglichkeiten anzubieten. Es liegt in der Hand aller und jedes Einzelnen, ob es zu einer erhöhten Rate kommt. Oder nicht!
LNS

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