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Medizin

Levetiracetam bei Epilepsie im Kindesalter wirksamer als Phenobarbital

Donnerstag, 15. Februar 2018

1 von 1.000 Kindern im Alter von bis zu 1 Jahr entwickelt eine Epilepsie. /Tobilander, adobe.stock.com

Chicago – Der Vergleich von 2 der am häufigsten verschriebenen Medikamente für Säuglinge mit nichtsyndromaler Epilepsie ergab, dass Levetiracetam wirksamer als Phenobarbital war. Die Ergebnisse der multizentrischen randomisiert kontrollierten Beobachtungsstudie wurden in JAMA Pediatrics veröffentlicht (2018; doi: 10.1001/jamapediatrics.2017.5211). Sie sollen die Auswahl der Erstbehandlung für Säuglinge mit Epilepsie erleichtern. Nicht verglichen wurden jedoch Verhaltens­auffälligkeiten, sagt Christian E. Elger von der Klinik für Epileptologie an der Universität Bonn. Dabei gebe es viele Hinweise, dass Kinder vor allem auf Levetiracetam mit Hyperaktivität reagieren, was Eltern nur bedingt über einen längeren Zeitraum tolerieren.

Bei einer nichtsyndromischen Epilepsie stimmen EEG und klinische Parameter nicht mit bekannten elektroklinischen Syndromen übereinstimmen. Mehr als die Hälfte aller Kinder mit einer neu diagnostizierten Epilepsie zeigen dieses Krankheitsbild. Bei dieser Form der Epilepsie kommen breit wirksame Epilepsiemedikamente zum Einsatz, wie etwa Levetiracetam.

Die Beobachtungsstudie umfasste 155 Säuglinge mit nichtsyndromaler Epilepsie, die in einem der 17 medizinischen Zentren in den USA behandelt wurden, die am Pediatric Epilepsy Research Consortium teilnahmen. Die Säuglinge in der Studie waren bei ihren ersten nicht fieber­bezogenen Anfälle zwischen 1 Monat und 1 Jahr alt. Ihre Behandlung begann entweder mit Phenobarbital oder Levetiracetam.

Nach einer 6-monatigen Behandlung mit einem Medikament erfüllten 40 % der Kinder, die Levetiracetam erhielten, die Kriterien für einen Behandlungserfolg – sie benötigten kein 2. Antiepileptikum, um ihre Anfälle zu kontrollieren. Innerhalb von 3 Monaten nach Behandlungsbeginn waren sie anfallsfrei. Hingegen erreichten nur 16 % der mit Phenobarbital behandelten Kinder das gleiche Ergebnis.

Die Studie liefere erstmals Evidenz darüber, welche Behandlung für Säuglinge mit unbekanntem Syndrom zu bevorzugen sei, sagte Seniorautorin Anne T. Berg vom Stanley Manne Kinderforschungsinstitut im Ann & Robert H. Lurie Kinderkrankenhaus in Chicago. Von einer nichtsyndromalen Epilespie, die sich weder auf genetische noch auf typische EEG-Bilder zurückführen lässt, seien mehr als die Hälfte der Kinder betroffen. Die Ergebnisse der Studie werden großen Einfluss auf die Patienten­versorgung haben, ist sich Berg sicher.

Dabei deuten viele Berichte darauf hin, dass Kinder unter Levetiracetam häufiger als unter Phenobarbital eine Hyperaktivität entwickeln. Christian E. Elger, Klinik für Epileptologie an der Universität Bonn

Weniger überzeugt zeigt sich der Epilepsieexperte Elger von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „In der Studie wurde primär die Häufigkeit der Anfälle zur Bewertung der beiden Medikamente herangezogen,“ sagt Elger dem Deutschen Ärzteblatt. Keine Relevanz hatten hingegen Verhaltensauffälligkeiten bei dem Vergleich. „Dabei deuten viele Berichte darauf hin, dass Kinder unter Levetiracetam häufiger als unter Phenobarbital eine Hyperaktivität entwickeln,“ erklärt Elger. Vielen Eltern bereitet diese Begleiterscheinung nach einiger Zeit Probleme, weshalb sie den Neurologen erneut in der Praxis aufsuchen. „In einigen Fällen wirkt Vitamin B6 der Hyperaktivität entgegen. Evidenz gibt es dafür aber nicht.“ Auch Verhaltensauffälligkeiten wurden bisher nicht systematisch in Studien untersucht, räumt Elger ein.

Bei Erwachsenen sollte Levetiracetam die erste Wahl sein

Bei erwachsenen Epilepsiepatienten komme Phenobarbital in Mitteleuropa nur noch selten zum Einsatz, ergänzt Elger. Das Mittel der 1. Wahl für Herdepilepsien sei Levetiracetam. Bei generalisierten Epilepsien hat Levetiracetam derzeit nur eine Zulassung in der Ad-On-Therapie. Ein Großteil dieser Patienten (85 %) reagiert auf Levetiracetam bereits bei niedrigen Dosierungen von 1.000 mg pro Tag bei einem normalen Körpergewicht. „Bleibt bei den übrigen Patienten auch eine Steigerung auf bis zu 2.000 mg ohne Effekt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, mit höheren Dosen anfallsfrei zu werden.“

In Entwicklungsländern würde Phenobarbital aufgrund seiner geringen Kosten und langen Halbwertszeit hingegen weit häufiger eingesetzt. „So kommt es, dass etwa ein Drittel aller Epilepsiepatienten weltweit nach wie vor mit Phenobarbital therapiert wird,“ sagt der Neurologe aus Bonn. © gie/aerzteblatt.de

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