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Medizin

Leberschäden: PRAC fordert Marktrücknahme von Flupirtin

Montag, 12. Februar 2018

/nj_musik stock.adobe.com

London – Das Schmerzmittel Flupirtin, das seit einigen Jahren mit schweren Leber­schäden in Verbindung gebracht wird, soll in Europa vom Markt genommen werden. Dafür hat sich jetzt der Pharmakovigilanz-Ausschuss (PRAC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) ausgesprochen. Laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das die Überprüfung angestoßen hatte, haben die im Jahr 2013 auferlegten Einschränkungen der Anwendung das Auftreten weiterer schwerwiegender Leberschäden nicht verhindert.

Flupirtin wurde ab Mitte der 1980er Jahre als neuartiges Schmerzmittel zuerst in Deutschland und später auch in einigen Ländern überwiegend in Osteuropa eingeführt. Der „selektive neuronale Kaliumkanalöffner“ konnte aufgrund seines besonderen Wirkungsmechanismus bei Patienten eingesetzt werden, die keine Opioide und auch keine nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) einnehmen durften.

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Ursprünglich war Flupirtin ein Reservemittel, dessen Anwendung auf maximal acht Tage beschränkt war. Später wurde die Zulassung auf bis zu vier Wochen erweitert, schließlich wurde die zeitliche Begrenzung sogar ganz aufgehoben. Flupirtin wurde jetzt nicht mehr nur zur Linderung akuter Schmerzen eingesetzt. Da Flupirtin eine muskelrelaxierende Wirkung hat wurde es auch zur Behandlung von chronischen Muskelverspannungen verschrieben: Zwischen 2001 und 2011 stieg die Zahl der Verordnungen von 7,9 auf 28,1 Millionen Tagesdosen (DDD) pro Jahr an.

In dieser Zeit häuften sich die Fallberichte über Leberschäden. Dem BfArM waren bis 2013  49 Fälle eines Leberversagens zugetragen worden, von denen 15 Fälle einen tödlichen Ausgang nahmen oder eine Lebertransplantation erforderlich machten. Aufgrund eines vom BfArM initiierten Risikobewertungsverfahren wird die Anwendungs­dauer im Jahr 2013 wieder auf zwei Wochen beschränkt. Außerdem sollten nur noch Patienten behandelt werden, die keine anderen Schmerzmittel wie Opioide oder NSAR einnehmen konnten. Die verschreibenden Ärzte wurden zu regelmäßigen Laborkontrollen der Leberwerte aufgefordert.

Diese neuen Vorschriften führten zu einem Rückgang der Verordnungen. Doch die damals von der EMA initiierten Studien ergaben, dass die Einschränkungen nicht in ausreichendem Maß beachtet wurden. Es kam weiterhin zu schwerwiegenden Leber­schädigungen im Zusammenhang mit der Einnahme von Flupirtin.

Dies veranlasste im Oktober 2017 ein erneutes Risikobewertungsverfahren, das jetzt abgeschlossen ist. Der PRAC kommt hierin zu dem Ergebnis, dass die Risiken durch die Leberschäden den Nutzen von Flupirtin überwiegen. Es empfiehlt deshalb den die Zulassungen aller Flupirtin-haltigen Arzneimittel aufzuheben. Betroffen sind neben dem Originalpräparat auch zahlreiche Generika, die nach dem Auslaufen des Patentschutzes eingeführt wurden. 

Im Nachhinein betrachtet, hätten die Risiken möglicherweise früher erkannt werden können. Die Hepatotoxizität war bereits in den vorklinischen Studien aufgefallen, weshalb die Anwendungsdauer anfangs beschränkt wurde. Später geriet dies offenbar in Vergessenheit. In der Literatur aus jener Zeit wird häufiger eine Studie zitiert, nach der Flupirtin auch erfolgreich bei Patienten mit Lebererkrankungen einsetzte werden kann (Br J Clin Pract 1985; 39: 63-6). 

Wie riskant der Einsatz von Flupirtin in Wirklichkeit ist, zeigte sich später in der Berlin Case–Control Surveillance Study. Patienten mit Leberschäden waren dort 40-fach häufiger als eine Kontrollgruppe mit Flupirtin behandelt worden (Br J Clin Pharmacol 2014; 79: 988-999).

Einige Jahre zuvor musste eine randomisierte Vergleichsstudie zur Behandlung der überaktiven Blase vorzeitig abgebrochen werden, weil es nach der Behandlung mit Flupirtin über 12 Wochen bei nicht weniger als 31 Prozent der Patienten zu einer Hepatotoxizität gekommen war (Br J Clin Pharmacol 2012; 73: 821-825).

Die jetzige Empfehlung des PRAC ist nicht bindend. Im nächsten Schritt muss die Koordinierungsgruppe für dezentrale Verfahren und Verfahren der gegenseitigen Anerkennung (CMDh) ein Votum abgeben, bevor dann die Europäische Kommission einen rechtlich verbindlichen Beschlusses fasst. © rme/aerzteblatt.de

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