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Medizin

Verhaltenstherapie in virtueller Realität kann Paranoia und Angst reduzieren

Dienstag, 13. Februar 2018

/Dzelat, stockadobecom

Groningen – Eine kognitive Verhaltenstherapie, die mit der Technik der virtuellen Realität (VR) arbeitet, kann Paranoia und Angst bei Menschen mit psychotischen Störungen reduzieren. Das berichten niederländische Wissenschaftler in der Zeitschrift The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/ S2215-0366(18)30053-1).

An der Studie beteiligten sich 116 Patienten mit Psychosen in 7 niederländischen Zentren. „Bis zu 90 % der Menschen mit Psychose haben paranoide Gedanken, wie den Glauben, dass es eine Bedrohung für sie gibt oder dass andere Menschen ihnen Schaden zufügen wollen. Das hat zur Folge, dass viele Menschen mit Psychose öffentliche und soziale Aktivitäten meiden, wenige soziale Kontakte haben und mehr Zeit allein verbringen als Menschen ohne Psychose“, berichten die Forscher.

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116 Probanden

Alle 116 Teilnehmer setzten ihre Behandlung wie gewohnt fort, einschließlich antipsychotischer Medikamente, regelmäßigem Kontakt mit einem Psychiater und einer psychiatrischen Krankenschwester zur Verbesserung der Selbstversorgung, der Tagesaktivitäten sowie der sozialen und kommunikativen Funktionen. Die Hälfte der Studienteilnehmer (58 Personen) praktizierte soziale Übungen in einer virtuellen Umgebung mit einem Therapeuten.

Die Intervention bestand aus 16 einstündigen Sitzungen über einen Zeitraum von 8 bis 12 Wochen, in denen der Therapeut den Teilnehmer mit den sozialen Hinweisen vertraut machte, die in vier virtuellen Umgebungen – Straße, Bus, Café und Supermarkt – Angst, paranoide Gedanken und Sicherheitsverhalten auslösten. Der Therapeut konnte die Anzahl der Avatare, ihr Aussehen, ihre Reaktion auf den Teilnehmer (neutral oder feindselig) ändern und sie dazu bringen, vorab aufge­zeichnete Sätze zu sagen. Der Therapeut sprach während der Therapie auch direkt mit den Teilnehmern und half ihnen dabei, ihre Gefühle in den virtuellen sozialen Situationen zu erforschen.

Die soziale Teilhabe wurde durch Messung der Zeit, die mit anderen Menschen verbracht wurde, der momentanen Paranoia, der wahrgenommenen sozialen Bedrohung und der momentanen Angst bewertet. Die Teilnehmer wurden zu Beginn der Studie, unmittelbar nach der Behandlung und nach 6 Monaten beurteilt.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Kontrollgruppe nach 6 Monaten viel weniger Zeit mit anderen verbrachte als zu Beginn der Untersuchung, während die Teilnehmer in der VR-Gruppe ihre Zeit mit anderen leicht erhöhten. Außerdem hatten die Teilnehmer der VR-Gruppe nach 3 und nach 6 Monaten weniger Ängste in sozialen Situationen.

„Kognitive Verhaltenstherapie über VR zusätzlich zur Standardbehandlung reduziert paranoide Gefühle, Ängste und die Verwendung von Sicherheitsverhalten in sozialen Situationen im Vergleich zur Standardbehandlung allein“, so das Fazit des Hauptautors Roos Pot-Kolder.

Die Autoren merken allerdings an, dass die Studie keine aktive Kontrollgruppe enthielt, sodass nicht ausgeschlossen werden könne, dass die zusätzliche Behandlung allein zu den Verbesserungen in der VR-Gruppe führte.

Kristiina Kompus, Bergen University, Norwegen, schreibt in einem verknüpften Kommen­tar: „Mit der Entwicklung von Virtual Reality und mobiler Technologie erweitert sich die Palette der in der Psychotherapie verfügbaren Werkzeuge. Der Einsatz von Virtual-Reality-Umgebungen, in denen die Teilnehmer mit computer­gesteuerten Situationen oder Avataren interagieren, ermöglicht einen feiner abgestimmten Ansatz zur Exposition im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie.“ © hil/aerzteblatt.de

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