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Medizin

Herzinfarkt: Nach dem Notruf des Patienten zählt jede Minute

Donnerstag, 15. Februar 2018

/dpa

Hildesheim – Nach einem Herzinfarkt ist höchste Eile geboten. Jede Verzögerung im klinischen Ablauf der Behandlung verschlechtert die Prognose des Patienten. Dies gilt nach der Auswertung eines deutschen Patientenregisters im European Heart Journal (2018; doi: ehy004) vor allem für Patienten in instabilen Kreislaufverhältnissen.

Das FITT-STEMI-Projekt („Feedback-Intervention and Treatment-Times in ST-Elevation Myocardial Infarction“) bemüht sich seit 2006 um eine Verbesserung der Prozess­abläufe bei der Behandlung von Patienten mit akutem ST-Hebungs-Infarkt (STEMI). Bis Ende 2015 wurden an 48 Kliniken Daten zu mehr als 20.000 Patienten gesammelt. Die jetzt von Karl Heinrich Scholz und Mitarbeitern vom St. Bernward Krankenhaus in Hildesheim vorgestellte Auswertung umfasst 12.675 Patienten, die mit einem Rettungswagen die Klinik erreichten und bei denen innerhalb von 360 Minuten nach dem ersten medizinischen Kontakt eine perkutane koronare Intervention (PCI) durchgeführt werden konnte, die heute Standard in der Behandlung des STEMI ist.

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Insgesamt 997 Patienten (7,8 % der Patienten) starben in der Klinik. Die Überlebens­chancen hingen sehr stark davon ab, ob die Patienten stabile Kreislaufverhältnisse hatten oder nicht. Von den Patienten mit stabilem Kreislauf starben nur 2,7 in der Klinik. Bei Patienten im kardiogenem Schock betrug die Sterblichkeit dagegen 42 %. Auch Patienten, die außerhalb der Klinik (erfolgreich) reanimiert worden waren, hatten eine ungünstige Prognose. In dieser Gruppe starben 36 der Patienten. Wenn diese Patienten allerdings mit einem stabilen Kreislauf die Klinik erreichten, betrug die Mortalität nur 16 %.

Karzinogener Schock und fatale Arrhythmien sind Folgen des Herzinfarkts, die sich nur schwer beeinflussen lassen. Anders ist dies bei der Zeit, die vom ersten medizinischen Kontakt bis zum Beginn der PCI vergehen. Ein EKG im Rettungswagen verkürzte die Zeit um 5,4 Minuten, die Ankündigung des Patienten durch das Rettungsteam brachte 17,5 Minuten, der direkte Transport in das Katheterlabor unter Umgehung der Notfall­ambulanz sparte 33,2 Minuten. Ein frühzeitiges EKG in den ersten zehn Minuten nach Eintreffen des Rettungswagens beim Patienten beschleunigte die Abläufe um 4,2 Minuten.

Jede Optimierung der organisatorischen Faktoren kann laut der Analyse Menschen­leben retten. So lag die Sterblichkeit der Patienten, bei denen innerhalb von 90 Minuten nach dem medizinischen Kontakt der Herzkatheter geschoben werden konnte, nur bei 3,9 % gegenüber 12,2 bei Patienten, bei denen mehr Zeit verging. Bei einer Vorlaufzeit von 150 bei 180 Minuten Betrug die Sterblichkeit sogar 20 %.

Besonders deutlich waren die Auswirkung bei Patienten im karzinogenen Schock. Wenn alle diese Patienten nach dem ersten medizinischen Kontakt innerhalb von 90 Minuten zur PCI kämen, könnte auf 5 Patienten im kardiogenen Schock einem zusätzlich das Leben gerettet werden, berichtet Scholz (auf die Gesamtgruppe aller Patienten bezogen ist es 1 von 12 Patienten). Anders ausgedrückt: Jede Verzögerung des PCI-Beginns um 10 Minuten führt zu zusätzlich 3,31 Todesfällen pro 100 Patienten mit kardiogenem Schock.

Für die Studie gelten die Einschränkungen aller Beobachtungsstudien. Sie konnte nicht alle Gründe ermitteln, die zu Verzögerungen führen können. Es bleibt denkbar, dass Patienten mit einem schweren Herzinfarkt häufiger Komplikationen erleiden, die den Weg zum Katheterlabor verzögern, ohne dass dies in den Daten des FITT-STEMI-Registers erkennbar wird. In diesem Fall wäre die Ausgangslage des Patienten und nicht etwaige organisatorische Mängel für ein ungünstiges Ergebnis verantwortlich.

Auch für die Editorlisten William Wijns von der Universität in Galway, Irland, und Christoph Naber vom Universitätsklinikum Essen steht jedoch fest, dass die Bedeutung einer raschen Zuführung zur PCI nicht unterschätzt werden kann. Laut Scholz ist das Rettungswesen in Deutschland hier im internationalen Vergleich gut aufgestellt. Bei einem Verdacht auf einen Herzinfarkt gehöre immer ein Arzt zum Rettungsteam. Dieser könne frühzeitig eine EKG-Diagnose stellen, den Patienten in der Klinik ankündigen und unter Umgehung der Notfallaufnahme rasch dem Herzkatheterlabor zuführen. Dies sind gleich mehrere Faktoren, die sich günstig auf die Behandlungsergebnisse auswirken können. © rme/aerzteblatt.de

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