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Medizin

Havanna-Diplomaten: Neurologen diagnostizieren „postkommotionelles Syndrom ohne Hirnerschütterung“

Freitag, 16. Februar 2018

/Tatiana Shepeleva, stockadobecom

Philadelphia – Die Untersuchung von US-Diplomaten, die Ende 2016 nach vermeint­lichen „akustischen Attacken“ in Havanna mit diversen neurologischen Symptomen erkrankt waren, hat keine sicheren Anhaltspunkte für eine Hirnschädigung durch Fremdeinwirkung gefunden. Die naheliegende Vermutung, dass es sich um ein massenpsychogenes Phänomen gehandelt haben könnte, weisen führende Neurologen des Landes im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; doi: 10.1001/jama.2018.1742) jedoch zurück. Sie diagnostizieren ein „postkommotionelles Syndrom ohne Hirnerschütterung“.

Ein postkommotionelles Syndrom ist eine häufige Folge von Gehirnerschütterungen. Zu den typischen Symptomen gehören Kopfschmerzen, Schwindel, neuropsychiatrische Symptome und kognitive Störungen. Mit ähnlichen Beschwerden meldeten sich Ende 2016 eine Reihe von Mitarbeitern der US-Botschaft in Havanna krank. 18 der 21 Diplomaten berichteten, dass die Symptome nach einer „akustischen Attacke“ aufgetreten seien.

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Sie seien unvermittelt lauten Geräuschen ausgesetzt worden, die offenbar gezielt auf sie gerichtet worden seien, da sie nur an bestimmten Stellen des Botschaftsgebäudes oder auch zu Hause auftraten. Die Geräusche wurden mit lauten Metallklängen oder auch mit dem Wummern verglichen, zu dem es kommt, wenn man beim Auto die Seitenfenster leicht öffnet.

Da Gleichgewichts- und Hörstörungen im Vordergrund standen, ließ die Botschaft die Patienten Anfang 2017 zunächst an der Universität Miami von HNO-Experten unter­suchen. Diese konnten sich keinen Reim auf die merkwürdigen Symptome machen. Die Patienten wurden daraufhin an das „Center for Brain Injury and Repair“ der Universität von Pennsylvania überwiesen, einem der führenden Zentren des Landes für Hirnverletzungen. 

Dort wurden noch einmal eingehende neurologische Untersuchungen durchgeführt. Dazu gehörten eine Reihe von Tests zu kognitiven Fähigkeiten und mentalen Störungen sowie die eingehende Untersuchung von Gleichgewichts- und Hörsinn und die Prüfung von Sehfähigkeit und Augenbewegungen. Schließlich wurden Magnet­resonanztomographien des Kopfes durchgeführt.

Bei den meisten Patienten wurden laut dem Team um Douglas Smith auch mehr als 7 Monate nach den vermeintlichen Attacken noch Auffälligkeiten gefunden: Bei 16 Patienten fanden sie vestibuläre und bei 15 Patienten okulomotorische Störungen. 3 Patienten wiesen eine mittelschwere bis schwere Innenohrschwerhörigkeit auf. 9 Patienten hatten Läsionen in der Kernspintomographie, die allerdings nicht zu den Symptomen passten.

Das Beschwerdebild gleicht nach Einschätzung von Smith am ehesten einem postkommotionellen Syndrom, zu dem es nach einer Gehirnerschütterung kommen kann. Doch bei keinem der Patienten ließen sich irgendwelche Verletzungen des Schädels oder des Gehirns nachweisen. Smith hat auch keine medizinische Erklärung dafür, wie die Symptome durch akustische Phänomene hätten ausgelöst werden können. 

In dieser Situation hätten Psychiater vermutlich die Möglichkeit einer kollektiven psychosomatischen Störung in ihre diagnostischen Überlegungen einbezogen. Für solche kollektiven psychogenen Phänomene, auch als Massenpsychose bezeichnet, gibt es zahlreiche Beispiele, darunter einige mit politischem Hintergrund. So kollabierten im März 1983 an der Westbank 943 Teenager, weil sie sich einem israelischen Giftgasangriff ausgesetzt glaubten, der niemals stattgefunden hatte. Auch die angebliche Massenvergiftung von Schülern, zu der es im März 1990 im Kosovo kam, nachdem die serbische Regierung eine ethnische Trennung der Schüler veranlasst hatte, wird heute als massenpsychogene Störung gedeutet. 

Smith lehnt diese Möglichkeit indes strikt ab. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass die Betroffenen die Symptome erfunden hätten oder sich als Simulanten vor der Arbeit drücken wollen, schreibt er. Im Gegenteil: Alle seien hochmotiviert und wollten ihre Arbeit lieber heute als morgen wieder aufnehmen (Smith verkennt dabei, dass psychogene Störungen in der Regel nicht beabsichtigt sind). 

Ein Kennzeichen der Massenhysterie ist, dass sich die Patienten nach einiger Zeit von selbst wieder erholen. Auch den Botschaftsangehörigen scheint es langsam besser zu gehen. Das Reha-Team um Randel Swanson führt dies jedoch auf ihre intensiven Bemühungen ihrer Abteilung zurück. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #617756
HJB2000
am Donnerstag, 6. Dezember 2018, 21:29

Es scheint gezielt zu sein

In anderen Berichten las ich, dass die Betroffenen zuhause unangenehme Wahrnehmungen hatten, in deren Folge die Symptome auftraten. Da bisher noch keine Verursacher gefunden wurden, die es aber geben muss, dachte ich an folgende Möglichkeit. Man kann schon sehr gezielt und gebündelt Wellen jeglicher Art aus dem Orbit zur Erdoberfläche senden. Könnte man die jeweiligen Zeiten der Ereignisse Himmelskonstellationen zuordnen, könnte man auf den Standort des Himmelsobjekts zurück schließen.
LNS

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