NewsÄrzteschaftWie sich traumatische Erfahrung in der Kindheit auch im Erwachsenenalter auswirkt
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Wie sich traumatische Erfahrung in der Kindheit auch im Erwachsenenalter auswirkt

Montag, 19. Februar 2018

/Jan H. Andersen, stockadobecom

Berlin – Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen durchmachen musste, ist auch im Erwachsenenalter anfälliger für psychische Krankheiten, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gastrointestinale Störungen, Diabetes und Krebs. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN).

In einer deutschlandweiten Umfrage gaben 27,7 Prozent der befragten Erwachsenen an, mindestens eine Form der Misshandlung in ihrer Kindheit erfahren zu haben. „Zahlreiche Studien belegen, dass belastende Erfahrungen im Kindesalter das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöhen“, sagte die DGKN-Präsidentin Agnes Flöel, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald.

Grundstein für Gesundheit

Einen Pathomechanismus dazu erläutert die DGKN-Expertin Christine Heim, Direktorin des Instituts für medizinische Psychologie an der Charité in Berlin. Bildgebende Verfahren zeigten, dass die Gehirnareale, die für die Stressregulation zuständig sind, bei den Probanden verkleinert seien. Weitere Untersuchungen zeigen außerdem, dass Erwachsene, die von belastenden Erfahrungen wie körperliche oder psychische Misshandlungen in der Kindheit berichten, chronisch erhöhte Entzündungswerte aufwiesen.

„Das Immunsystem ist quasi dauerhaft im Einsatz, und damit schreitet auch die Zellalterung schneller voran“, so Heim. Diese Menschen reagierten sensibler auf Belastungssituationen, weil ihr Stressreaktionssystem möglicherweise dauerhaft sensibilisiert sei, erläuterte Heim. Der Grundstein für Gesundheit beziehungsweise für Krankheit werde also bereits sehr früh im Leben gelegt. Traumatische Erfahrungen im Kindesalter hinterließen neurobiologische Spuren, die die Betroffenen ihr ganzes Leben lang anfällig für Erkrankungen machen könnten.

Neue Diagnostik- und Therapieansätze könnten diese Kausalkette aber durchbrechen, ist Heim überzeugt. Dafür sei es nötig, Betroffene mit einem erhöhten Krankheitsrisiko früh zu erkennen und individuell zu behandeln. Zum Beispiel könnte die Hirn­stimulation gegebenenfalls künftig eingesetzt werden, um die schädlichen Veränderungen in den betroffenen Hirnstrukturen umzukehren. „Prävention und Intervention müssen frühestmöglich greifen, um die lebenslangen Auswirkungen für die Betroffenen minimieren zu können“, so Heim. © hil/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

19. Juni 2018
Columbus – Ein größeres soziales Netzwerk könnte das alternde Gehirn positiv beeinflussen und gegen kognitiven Verfall wirken. Das berichten Forscher vom Department of Psychology und dem Department of
Soziale Aktivitäten könnten gegen kognitiven Verfall wirken
19. Juni 2018
Brüssel – Die Europäische Kommission hat 88 Millionen Euro für die nächste Projektphase bis März 2020 des sogenannten Human Brain Projects bereitgestellt. Dieses ist eines der größten
Human Brain Project geht in die neue Projektphase
18. Juni 2018
Bochum – Eine transkranielle Magnetstimulation (TMS) wirkt auf Verschaltungen von Neuronen im Gehirn: Sie macht zum Beispiel Nervenzellverbindungen in der Sehrinde des Gehirns empfänglicher für
Effekte der transkraniellen Magnetstimulation im Gehirn
26. April 2018
Tübingen – Entzündungsreaktionen können Immunzellen im Gehirn – die Mikroglia – langfristig verändern. Diese Zellen haben also ein Immungedächtnis. Es beeinflusst möglicherweise den Verlauf später
Entzündungen außerhalb des ZNS könnten Mikroglia epigenetisch verändern
18. April 2018
Frankfurt am Main – Das menschliche Gehirn reagiert auf die morgendliche und abendliche Dämmerung, indem es zu diesen Zeitpunkten die Ruheaktivität in der Sehrinde herunterfährt, damit schwache
Das Gehirn verarbeitet schwache visuelle Reize in der Dämmerung besser als mittags
16. April 2018
Göttingen – Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet ein neues Schwerpunktprogramm (SPP) „Evolutionäre Optimierung neuronaler Systeme“ ein. Es ist auf sechs Jahre angelegt und wird Anfang
Neuer Forschungsverbund „Evolutionäre Optimierung neuronaler Systeme“
10. April 2018
Tübingen – Neurowissenschaftlern des Werner Reichardt Centrums für Integrative Neurowissenschaften (CIN) der Universität Tübingen ist es im Tiermodell gelungen, Ortszellen im Gehirn umzuprogrammieren,
NEWSLETTER