NewsMedizinWie Ketamin die Depressionen zügelt
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Wie Ketamin die Depressionen zügelt

Dienstag, 20. Februar 2018

/Zerbor, stock.adobe.com

Hangzhou/China – Das Anästhetikum Ketamin, das nach einmaliger Injektion Major-Depressionen über längere Zeit lindert, erzielt seine Wirkung einer Studie in Nature (2018; doi: 10.1038/nature25509) zufolge in den lateralen Habenulae, zwei bisher von Neurophysiologen wenig beachteten Kernzentren in der Nähe der Zirbeldrüse. Eine weitere Studie in Nature (2018; doi: 10.1038/nature25752) zeigt, dass die Astrozyten dort ebenfalls die Entwicklung einer Depression beeinflussen.

Die Entdeckung, dass Ketamin nach einmaliger Gabe schwere Depressionen in weniger als einer Stunde durchbrechen kann, gehört zu den wichtigsten Entdeckungen im Bereich der Psychiatrie der letzten Jahrzehnte. Erstaunlich ist, dass die Wirkung häufig über Wochen anhält, obwohl Ketamin bei einer Halbwertzeit von etwa drei Stunden schon bald aus dem Körper eliminiert wird.

Anzeige

Diese „Hit and go“-Wirkung wird heute mit der Hemmung der NMDA-Rezeptoren in Verbindung gebracht. Es handelt sich um Membrankanäle, die unter anderem in den lateralen Habenulae vorkommen. Die physiologische Funktion der Habenulae, übersetzt die „Zügel“ der Zirbeldrüse (Epiphyse), war lange unklar. Inzwischen werden sie mit der Pathogenese der Depression in Verbindung gebracht und zwar in dem Sinn, dass plötzliche Entladungen („bursts“) von Nervenzellen die Belohnungszentren des Gehirns hemmen, was eine depressive Gemütslage erklären könnte.

Ein Team um Hailan Hu von der Zhejiang Universität in Hangzhou (bei Shanghai) kann jetzt an Ratten zeigen, dass die „bursts“ auf eine Aktivierung von NMDA-Rezeptoren in den lateralen Habenulae zurückzuführen sind. Die Injektion von Ketamin war in der Lage, die „bursts“ zu verhindern, was bei den Tieren zur einer Abschwächung der Depressionen führte. 

Der Ausfall der „bursts" könnte erklären, warum Ketamin eine rasche Wirkung erzielt (während bei den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und anderen Antidepressiva Wochen vergehen können, bevor eine Wirkung erkennbar ist). Warum die Wirkung nach einer einmaligen Infusion von Ketamin über Wochen anhalten kann, bleibt jedoch weiterhin unklar.

Die Experimente der chinesischen Forscher zeigen, dass neben NMDA-Rezeptoren auch der spannungsabhängige T-Typ-Kalziumkanal (T-VSCC) für die Auslösung der „bursts“ benötigt wird. Der T-VSCC-Antagonist Ethosuximid hat bei den Ratten eine antidepressive Wirkung erzielt. Ob das Mittel, das zur Behandlung von Absencen und kleiner epileptischer Anfälle zugelassen ist, auch bei Patienten mit Depressionen eingesetzt werden kann, ist nicht bekannt. Bei den Ratten war auch der T-VSCC-Antagonist Mibefradil wirksam, der als Antihypertonikum 1998 wegen potenziell gefährlicher Arzneimittel-Wechselwirkungen vom Markt genommen wurde.

Auch die Astrozyten, die in den lateralen Habenulae zum Stütz- und Nährgewebe gehören, beeinflussen die „bursts“. Eine Analyse der Genexpression ergab, dass diese Zellen bei Patienten mit Depressionen vermehrt den Kaliumkanal Kir4.1 bilden. Diese Kanäle nehmen die Kaliumionen auf, die während der „bursts“ von den Nervenzellen freigesetzt werden. Ein pharmakologischer Ansatz ist hier nicht zu erkennen, da er die Aufnahme von Kalium in die Astrozyten verstärken müsste, was schwieriger zu realisieren ist als die Blockade eines Rezeptors oder Ionenkanals. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

6. März 2019
Silver Spring/Maryland – Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat ein Nasenspray mit dem Wirkstoff Esketamin, dem S-Enantiomer des Anästhetikums Ketamin, als Zusatzbehandlung von Patienten mit
USA: Esketamin-Nasenspray zur Behandlung resistenter Depressionen zugelassen
6. März 2019
Amsterdam und Chicago – Nahrungsergänzungsmittel und/oder eine psychologische Unterstützung haben in einer randomisierten Studie adipöse Erwachsene nicht vor einer drohenden Depression geschützt. Bei
Diätberatung schützt nicht vor Depressionen, könnte aber bei Behandlung helfen
28. Februar 2019
Hannover – Antidepressiva werden immer häufiger ärztlich verordnet. Das ergab eine Auswertung der rund 1,7 Millionen Versichertendaten der KKH Kaufmännische Krankenkasse. Laut der heute in Hannover
Krankenkasse: Immer mehr Menschen erhalten Antidepressiva
19. Februar 2019
Berlin – Kinder und Jugendliche in Berlin werden laut einer Krankenkassenuntersuchung überdurchschnittlich häufig wegen Depression und Schulangst behandelt. Mit 12,5 Fällen diagnostizierter Depression
DAK-Report: Depression und Schulangst häufiger bei Berliner Nachwuchs
14. Februar 2019
Montreal – Während immer mehr Länder den Cannabiskonsum legalisieren und die THC-Droge zunehmend zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird, warnen Epidemiologen vor den Folgen für die Gehirne
Metaanalyse: Früher Cannabiskonsum erhöht Depressions- und Suizidrisiko im Erwachsenenalter
14. Februar 2019
Portland/Ohio – Depressionen, unter denen während und nach der Schwangerschaft 1 von 7 Frauen leidet, lassen sich durch psychologische Behandlungen häufig verhindern. Zu dieser Einschätzung gelangt
US-Empfehlung: Wie perinatale Depressionen verhindert werden können
5. Februar 2019
Leipzig – Für arabischsprachige Menschen mit Depressionen gibt es online ein neues Hilfsangebot. Das kostenfreie Selbsthilfeprogramm iFightDepression helfe Betroffenen mit leichten Depressionsformen,
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER