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Ärzteschaft

KBV über GroKo-Forderung nach Ausweitung der Sprechstundenzeit irritiert

Donnerstag, 22. Februar 2018

/dpa

Berlin – Als „gelinde gesagt befremdlich“ hat der Vorstandsvorsitzende der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, heute die Pläne von CDU, CSU und SPD bezeichnet, die Mindestzeit bei den ärztlichen Sprechstunden von 20 auf 25 Stunden pro Woche zu erhöhen.

„Schon heute bekommen die niedergelassenen Ärzte zehn bis 20 Prozent ihrer Leistun­gen aufgrund der Budgetierung nicht vergütet. Und jetzt sollen sie noch mehr Leis­tungen anbieten? Das ist ein Unding“, empörte sich der KBV-Vorstandsvorsitzende. Er kritisierte auch die grundsätzliche Haltung der Politik, massiv in die Arbeitszeit­gestaltung eines freien Berufs eingreifen zu wollen.

Mindestsprechstundenangebot wird heraufgesetzt

Hintergrund ist ein Passus, der sich auf Seite 97 des Koalitonsvertrages zwischen CDU, CSU und SPD findet. „Wir werden in einem Sofortprogramm die Leistungen und den Zugang zur Versorgung für gesetzlich Versicherte verbessern“, heißt es dort. Dazu soll unter anderem „das Mindestsprechstundenangebot der Vertragsärzte für die Versor­gung von gesetzlich versicherten Patienten von 20 auf 25 Stunden“, erhöht werden.

Laut der KBV arbeiten niedergelassene Ärzte im Durchschnitt 52 Stunden pro Woche für gesetzlich krankenversicherte Patienten. „Wenn die Politik die Zahl der Sprech­stunden für gesetzlich krankenversicherte Patienten von 20 auf 25 Wochenstunden erhöhen will, muss sie erklären, wie sie das meint“, sagte Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV.

„Kommen fünf Stunden on top drauf? Dann wären es durchschnittlich 57 Wochen­arbeits­stunden – oder aber soll Arbeitszeit umverteilt werden? Das hieße dann: Wir hätten weniger Zeit für diagnostische oder therapeutische Inhalte. Ein Mehr von 25 Prozent an Sprechstundenzeit stellt einen dramatischen Eingriff ins Praxisgeschehen dar“, lautete sein Fazit.

Gassen schlägt im Gegenzug der Politik vor, diese sollte die Bürokratielast der Praxen deutlich verringern. „Gegenwärtig wenden Niedergelassene fast 54,2 Millionen Arbeitsstunden im Jahr für administrative Pflichten auf. Hier liegt ein enormes Sparpotenzial, damit Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben“, so der KBV-Vorstandsvorsitzende. © hil/aerzteblatt.de

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Practicus
am Sonntag, 25. Februar 2018, 01:24

Köstlich...

dann werde ich mich demnächst so verhalten, wie sich das die Politik vorstellt: Am Ende der ausgeschilderten Sprechstunde alle anwesenden Personen mit dem Hinweis "Sprechstunde ist zuende" nachhause schicken mit dem Hinweis "kommen Sie morgen wieder!"
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 23. Februar 2018, 19:54

"Befindlichkeitsstörungen"...

wie viele unbedarfte Zeitgenossen meinen, sind nicht die Kernkompetenz von uns niedergelassenen Haus-, Familien- und FachärztInnen in Deutschland! Dafür sind unsere Arbeitsleistungen viel zu komplex, schwierig, differenziert und anspruchsvoll.

Und manchmal ist es zum aus der Haut fahren, wie blutige männliche und weibliche Laien, die sich über vertragsärztliche Gegebenheiten, Praxis-Organisation und -Logistik nicht mal ansatzweise informieren, gleichzeitig nur noch herumschwadronieren wollen.

Wir GKV-Vertragsärztinnen und -Ärzte sind als Haus-, Familien- und Fachärzte doch nicht die Spezialisten für "Befindlichkeitsstörungen" am Starnberger See, in München-Innenstadt, am Stuttgarter Speckgürtel, in Bad Homburg bei Frankfurt/Main, an der Düsseldorfer "Kö", am Potsdamer Seeufer, im Berliner Grunewald, in Hamburg-Blankenese, auf Sylt oder anderswo. Die Neuen Bundesländer lasse ich hier bewusst weg, denn dort arbeiten nahezu alle GKV-Vertragsärzte permanent an ihren Kapazitätsgrenzen.

Es muss doch endlich in die Hirne der überwiegend privat versicherten, privilegierten, angehenden Koalitionäre gehen, dass eine Mindestzahl der Sprechstunden für Kassenpatienten von 20 Stunden pro Woche zumindest im haus- und familienärztlichen Bereich (Allgemeinmedizin, hausärztliche Internisten, Pädiater, Gynäkologen) reine Fiktion ist: Die normative Kraft des Faktischen bedingt wesentlich höhere Inanspruchnahmen von 25 Stunden und weitaus mehr, insbesondere in aktuellen Zeiten von Influenza-Häufung und massenweisen Atemwegserkrankungen zusätzlich zur Basisversorgung bei Organ- und Systemkrankheiten.

Eine staatlich geforderte Verpflichtung, statt 20 nunmehr 25 Sprech-Stunden pro Woche für unsere GKV-Patientinnen und -Patienten vorzuhalten, geht zumindest für meine Berufsgruppe der Haus- und Familien-Mediziner einschl. der Kinderärzte und hausärztlichen Internisten an den vertragsärztlichen Realität meilenweit vorbei.

Dazu ist im Übrigen auch bisher eine entsprechende Bundes- und Landesgesetzgebung nicht bekannt, wohingegen beim Lehrerberuf, in der Exekutive und Judikative selbst kleinste Details hoheitlich geregelt sind.

Die z. T. hasserfüllte und verhetzte Kommunikation über ärztliche Arbeitszeiten in Politik, Medien, Öffentlichkeit und Sozialversicherungs-Bürokratie spricht Bände. Die am heftigsten gegen GKV-Vertragsärztinnen und -Vertragsärzte polemisierenden Akteure haben nicht einmal hinter den Anmeldetresen geschaut, Mitarbeiter/-innen gefragt oder bei ihrem "Hausarzt" hospitiert.

Dazu fehlt ihnen auch meist die Heilkunde-Erlaubnis und ein notwendiger Abstand zum populistischen Ärzte-"Bashing". Selbst "Kollege" Prof. Dr. med. Karl Lauterbach (SPD) hat seine Approbation als Arzt erst seit 2010.

Bei 20-25 Wochen-Stunden reiner Sprechstunden-Zeit kommen hinzu:

1. Rüstzeiten, wie bei jeder Handwerker-Rechnung, Logistik 5h
2. EDV-Einrichtung, Verwaltung, Datenpflege 5h
3. Fort- und Weiterbildung, Fachliteratur, Recherchen 5h
4. Fahrtzeiten Haus-/Heim-/Palliativ-Besuche, Verweilen 5h
5. Meist Medizin-ferne Anfragen/Gutachten/Bescheinigung 5h

So kommt man bei einer reinen GKV-Sprechstunden-Zeit von 20 Stunden auf die empirisch bereits mehrfach belegte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 45 Stunden plus weitere 10 Stunden für zusätzliche, rein privatärztliche Tätigkeit bei den in der ambulanten Krankenversorgung tätigen Vertragsärzten.

Von 20 auf 25 Wochenstunden zu erhöhen, ist eine Steigerung um 25 Prozent: Damit läge die GKV-Wochenarbeitszeit bei gut 56 Stunden plus 10 Stunden privatärztliche Tätigkeit. Wo soll das denn noch hinführen?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (Donnerstag von 11-20 Uhr reguläre Sprechstunde)
Mathilda
am Freitag, 23. Februar 2018, 14:21

Teilzeit-Kassenarztsitze

Das Problem ist doch, dass ein Kassenarzt, der den gesetzlich Krankenversicherten nur 20 Stunden zur Verfügung steht, deshalb trotzdem einen vollen Kassenarztsitz blockiert. Statt nun die Sprechstundenzeit vorzuschreiben (25 Stunden wären immer noch weit von einem vollen Kassenarztsitz entfernt), sollte ein anteiliger Kassenarztsitz entsprechend der tatsächlichen Sprechstunden-(und Hausbesuchs-)zeit vergeben werden. Wer also nur 20 Sprechstunden in der Woche für Kassenpatienten zur Verfügung steht, hat nur 1/2 Kassenarztsitz - und ein weiterer Arzt könnte mit ebenfalls 20 Sprechstunden einen zweiten 1/2 Kassenarztsitz ausfüllen. Damit wäre nach meiner Auffassung allen Beteiligten mehr gedient.
Ob die Ärzte ihre übrige Zeit Privatpatienten oder Selbstzahlern widmen, ambulant oder im Krankenhaus operieren oder sie mit ihren Kindern verbringen, ist dabei völlig unerheblich.

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