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Politik

Expertengruppe: Pflegekräfte sollen ärztliche Aufgaben übernehmen

Donnerstag, 1. März 2018

/dpa

Berlin – Speziell ausgebildete Pflegekräfte sollen ärztliche Aufgaben der Primärversorgung im ländlichen Raum übernehmen. Das hat eine Expertengruppe gefordert, die auf Initiative der Robert-Bosch-Stiftung das Manifest „Mit Eliten pflegen“ erstellt hat, das heute in Berlin präsentiert wurde. „Wir brauchen eine professionelle Pflege, die perspektivisch Aufgaben im interprofessionellen Zusammenwirken übernimmt, die heute noch mehrheitlich beim Hausarzt liegen“, heißt es in dem Manifest. „Auch um die Gesundheitsversorgung in strukturschwachen Räumen sicherzustellen, übernimmt die professionelle Pflege perspektivisch substituierende Aufgaben wie Assessments, Verschreibungen, Triagierung und die Versorgung von Bagatellerkrankungen.“ Dies sei in anderen Ländern bereits üblich und hat sich bewährt.

Der Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), Franz Wagner, der zu der Expertengruppe gehörte, wurde konkreter: „Bei langen Anfahrtswegen könnte der ambulante Pflegedienst Wiederverordnungen von Medikamenten übernehmen, wenn die Pflegenden eine spezielle Zusatzqualifikation haben, zum Beispiel die Wiederverordnung von Insulin.“ In diesem Zusammenhang verwies Wagner auf den Koalitionsvertrag von Union und SPD, in dem es heißt: „Für die zukünftigen Herausforderungen des Gesundheitswesens ist die Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe neu zu justieren und den Gesundheitsfachberufen mehr Verantwortung zu übertragen.“

Manifest: Pflegende sollen Koordinierung der Versorgung übernehmen

In dem Manifest wird zudem gefordert, dass professionell Pflegende künftig Verantwortung für die Koordinierung des Versorgungsprozesses der gepflegten Personen übernehmen: „Professionelle Pflege koordiniert als ‚Kümmerer‘ im multiprofessionellen Team das Aufgreifen und Umsetzen der verschiedenen Gesundheitsleistungen und ergänzender unterstützender Maßnahmen. Als Lotse gibt die professionelle Pflege Orientierung im komplexen Versorgungsgeschehen, übernimmt an den Grenzen der Versorgungssektoren eine Schnittstellenfunktion und koordiniert möglichst reibungslose Übergänge.“

Das Manifest wurde von 40 Experten insbesondere aus der Pflegepraxis, von Pflegewissenschaftlern und Ärzten in einem Zeitraum von zwei Jahren erstellt, um Strategien zu entwerfen, „wie die Zusammenarbeit von Pflegefachpersonen mit unterschiedlichen Ausbildungen im Team besser gelingen und die Pflege durch neue Karrieremöglichkeiten attraktiver werden kann“.

Wagner: „Attraktives Angebot für Abiturienten machen“

Abschließend wird aufgeführt, wer aktiv werden muss, um diese Ziele zu erreichen. Tätig werden soll demnach unter anderem die Ärzteschaft, „indem sie kollegial Kompetenzen und Zuständigkeiten der Pflegeberufe anerkennt und zusammen mit ihnen für eine exzellente, zukunftsfähige Gesundheitsversorgung eintritt“.

Auch zahlreiche andere Berufsgruppen sollen dem Manifest zufolge aktiv werden, unter anderem die Pflege selbst. „Wir brauchen dringend attraktivere Karrierewege in der Pflege. Dazu müssen wir das gesellschaftliche Bild der professionellen Pflege ändern, das im Moment häufig darin besteht, gebrechliche Menschen umzulagern und Essen zu reichen“, meinte Wagner.

Dabei benötige Deutschland nicht nur mehr Fachpersonal in der professionellen Pflege, sondern auch deutlich mehr akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen in der direkten Versorgung. Schon im Jahr 2012 habe der Wissenschaftsrat eine Akademisierungsquote für die Pflege von zehn bis 20 Prozent empfohlen. „Die Zahl der Abiturienten wächst seit Jahren“, betonte Wagner. „Darauf müssen wir uns fokussieren. Wir müssen ein attraktives Angebot für diese jungen Menschen machen.“

Eine Brücke zwischen den Berufen

In den USA sei eine nationale Strategie beschlossen worden, der zufolge 80 Prozent der Pflegekräfte bis 2020 einen Bachelor haben sollen, erklärte Wagner. In Deutschland liegt die Akademisierungsquote in der Pflege deutlich darunter. „Wir sind in unserem Haus bei einer Quote von drei Prozent“, sagte Johanna Feuchtinger von der Stabsstelle Qualität und Entwicklung am Universitätsklinikum Freiburg. „Für mich ist allerdings eher 80 Prozent eine Größe, die Sinn macht.“ Denn die medizinischen Möglichkeiten bei der Diagnose und der Therapie entwickelten sich mit hoher Geschwindigkeit weiter. „Deshalb müssen die Pflege und die Ärzteschaft eine gemeinsame Sprache haben, um gut kommunizieren zu können“, so Feuchtinger. „Unsere Ärzte sagen mir: Die Akademisierung sei das, was in der Pflege bislang gefehlt habe. Mit mehr akademisierten Pflegekräften schlagen wir eine Brücke zwischen den beiden Berufen.“

Karin Ellinger, Stationsleitung am Diakonissenkrankenhaus in Dresden, wies darauf hin, dass die zunehmende Akademisierung innerhalb des Pflegeberufes nicht unumstritten sei. Manche nicht akademisierte Stationsleitung mache ihre Arbeit noch so wie vor 20 Jahren. Sie wolle nicht unbedingt eine Veränderung, erklärte Ellinger. Und manche nicht akademisierte Stationsleitung habe auch Angst davor, dass akademisierte Pflegekräfte ihr in Zukunft die Arbeit wegnehmen.  

„Man kann aber nicht alles so lassen, wie es war. Ich bin sehr für mehr akademisierte Pflegekräfte in der Praxis“, betonte Ellinger. Um dies zu erreichen, müsse man aber zunächst die mittlere Führungsebene in den Krankenhäusern davon überzeugen. Wichtig sei es, den heute Pflegenden klarzumachen, dass akademisierte Pflegekräfte in Zukunft andere Aufgaben und Verantwortlichkeiten erhielten, und dass es darum gehe, die anfallenden Aufgaben in den Teams je nach Qualifikationsgrad zu verteilen.

Mehr Mitbestimmung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss

Hermann Brandenburg, Leiter der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar, nannte noch ein weiteres Argument für eine höhere Akademisierungsquote: „Wichtig ist der Wissenstransfer zwischen Theorie und Praxis. Beide Seiten müssen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren können.“ Eine Quote von zehn bis 20 Prozent zu erreichen, sei nicht ganz unrealistisch. Allerdings seien die Hochschulen dafür nicht ausreichend ausgestattet. „Mit der heutigen Ausstattung bräuchten wir drei bis vier Jahrzehnte, um an diese Quote heranzukommen“, meinte Brandenburg.

DPR-Präsident Wagner forderte „einen Masterplan, in dem wir definieren, wie hoch der Prozentsatz der akademisierten Pflege in Deutschland in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden soll, damit wir wissen, um wieviel Prozent wir die Zahl der Studienplätze erhöhen und wieviel wir investieren müssen, um dieses Ziel zu erreichen.“ In jedem Fall bedürfe es mehr Mittel für die Hochschulen. Und auch mehr Mitbestimmung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss. © fos/aerzteblatt.de

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Katecholaminchen
am Dienstag, 6. März 2018, 13:13

Akademisierung, Bachelor und co.

Schwieriges Thema insgesamt bzgl. Akademisierung. Sehen wir ja bereits seit 2010 als der Physician Assistant Studiengang ins Leben gerufen wurde. Ich nenne es auch gerne "Krankenpfleger Deluxe". Man gehört nicht mehr der Pflege an, aber ist auch kein Arzt. Nichts halbes und nichts ganzes.

Viele Pflegekräfte wollen mehr medizinisch arbeiten, viele aber degradieren sich aber auch selbst nur zum Bettenmacher und Pfannenschieber.

Delegierbar ist grundsätzlich viel ...

Generell sollten die Kompetenzen in Zukunft klarer gesteckt sein/werden.
opla
am Freitag, 2. März 2018, 11:57

Akademisierungsquote vs. deutsches Berufsbildungssystem

Die einen möchten Pflegekräfte mit geringerer Qualifikation (bereits mit Hauptschulabschluss), die anderen möchten Pflegekräfte als Kompensation für ärztliche Aufgaben. Alle stöhnen über die geringe Akademikerquote im Pflegebereich. Wenn wir unser Ausbildungssystem einmal nüchtern betrachten, so haben wir doch bereits alles. Wir haben Pflegehilfskräfte (1-jährig ausgebildete), wir haben examinierten Kräfte (3-jährig ausgebildete) wir haben "akademisierte" Pflegekräfte und Pflegekräfte mit Fachweiterbildung. Zählt man letztere Gruppen zusammen (und hier bin ich oft erstaunt, dass die Weiterqualifikation als Intensivfachkraft, OP-Fachkraft, Anästhesiefachkraft, Hygienefachkraft etc. keinen Stellenwert in der Diskussion hat) dann überschreiten wir die angegebene 3 % Akademikerquote. Zumindest im Credit-Vergleich schaffen unsere Fachweitergebildeten eine Ausbildungsdauer über die Bachelor-Qualifikationen anderer Länder hinaus (von der praktischen Fähigkeit möchte ich hier gar nicht anfangen). Aus meiner Sicht ist unser Problem nicht, das Personal anders zu qualifizieren. Unser Problem ist das Personal im Beruf zu halten. So fehlt es an innovativen Technologien, Strategie und Konzepten um den Beruf attraktiver zu machen. Insbesondere am Einsatz von Hilfsmitteln, Arbeitszeitmodellen, Entscheidungsbefugnissen in mittleren Führungsebenen, flexiblen Tarifmodellen (insbesondere für die ungeliebten Sandwich-Positionen in der Pflege). Dies könnte helfen, dass der Beruf insgesamt attraktiver wird und unsere Mitarbeiter psychisch als auch körperlich nicht vorzeitig "ausbrennen".
Uschi Pflegeexperte
am Donnerstag, 1. März 2018, 21:47

Akademisierung in der Pflege ohne Studiengebühr

Solange das Studium für die Pflege kostenpflichtig ist, können sich viele Pflegende ein Studium nicht leisten. Staatliche Förderung gibt es nur für junge Pflegekräfte. Eine Pflegefachkraft die älter als 30 Jahre ist kann nur sehr schwer eine finanzielle staatliche Unterstützung erhalten, zudem sind meist Semestergebühren von mehreren Hundert Euro fällig. Außerdem kann die Pflegekraft i.d.R. nicht Vollzeitarbeiten und gleichzeitig studieren. Es kommt also zu den Studienkosten auch noch eine Reduzierung des Einkommens dazu.
Dabei wäre ein Studium gerade für die langjährig Tätigen eine Chance auf einen späteren altersgerechten Arbeitsplatz.
Hier ist ein Umdenken erforderlich.

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