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Wenige Frauen in universitären Spitzenpositionen, mehr in der Pharmaforschung

Mittwoch, 7. März 2018

/Rawpixelcom, stockadobecom

Rostock/Greifswald – In Führungspositionen sind Frauen in vielen Wirtschaftszweigen nach wie vor unterrepräsentiert. Das trifft auch auf Universitätskliniken zu, wie Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg und Hessen zeigen. Die Pharmaindustrie schneidet da etwas besser ab.

An der Universitätsmedizin Rostock gibt es etwa 63 Chefposten in Kliniken und Instituten. Fünf davon sind mit Frauen besetzt. Abgesehen von zwei Frauen, die kommissarisch eingesetzt sind, entspricht dies einem Anteil von acht Prozent. Nur wenig besser sieht es an der Universitätsmedizin in Greifswald aus. Dort liegt der Frauananteil in Führungspositionen bei zehn Prozent.

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„Brutale Mechanismen“ des Wissenschaftssystems

Die Ursache für die Unterrepräsentanz sieht die Greifswalder Gleichstellungs­beauftragte Ruth Terodde in den „brutalen Mechanismen“ des Wissenschaftssystems begründet. Nach der Promotion müssten sich Wissenschaftler mit Veröffentlichungen für eine Professur empfehlen. Das sei zugleich die Phase, in denen die Frauen über einen Kinderwunsch entscheiden.

„Es bedarf eines hohen Kraftaufwandes und enormer Disziplin, um dann als Frau am Ball zu bleiben“, sagte sie. Hinzu komme, dass Männer sich durchsetzungsstärker und fordernder präsentierten. „Frauen, die mit ähnlichen Mitteln arbeiten, werden als machtgeil oder Zicken abqualifiziert“, sagte Terodde.

Der ärztliche Vorstand der Rostocker Unimedizin, Christian Schmidt, sieht wie Terodde die Ursache im Wissenschaftssystem. Die Chefposten seien nur schwer in Teilzeit zu bewerkstelligen. „Wir sind ganz stark in der zweiten Reihe, wo der Frauenanteil teilweise mehr als die Hälfte ist“, sagte er. Denn spannenderweise wollten viele Frauen gar nicht in die Chefposition aufrücken, sondern lieber in Teilzeit mehr für ihre Kinder da sein.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Rostocker Uniklinik, Birgitt Schmicker-Pohl, hat kein Patentrezept zur Erhöhung des Frauenanteils in der Führungsebene. „Es bewerben sich zwar Frauen, aber Männer stellen sich oft besser dar oder haben eine weitreichendere wissenschaftliche Karriere hingelegt“, sagte sie. Nur um die Frauenquote hochzu­treiben, könnten die bessere Qualifikation von Männern nicht hintenan gestellt werden.

An der Universität Rostock sieht es ein wenig besser aus, aber noch lange nicht gut, wie die Gleichstellungsbeauftragte Annette Meier betonte. An der größten Universität des Landes liegt der Anteil der Professorinnen bei 19 Prozent. Ursachen dafür gebe es viele, die natürlich auch in der männerdominierten Akademikerlandschaft zu suchen seien. Aber doch gebe es Hoffnung, dass der Anteil von Frauen an den Spitzen der Institute erhöht. „Es gibt einen Wandel – bei den Juniorprofessuren sind es immerhin schon 44 Prozent Frauen.“

Professorinnenanteil gering

Obwohl die Universität Greifswald von einer Rektorin geführt wird und auch die Senatsvorsitzende weiblich ist, ist die Problemlage ähnlich wie in Rostock. In Greifswald sind mehr als 50 Prozent der Studierenden und des wissenschaftlichen Mittelbaus weiblich. „Danach kommt der radikale Absturz“, sagt Terodde. Der Professorinnenanteil liegt an der Uni in Greifswald bei 19,5 Prozent, fast doppelt so hoch wie in der Medizin. „Das ist für mich ein unfassbarer Zustand“, sagte Terodde. Vom Bundesschnitt mit 23 Prozent Professorinnen ist die Uni noch entfernt – obwohl man sich langsam diesem Wert nähere.

Wegen der geringen Anzahl an Professuren in Greifswald könne auch der Frauenanteil nur langsam steigen, sagte Rektorin Johanna Eleonore Weber. Maßnahmen für Gleichstellung wie die familienfreundliche Universität seien erfolgreich. Das Mentorin-Programm für Nachwuchswissenschaftlerinnen fördere ihre Karrierechancen für Führungspositionen in Wissenschaft und Wirtschaft außerhalb der eigenen Universität, da sogenannte „Hausberufungen“ verboten seien.

20 Prozent sind noch deutlich zu wenig. Theresia Bauer

In Baden-Württembergs Hochschulen wächst der Frauenanteil unter den Professoren zwar – aus Sicht von Landeswissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) aber zu langsam. „20 Prozent sind noch deutlich zu wenig“, sagte sie in Stuttgart. Sie wolle den Anteil der Professorinnen signifikant steigern. Er lag 2016 bei gut einem Fünftel und damit um vier Punkte höher als 2010. Als positives Signal wertete sie, dass 2017 ein Drittel der neu berufenen Professoren Frauen waren.

Dagmar Höppel vom Verband Baden-Württembergischer Wissenschaftlerinnen kommt zu einem ähnlichen Urteil. „Der Frauenanteil unter den Professoren ist immer noch viel zu gering, obwohl der Anteil der Studentinnen seit Jahren bei fast 50 Prozent liegt.“ Baden-Württemberg gehöre bei den Professorinnen zu den Schlusslichtern im Ländervergleich. 2016 waren 47,4 Prozent der Studierenden im Südwesten weiblich. 2010 waren es 47,1 Prozent.

Hoher Zuwachs bei Naturwissenschaften

Der höchste Zuwachs bei den Professorinnen von 7,1 Punkten ergab sich in der Fächergruppe Mathematik und Naturwissenschaften: Dort stieg der Frauenanteil von 11,7 Prozent im Jahr 2010 auf 18,8 Prozent. Sehr unterschiedlich ist der Frauenanteil an den Professuren nach Hochschularten. Er liegt bei den Pädagogischen Hochschulen bei fast 41 Prozent (2016), bei den Universitäten bei 21 Prozent, bei den Kunst- und Musikhochschulen bei 27,7 Prozent und bei den Dualen Hochschulen bei 17,1 Prozent.

Das Land Baden-Württemberg unterstützt die Wissenschaftlerinnen mit individuellen Förderprogrammen, für die jährlich rund vier Millionen Euro bereitstehen. Die Einführung einer Juniorprofessur mir verlässlicher Beschäftigungsperspektive soll besonders Wissenschaftlerinnen in der Phase der Familiengründung zugute kommen. Für mehr Frauen in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern wirbt eine gemeinsame Initiative von Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium.

Unbewusste Vorurteile

Doch aus Sicht der Frauenvertreterin Höppel verfehlen die Maßnahmen ihre Wirkung. Sie erinnerte an den Vorgänger von Ministerin Bauer, Peter Frankenberg (CDU), der schon 2015 einen Anteil von einem Viertel Professorinnen erreichen wollte. „Davon sind wir leider noch weit entfernt“, bedauerte Höppel. Grund seien nicht einmal so sehr Alte-Männer-Seilschaften, sondern unbewusste Vorurteile hinsichtlich der Kompetenz von Frauen. „Um gleich gut beurteilt zu werden, müssen Frauen nach wie vor mehr leisten.“ Studien zeigten, dass Leistungen von Frauen automatisch schlechter bewertet würden als die männlicher Konkurrenten.

Diese Wahrnehmung wirke sich auf die Vorauswahl bei Berufungsverfahren aus: Frauen würden weniger ermutigt, eine Professur anzustreben. „Wenn sie aber im Berufungsverfahren sind, sind sie oft erfolgreicher“, sagte Höppel. Sie leitet die Geschäftsstelle der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten der wissenschaftlichen Hochschulen.

Ärztinnen, die Karriere machen wollen, müssen zielstrebig Führungspositionen anstreben. Monika Buchalik, Vizepräsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen

Nach Zahlen der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen ist die Lage in Hessen ähnlich. Demnach waren von den Professuren am Fachbereich Medizin 2016 lediglich 19 Prozent mit Frauen besetzt. Der Anteil der Oberärztinnen in Hessen belief sich 2016 auf 29 Prozent, der Anteil der Chefärztinnen sogar nur auf 12 Prozent. „Ärztinnen, die Karriere machen wollen, müssen zielstrebig Führungspositionen anstreben – ob in eigener Praxis, im Krankenhaus oder in Forschung und Lehre“, sagte Monika Buchalik, Vizepräsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen.

Dabei sollten sie ihre Ansprüche geltend machen – wie zum Beispiel Verträge über die gesamte Weiterbildungszeit abschließen, Netzwerke nutzen, Kinderbetreuung einfordern sowie Mentorinnen- und Wiedereinstiegsprogramme in Anspruch nehmen. Außerdem rät Buchalik Ärztinnen, sich in berufspolitischen Gremien und in der ärztlichen Selbstverwaltung zu engagieren, um die Rahmenbedingungen der Berufsausübung mitzugestalten.

44 Prozent Wissenschaftlerinnen

Und wie sieht es in der Pharmaforschung aus? Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) wies darauf hin, dass Wissenschaftlerinnen in der Forschung und Entwicklung der Pharmaindustrie in Deutschland fast schon ausgeglichen vertreten sind. Ihr Anteil beträgt demnach 44 Prozent. Insgesamt seien in den Abteilungen für Forschung und Entwicklung der Pharmaunternehmen etwas mehr als 50 Prozent der Belegschaft Frauen. In der Pharmaindustrie insgesamt sind 41 Prozent Frauen beschäftigt. Im Vergleich: Im Verarbeitenden Gewerbe sind 19 Prozent der Belegschaft weiblich; im Fahrzeug- und Maschinenbau sind es jeweils 13 Prozent.

Der Blick in die Spitzenpositionen der Pharmahersteller kann mit den Werten der Wissenschaftlerinnen in der Branche zwar nicht mithalten. Von den 42 vfa-Mitgliedsunternehmen werden aber nach vfa-Angaben immerhin elf und damit 26 Prozent von einer Frau geführt – als Vorstandsvorsitzende, CEO oder bei Unternehmen mit ausländischem Hauptsitz als Geschäftsführerin Deutschland. © dpa/may/aerzteblatt.de

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