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Medizin

Lebensrealität armer Jugendlicher in Forschung nicht erfasst

Mittwoch, 7. März 2018

/dpa

Baltimore – Fast 90 Prozent der aktuellen Erkenntnisse über die Adoleszenz stammen aus der Forschung in Ländern mit hohem Einkommen. Aber 9 Zehntel der 10- bis 24-Jährigen leben in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs), in denen das Leben komplett anders ist als in den reichen Ländern.

Das schreiben Robert Blum und Jo Boyden in einem Kommentar in der Zeitschrift Nature (2018; doi: 10.1038/d41586-018-02107-w). Blum ist Direktor des Johns Hopkins Urban Health Institute in Baltimore, Maryland, USA, Boyden ist Professor für Inter­national Development an der University of Oxford, England.

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„Derzeit sind Millionen junger Menschen in LMICs zu schlechter Gesundheit, Entwicklungsstörungen und vorzeitigem Tod verurteilt. Tatsächlich hat es in diesen Ländern seit 1990 für Jugendliche weniger Verbesserungen im Gesundheitswesen gegeben als für jede andere Altersgruppe“, schreiben sie. Nötig sei, die Alltagsrealität von Jugendlichen in LMICs besser zu verstehen und zu erfassen, wie sich diese auf ihre Gesundheit auswirke. 

„Das bedeutet auch, die westlichen Annahmen über die Adoleszenz aufzugeben, die hier in erster Linie eine Zeit der Risikobereitschaft ist“, schreiben die Autoren. Studien zeigten zum Beispiel, dass Jugendliche in LMICs, die arm seien und nur einen eingeschränkten Zugang zu Gesundheit, Bildung und anderen Dienstleistungen hätten, eher Umweltgiften und extremen Wetterereignisse wie Dürren ausgesetzt seien als ihre wohlhabenderen Altersgenossen.

Ein weiteres Merkmal des Lebens armer Jugendlicher in LMICs ist laut den Autoren die Kombination von Bildung und Arbeit. Je älter die Jugendlichen würden, desto mehr arbeiteten sie, entweder gegen Entgelt oder als Teil des Familienlebens. Häufig seien sie die primären Betreuer von jüngeren Geschwistern oder behinderten Erwachsenen. Nicht selten seien sie sogar die Hauptverdiener in ihren Haushalten.

„Experten des globalen Nordens gehen generell davon aus, dass die Adoleszenz eine unbeschwerte Zeit der aufkommenden Unabhängigkeit, der sozialen Erkundung und der Risikobereitschaft ist. Diese Denkweise überträgt sich auf jugendorientierte Gesundheitsprogramme und -politiken in LMICs, die sich regelmäßig auf Gewalt, sexuell übertragbare Infektionen und Teenagerschwangerschaften konzentrieren“, kritisieren die beiden Autoren.

Zu viele Programme verstünden nicht, was das Verhalten der Jugendlichen antreibe und ignorierten die umfassenderen Risiken, denen junge Menschen durch Armut, Arbeit, soziale Stigmatisierung oder Ausgrenzung von qualitativ hochwertigen Dienstleistungen ausgesetzt seien, so ihre Kritik. © hil/aerzteblatt.de

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