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Fukushima bleibt „große Herausforderung“

Freitag, 9. März 2018

/dpa

Fukushima/Berlin – Zum Jahrestag des Super-Gaus im Atomkraftwerk Fukushima am 11. März sieht die Bundesregierung bei den Aufräumarbeiten noch immer zahlreiche Schwierigkeiten. Der IPPNW – Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung zufolge werden die gesundheitlichen Folgen für die Menschen in den verstrahlten Gebieten sieben Jahre nach der Atomkatastrophe immer deutlicher.

Die Bundesregierung wies in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion darauf hin, dass insbesondere die Bergung der geschmolzenen Materialien langfristig eine Herausforderung sein wird. Technische Lösungen dafür würden „noch untersucht“ – sind also noch nicht gefunden. „Mittelfristig bleibt die Entladung der Brennelemente aus den Lagerbecken der Blöcke 1 bis 3 ein große Herausforderung“, schreibt das Bundesumweltministerium.

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Kritik von den Grünen

Die Grünen sehen in der Antwort einen Beleg für gewaltige Risiken der Atomkraft. „Fukushima ist der traurige Beweis, dass kein Land der Welt auf die Folgen einer Nuklearkatastrophe vorbereitet ist“, sagte die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl. Die Atomeuphorie mancher Länder ignoriere das geflissentlich. An Deutschland Grenzen stünden alte Meiler mit fehlerhaften Komponenten, und in Euroa sollten neue Atomkraftwerke gebaut werden. „Wir brauchen eine europäische Energiewende“, forderte sie.

Aus Sicht der Grünen verharmlost die Bundesregierung zudem die Debatte über die Einleitung von radioaktiv verseuchtem Wasser in den Pazifik. Am Atomkraftwerk Fukushima wird Wasser, das mit radioaktivem Tritium kontaminiert ist, gelagert – weil es immer mehr wird, könnte es ins Meer eingeleitet werden.

Das Tritium herauszufiltern sei in diesen Mengen nicht möglich, heißt es in der Antwort auf die Grünen-Anfrage. Wenn tritiumhaltiges Wasser so ins Meer eingeleitet werden, dass es sich schnell verdünne, sei „aus sicht des Strahlenschutzes keine Gefahr für den Menschen zu erwarten“. „Dass die Bundesregierung hier Entwarnung gibt, halte ich für unverantwortlich“, sagte Kotting-Uhl. Bislang seien die Konsequenzen für die Nahrungskette völlig unklar, da Forschung auf diesem Gebiet vernachlässigt worden sei.

Unterdessen wies die IPPNW auf hohe Erkrankungsraten in dem betroffenen Gebiet hin. Demnach habe die Fukushima Medical University (FMU) in Reihenuntersuchungen seit dem Jahr 2011 bei 194 Kindern in der Feinnadelbiopsie Krebszellen fest. 159 von ihnen hätten aufgrund eines rasanten Tumorwachstums, einer ausgeprägten Metastasierung oder einer Gefährdung vitaler Organe mittlerweile operiert werden müssen. In 158 Fällen bestätigte sich die Verdachtsdiagnose „Schilddrüsenkrebs“, in nur einem Fall lag ein gutartiger Tumor vor. 35 Kinder warten weiterhin auf eine Operation, so die IPPNW.

Besorgniserregend ist aus Sicht der Organisation vor allem die Tatsache, dass zwischen Erst- und Zweituntersuchung, also in einem Zeitraum von nur zwei Jahren, 50 neue Krebsfälle detektiert wurden. „Bei einer bislang untersuchten Bevölkerung von rund 270.000 Kindern entspricht dies einer Neuerkrankungsrate von etwa 9 Fällen pro 100.000 Kindern pro Jahr“, schreibt die IPPNW. Noch stünden rund 30 Prozent aller Ergebnisse aus. Sollte sich der Trend jedoch bestätigen, würde dies einem rund 26-fachen Anstieg der Neuerkrankungsrate entsprechen. Dieses Ergebnis ließe sich aufgrund der eindeutigen Voruntersuchungen aller Patienten nicht durch einen Screening-Effekt erklären oder relativieren, erklärte der Ärzteverband.

Keine Bagatellerkrankung

Der Kinderarzt und IPPNW-Vorsitzende Alex Rosen wies angesichts der Entwicklungen darauf hin, dass Schilddrüsenkrebs trotz der relativ guten Behandlungsmöglichkeiten keine Bagatellerkrankung sei und mit schwerwiegenden Einschränkungen der Lebensqualität und der Gesundheit einhergehen könne. Rosen kritisiert zudem die aktuellen Bestrebungen in Japan, die Schilddrüsenuntersuchungen zu reduzieren und gegebenenfalls ganz einzustellen.

So sollten die Untersuchungsintervalle entgegen ursprünglicher Pläne und Ankündigungen ab dem 25. Lebensjahr von zwei auf fünf Jahre ausgeweitet werden. Zudem wurde bekannt, dass Mitarbeiter der Fukushima Medical University Schulen besuchen, um dort Kinder über deren „Recht auf Nichtteilnahme“ und „Recht auf Nichtwissen“ aufzuklären.

„Es wird neben Schilddrüsenkrebs auch mit einem Anstieg weiterer Krebsarten und anderer Erkrankungen gerechnet, die durch ionisierte Strahlung ausgelöst oder negativ beeinflusst werden“, sagte Rosen. Die Schilddrüsenuntersuchungen der FMU stelle die einzigen wissenschaftlichen Reihenuntersuchungen dar, die überhaupt relevante Aufschlüsse über die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima liefern könne. Dies drohe von Befürwortern der Atomenergie in Japan unterminiert zu werden.

© dpa/may/aerzteblatt.de

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