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Ärzteschaft

Eine Notdienstreform benötigt auch frisches Geld

Montag, 12. März 2018

Duisburg – Mit der neuen Bundesregierung wird es eine Neuordnung des ärztlichen Notfalldienstes geben. Davon hat sich Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), überzeugt gezeigt. KBV und die Kassen­ärztlichen Vereinigungen Nordrhein (KVNO) und Westfalen-Lippe (KVWL) betonten in Duisburg kürzlich, worauf es bei einer Reform des ambulanten Notdienstes ankommt.

Wichtig ist demnach neben der Einführung von Portalpraxen an Krankenhäusern und der Steuerung von Patienten über die bundesweit einheitliche Bereitschafts­dienst­nummer 116117 zusätzliches Geld. „Wenn man hier den großen Wurf bekommen will, dann wird das nicht im Korsett einer Gesamtbudgetierung funktionieren“, verdeutlichte Gassen. „Die Versorgung kann unter Budgetbedingungen nicht geleistet werden.“

Das beginne bereits bei der Werbekampagne für die Bereitschaftsdienstnummer, die die KBV in ihrer jüngsten Ver­tre­ter­ver­samm­lung (VV) beschlossen hat. Sie werde zurzeit ausgeschrieben und soll voraussichtlich zum Jahresende starten. Allerdings mache sie nur Sinn, wenn gleichzeitig die Strukturen des Notdienstes reformiert und ausgebaut würden. Unter den jetzigen Bedingungen seien ein erhöhtes Anruf­aufkommen und die gezielte Steuerung der Patienten kaum zu bewältigen.

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Geld für technischen Überbau

Nach Ansicht Gassens ist dazu nicht nur mehr Personal nötig. „Wenn jetzt statt zehn Millionen auf einmal 20 Millionen Anrufe ankommen, dann muss auch ein technischer Überbau da sein.“ Das beginne schon beim Erkennen und der Ortung von Mobilfunk­nummern der Anrufer. „Die Leitstellen von Feuerwehr und Rettungsdienst können das, die Arztrufzentrale nicht“, erläuterte der KBV-Chef.

Allein im vergangenen Jahr sind mehr als sieben Millionen Anrufe unter der Bereit­schafts­dienstnummer eingegangen, etwa jeder zehnte davon in Nordrhein-Westfalen (NRW). „Die Zahlen zeigen, dass die Nummer nicht gänzlich unbekannt ist“, sagte Gassen. „Aber sie muss noch bekannter werden.“ Denn die Notfallambulanzen der Kliniken seien voll von Patienten, die dort nicht hingehörten.

„Man nimmt eine bestimmte 24/7-Mentalität wahr. Die Menschen wollen zu allen Tages- und Nachtzeiten sofort und umfänglich behandelt werden.“ Ziel der Werbe­kampagne ist daher auch, „dass Patienten den für sie richtigen Ansprechpartner finden und nicht einfach ins nächstgelegene Krankenhaus gehen“. Ergänzt werden soll die Bereitschaftsdienstnummer künftig durch eine App, die die Patienten ebenfalls in die für sie passende Versorgungsebene steuern soll.

Nach Ansicht von Gerhard Nordmann ist die Werbekampagne für die Bereitschafts­dienstnummer richtig und wichtig, birgt aber auch unkalkulierbare Risiken. „Wenn wir die Nummer jetzt bewerben, weiß ich nicht, ob wir den Ansturm hinbekommen“, sagte der 2. KVWL-Vorsitzende. Schon heute gingen samstags zu Spitzenzeiten rund 300 Anrufe pro Viertelstunde ein, die die 158 Mitarbeiter der Arztrufzentrale fast an ihre Kapazitätsgrenzen brächten. „Da muss mir mal einer erklären, wie er dann noch eine Triage durchführen will“, verdeutlichte Nordmann. Ein Hauptproblem sieht er in der Finanzierung. Nordmann sprach sich erneut für die Einführung einer dritten Säule zur Finanzierung des Notdienstes aus. Dies könnte ein gemeinsamer extrabdugetärer Topf für KVen und Krankenhäuser sein.

KVen bei Notdienstfinanzierung uneins

Dieser Ansicht schloss sich Frank Bergmann an. „Wenn wir Strukturen noch weiter professionalisieren, dann muss es externe Gelder geben. Das kann man nicht aus unserer Gesamtvergütung finanzieren“, betonte der Vorstandsvorsitzende der KVNO. Mit externen Geldern müssten auch die Notdienstleistungen finanziert werden, die die Krankenhäuer erbringen.

Ähnlich wie sein westfälischer Kollege Nordmann sieht auch Bergmann bei der Finanzierung neuer Notdienststrukturen das Land NRW in der Pflicht. Denn andere Bundesländer wie etwa Baden-Württemberg würden dafür bereits Geld ausgeben. „Es ist nicht zu verstehen, dass in NRW, wo das auch politisch gewollt ist, kein Geld für den Ausbau der Strukturen ausgegeben wird.“

Der Ansicht, dass „frisches Geld“ in den Notdienst fließen muss, schloss sich auch KBV-Chef Gassen an. Den Vorschlag Nordmanns, dafür eine dritte Säule einzuführen, sieht er allerdings kritisch. Der Notdienst sei originäre Aufgabe der Vertragsärzte. „Wir müssen für die Versorgung über die 116117 zwar eine extrabudgetäre Finanzierung haben, aber die Organisation muss weiterhin bei den KVen liegen“, stellte Gassen klar.

Ein-Tresen-Lösung für Notdienst sinnvoll

Einig waren sich die drei KV-Vorstände darüber, dass Portalpraxen in Krankenhäusern mit einer Tür und einem gemeinsamen Tresen von Vertrags- und Klinikärzten eine sinnvolle Lösung für die Versorgung von Patienten im Notdienst sind.

„Das ist alternativlos“, betonte Bergmann. Seiner Ansicht nach kann aber nicht an jedem Krankenhaus eine solche Praxis eingerichtet werden. Dazu sei die Dichte der Krankenhäuser gerade in NRW zu hoch. Im rheinischen Landesteil sind seinen Angaben zufolge 90 Prozent der 75 Notdienstpraxen an oder in Krankenhäusern. „Wir sind gerade dabei, die Praxen, die an Kliniken sind, zu Portalpraxen zu machen. Wir werden auch noch mal Standorte wechseln“, kündigte der KVNO-Chef an. Außerdem würden gerade an ausgewählten Kliniken Anlaufstellen für den fachärztlichen Notdienst geschaffen. Das geschehe in Absprache mit den Berufsverbänden und den Kreisstellen und auch mit der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW).

Demgegenüber sieht Nordmann die Rolle der KGNW bei der Errichtung von Portal­praxen kritisch. „Wir haben in Westfalen-Lippe 20 Portalpraxen eröffnet, nicht eine einzige davon zusammen mit der KGNW. Wir haben Gespräche geführt, die zu keinem Ergebnis geführt haben.“ Schließlich habe die KVWL die Klinikträger vor Ort direkt angesprochen und gemeinsam mit ihnen auch die zur Errichtung der Portalpraxen nötigen „Baumaßnahmen hinbekommen“.

„Das ist nicht nur mit der KGNW nicht zu machen, sondern auch mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) nicht“, berichtete Andreas Gassen. Die DKG wolle an jeder der bundesweit rund 1.600 Kliniken, die an der Notfallversorgung teilnehmen, eine Portalpraxis einrichten. „Das kann nicht funktionieren“, erklärte der KBV-Chef. Angesichts von zehn Millionen Fällen, die die Klinikambulanzen im Jahr versorgen, mache das wirtschaftlich keinen Sinn. Realistisch hält Gassen eine Zahl von 500 bis 600 Standorten. „Die werden wir auch personell betreiben können“, prognostizierte er mit Blick auf den Fachkräftemangel. © ts/aerzteblatt.de

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