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Politik

„Der Zeitdruck hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“

Freitag, 16. März 2018

Greifswald – Der Intensivmedizin in Deutschland geht es nicht gut. Es gibt zu wenige Intensivpflegekräfte auf den Stationen. In der Folge müssen die Krankenhäuser Intensivbetten sperren. Intensivpfleger Tobias Melms (36) arbeitet in der Universitäts­medizin Greifswald. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt er, was geschehen muss, damit wieder mehr Pflegekräfte auf der Intensivstation arbeiten wollen.

Fünf Fragen an Tobias Melms

DÄ: Viele Krankenhäuser in Deutschland müssen Intensivbetten sperren, weil es zu wenige Intensivpfleger gibt. Wie ist das in Greifswald?
Tobias Melms: In der Universitätsmedizin Greifswald gibt es vier Intensivstationen: eine chirurgische mit 25 Betten und eine internistische mit 18 Betten. Dazu kommen eine Station mit 16 Betten für Langlieger und eine mit 25 Inter­mediate-Care-Betten. Rechnerisch arbeiten 210 Voll­zeitkräfte auf diesen Stationen. Zurzeit sind jedoch sieben Vollzeitstellen unbesetzt, weil es zu wenige Bewerber gibt.

DÄ: Müssen deshalb auch Betten gesperrt werden?
Melms: Bislang mussten in Greifswald keine Intensivbetten gesperrt werden. Doch das ändert sich in diesen Tagen, vor allem wegen der Grippewelle und einer hohen Zahl kranker Mitarbeiter. Jetzt sprechen wir zum ersten Mal darüber, einige Betten zu sperren.   

DÄ: Wie ist es zu dem aktuellen Mangel an Intensivpflegern gekommen?
Melms: In den vergangenen Jahren hat der Zeitdruck durch die Zunahme von speziellen Therapien deutlich zugenommen. Vor zehn Jahren war die Arbeit noch viel entspannter. Das beeinflusst natürlich auch die Stimmung auf der Station. Und das hat wiederum zu Veränderungen innerhalb des Teams geführt: Viele Mitarbeiter der Intensivmedizin haben ihre Arbeitsstunden reduziert – entweder um eine für sie passendere Work-Life-Balance zu erreichen oder weil die Arbeitsbelastung für sie zu hoch geworden ist.

Intensivmedizin: Intensivpflegemangel führt zu drohender Unterversorgung

In deutschen Krankenhäusern sind Bettensperrungen in der Intensivmedizin an der Tagesordnung, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. Die Hauptursache dafür liegt im Intensivpflegemangel. Die Intensivmedizin nimmt in den deutschen Krankenhäusern medizinisch und wirtschaftlich eine immer tragendere Rolle ein.

DÄ: Was können die Krankenhäuser tun, um das Problem zu lösen?
Melms: In der Berechnung müssen so viele Pflegekräfte eingeplant sein, dass die Versorgungs- und Pflegequalität nicht von vornherein leidet. Darüber hinaus muss es Zeiten für Fort-und Weiterbildung geben, um dem wachsenden Wissensbedarf gerecht zu werden. Unser Vorstand hat zudem mit verschiedenen Maßnahmen auf den Mangel an Intensivpflegern reagiert. Zum Beispiel wurde ein Pool von zwölf Pflegekräften eingerichtet, die flexibel auf den vier Stationen einsetzbar sind. So kann man zum Beispiel einen erhöhten Krankenstand auf einer Station auffangen.

Darüber hinaus wurden die Voraussetzungen für die Einstellung von Intensivpflegern geändert. Früher fand die Einarbeitung neuer Pflegekräfte nebenbei statt. Heute gibt es ein Konzept, an das wir uns halten, um Sicherheit zu erzeugen. Darüber hinaus werden auch Intensivpfleger ohne Berufserfahrung eingestellt – ebenso wie gelernte Altenpflegerinnen und -pfleger. Schließlich erhalten neue Intensivpfleger in Greifswald heute unbefristete Arbeitsverträge. Auch das war früher nicht so und letztendlich ist das wichtigste in den Gesprächen immer wieder, eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den anderen Professionen und eine gesunde Teamhygiene. 

DÄ: Und was muss sich an der Arbeit selbst ändern, damit sich wieder mehr Pflegekräfte für die Intensivmedizin interessieren?
Melms: Zunächst einmal: Die Arbeit auf der Intensivstation macht viel Spaß. Sie ist anspruchsvoll und abwechslungsreich. Man hat viel Verantwortung, man muss schnell reagieren, übernimmt komplexe technische Behandlungen. Und man hilft schwer kranken Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Weil ich mehr über diese Arbeit erfahren wollte, habe ich nach meiner Fachweiterbildung ein Bachelorstudium an der Universität Witten/Herdecke absolviert. Dadurch habe ich viel darüber gelernt, wie die Pflege von Intensivpatienten im Idealfall aussehen sollte. Dabei geht es darum, mit den Patienten und ihren Angehörigen zu sprechen, ihnen ihre Ängste zu nehmen, sie gut zu beraten.

Seit ich mein Wissen über die Intensivpflege vertieft habe, macht mir meine Arbeit mehr Spaß. Zugleich bin ich aber auch häufiger unzufrieden. Denn meistens habe ich im Alltag nicht genügend Zeit dafür, um mit den Patienten und ihren Angehörigen zu sprechen.

Um auf Ihre Frage zu antworten: Zum einen bräuchten wir mehr Zeit, um diesen Teil unserer Arbeit auch wirklich ausführen zu können. Darüber hinaus wäre es aber auch gut, wenn die Verantwortungsbereiche klarer definiert würden. Wir Intensivpfleger machen schon heute viele Arbeiten, die vom Arzt delegiert werden, zum Beispiel das Beatmungs- und Schmerzmanagement oder das Organersatzverfahren. Doch dokumentiert wird dies als ärztliche Arbeit. Das passt nicht zusammen.

Außerdem wünschen wir uns mehr Verantwortung im Team. In diesem Bereich ist allerdings schon viel geschehen. In den vergangenen fünf Jahren hat es da einen großen Wandel gegeben. Früher war die Hierarchie zwischen dem ärztlichen und pflegerischen Dienst stärker ausgeprägt. Zwar treffen auch heute noch die Ärzte die Entscheidungen. Doch die Teamarbeit steht eindeutig stärker im Mittelpunkt. Da hat es auch bei den Ärzten ein Umdenken gegeben. Das ist eine gute Entwicklung. Je mehr Verantwortung und Anerkennung Intensivpfleger bekommen, desto eher wird die Zahl der Interessenten auch wieder ansteigen. © fos/aerzteblatt.de

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