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Ärzteschaft

KV Baden-Württemberg kündigt zahlreiche eigene Praxen an

Montag, 12. März 2018

/dpa

Stuttgart – Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg sieht sich im Kampf gegen den Ärztemangel gezwungen, eigene Hausarztpraxen zu betreiben. 20, 30 solcher Praxen im Südwesten halte er für realistisch, sagte KV-Vize Johannes Fechner heute in Stuttgart. KV-Chef Norbert Metke sprach von einer „Notfall­maßnahme für einen begrenzten Zeitraum“.

In Ostdeutschland gebe es das Modell schon seit Jahren, wobei in etlichen Fällen die von der KV angestellten Ärzte schließlich die Praxis übernähmen. Mit dieser Neuerung wird laut KV im Südwesten bereits in diesem Jahr begonnen – wo genau, gab sie nicht bekannt. Die betroffenen Kommunen wünschten das nicht, denn sie sähen darin einen Standortnachteil, hieß es.

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Rückenwind erhielt die KV heute von Landesgesundheitsminister Manne Lucha (Grüne). Er forderte überdies von der neuen Bundesregierung eine bundes­einheitliche Lösung, um Klinik- und Praxisversorgung sowie Pflege und andere Gesundheitsdienstleister besser zu verzahnen.

Kritik an Landesregierung

Die SPD im Landtag nimmt vor allem die Landesregierung in die Pflicht. Sie negiere den Ärztemangel, weil sie nach wie vor behaupte, in allen Regionen Baden-Württem­bergs sei sowohl bei den Hausärzten als auch den Fachärzten eine ausreichende Versorgung gegeben, sagte Gesundheitsexperte Rainer Hinderer. Eine Sprecherin Luchas sagte, wenn das Land die Problematik negieren würde, würde es keine millionenschweren Förderprogramme auflegen.

Der ungewöhnliche Schritt der KV gehört zu einem millionenschweren Masterplan. Dieser soll helfen, mit den bereits jetzt 500 vakanten Hausarztstellen – und weiteren 500 in den kommenden fünf Jahren – umzugehen. So sollen Übernahmen und Neugründungen von Praxen sowie die Anstellung von Ärzten in schlecht versorgten Gebieten gefördert werden. Außerdem würden rund 800 Ärzte im Land angesprochen, die aktuell nicht in ihrem Beruf arbeiten. Ein Hospitationsprogramm soll solche Mediziner wieder an die ambulante Versorgung heranführen.

Landärzteprogramm seit 2012

Hoffnung setzt die KV auch auf den Einsatz nichtärztlicher Praxisassistentinnen, die die Ärzte entlasten sollen. Allein dafür stehen 16 Millionen Euro zur Förderung bereit. Vorstellbar sei auch eine Ausweitung der telemedizinischen Betreuung, die ab April in Stuttgart und Tuttlingen erprobt wird.

Das Land hat mit seinem Landärzteprogramm seit 2012 mehr als 100 Ärzte mit 1,8 Millionen Euro gefördert. Doch nach Angaben der KV ist der Fachkräftemangel kein reines Problem ländlicher Regionen mehr – selbst in Stuttgart seien 18 Prozent der Hausarztsitze nicht mehr besetzt. Trotz des Bündels an Gegenmaßnahmen müssten sich ambulante Patienten auf längere Wege, Wartenzeiten und weniger Zeit beim Hausarzt einstellen, sagte KV-Chef Metke.

Der Fachkräftemangel betrifft auch die stationäre Versorgung. Laut der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) sind bei den Kliniken 400 ärztliche Stellen und 1.200 Pflegestellen unbesetzt. „Diese Lücke hat direkte Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter und wird zunehmend auch die Versorgung der Patienten beeinträchtigen“, warnte BWKG-Chef Detlef Piepenburg. Die Berufe müssten attraktiver werden. Ein großer Beitrag dazu wäre der Abbau der Bürokratie.

Bürokratie abbauen

KV und BWKG zufolge müssen die Rahmenbedingungen für die ärztlichen und die pflegerischen Berufe schnell besser werden. Wichtig sei, die Bürokratie deutlich abzubauen. „Denn die Ärzte in den Praxen und Krankenhäusern verbringen genauso wie die Pflegekräfte einen stetig wachsenden Teil ihrer Arbeitszeit mit der Dokumen­tation. Diese Zeit fehlt ihnen für die Behandlung und Pflege der Patienten und führt zu einer sinkenden Arbeitszufriedenheit“, warnen KV und Krankenhausgesellschaft.

„Es gibt Tausende Prüfanträge der Krankenkassen, die sie nach Vorgabe des Gesetz­gebers stellen müssen, die nur wenige Euro zum Gegenstand haben, aber einen enormen Aufwand für die Krankenkassen und die Praxen darstellen“, kritisierte Metke. Die KV habe wiederholt gefordert „endlich höhere realitätsbezogene Bagatellgrenzen einzuführen, aber passiert ist nichts“, so der KV-Vorsitzende.

Bessere Finanzierung

Von zentraler Bedeutung ist laut KV und BWKG die angemessene Finanzierung der Leistungen in der ambulanten und stationären Versorgung. Als ein Beispiel nannten sie die Kosten für Pflegekräfte im Land. Baden-Württemberg sei wegen seiner wirtschaft­lichen Stärke und seinem engen Arbeitsmarkt ein Hochlohnland. Eine Pflegekraft führe in Baden-Württemberg zu durchschnittlichen Kosten von 59.000 Euro, der Bundes­durchschnitt liegt bei 55.000 Euro.

Im Vergleich mit manchen Bundesländern müssten die Kliniken in Baden-Württemberg sogar fast 10.000 Euro pro Pflegekraft mehr bezahlen. Die Erlöse für die Klinik­leistungen lägen aber unter dem Bundesdurchschnitt, weil das Lohnniveau bei der Krankenhausvergütung bislang nicht berücksichtigt werde. „Überdurchschnittliche Kosten und unterdurchschnittliche Erlöse – das muss beendet werden“ forderte Piepenburg. Nur wenn marktgerechte Löhne auch finanziert würden, könnten die Kliniken Fachkräfte davon abhalten, ins Ausland in die Schweiz oder in andere Branchen abzuwandern.

Maßnahmen der KV

Fechner verwies auf Maßnahmen der KV, um die Versorgung aufrecht zu erhalten. „Ich nenne nur unser erfolgreiches Förderprogramm ‚Ziel und Zukunft‘, durch das wir bereits neue Ärzte ansiedeln konnten“, berichtete er. Zusammen mit der Krankenhausgesell­schaft und der Ärztekammer habe die KV die Verbundweiterbildung zur strukturierten Weiterbildung von jungen Ärzten zu Allgemeinmedizinern organisiert und verbessert.

Mit dem Projekt DocDirekt gehe Baden-Württemberg neue Wege, die telemedizinische Behandlung von Patienten zu erproben. „Wir geben gemeinsam mit den Krankenkassen über 20 Millionen Euro aus, um die allgemein- und fachärztliche Weiterbildung in den Praxen niedergelassener Ärzte zu fördern. Aber klar ist, dass wir das Problem allein nicht lösen können“, so Fechner. © dpa/hil/aerzteblatt.de

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