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Medizin

Neue Studie sorgt für Kontroverse über Schaden und Nutzen von E-Zigaretten

Donnerstag, 15. März 2018

Chris Hertzschuch - stock.adobe.com
Berlin – E-Zigaretten könnten der Gesamtbevölkerung mehr schaden als nutzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Simulationsstudie, die in Plos One (2018; doi: 10.1371/journal.pone.0193328) publiziert wurde. Das Ergebnis ist jedoch an 2 Voraussetzungen geknüpft: Aus jugendlichen E-Zigaretten-Dampfern werden im Verlauf Zigarettenraucher, und E-Zigaretten sind 95 % weniger schädlich als Tabakzigaretten.

Die Forscher prognostizierten anhand von Daten aus dem Jahr 2014 mithilfe einer Monte-Carlo-Simulation, dass es in den USA im Jahr 2015 2.070 erwachsene Raucher weniger gegeben haben müsste, weil sie zuvor auf E-Zigaretten umgestiegen waren. Allerdings errechnete das Modell auch, dass 2015 168.000 Raucher unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu gekommen sein müssten, weil sie E-Zigaretten ausprobiert hatten und anschließend auf die normale Zigarette umgestiegen waren.

Die erwachsenen „ehemaligen Zigarettenraucher“ gewinnen durch die Verwendung von E-Zigaretten statistisch rund 3.000 Lebensjahre. Allerdings verlieren die jugendlichen „neuen Zigarettenraucher“, die über E-Zigaretten zum Tabakkonsum kamen, rund 1,5 Millionen Lebensjahre. In der Gesamtbilanz schadet der E-Zigaretten-Konsum demnach der Gesamtbevölkerung.

Dass die Studie bei den vorausgesetzten Annahmen unter dem Strich mehr Schaden als Nutzen errechnet, ist für Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg keine Überraschung: „Die Annahmen der Studie kann man durchaus kritisieren, da sie äußerst pessimistisch sind – sowohl hinsichtlich des Nutzens von E-Zigaretten in der Tabakentwöhnung als auch hinsichtlich der Rolle von E-Zigaretten als Einstiegsdroge.“

Pro und Kontra zur Gateway-Hypothese

Die Annahmen, dass E-Zigaretten einen Rauchstopp eher verhindern als begünstigen und dass E-Zigaretten einen Einstieg in den Tabakkonsum fördern, seien nicht eindeutig belegt, sagt die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention, anerkanntes WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle. Einer vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium beauftragten Übersichtsarbeit zufolge hat sich die Gateway-Hypothese bislang nicht bestätigt. Auch in den USA ist die Zahl der minderjährigen Tabakkonsumenten zeitgleich mit dem Boom der E-Zigaretten auf ein Rekordtief gesunken.

E-Zigaretten stellen im Alltagsgebrauch bislang keine wirksame Entwöhnungshilfe dar. Reiner Hanewinkel, Therapie- und Gesundheitsforschung, Kiel

Als optimistische Annahme ordnet Reiner Hanewinkel, Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord gGmbH), Kiel, hingegen die Schadensreduktion um 95 % ein. Seine Erklärung für das Ergebnis: „E-Zigaretten stellen im Alltags­gebrauch bislang keine wirksame Entwöhnungshilfe dar.“ Eine systematische Übersichtsarbeit von 38 Studien, in denen die Nutzung von E-Zigaretten unter Realbedingungen untersucht wurde, komme sogar zu dem Schluss, dass E-Zigaretten kontraproduktiv für den Rauchstopp sein könnten.

Dutzende Studien würden zudem nahelegen, dass der Konsum von E-Zigaretten im Jugendalter ein unabhängiger Risikofaktor für den späteren Zigarettenkonsum sein könnte. Jugendliche, die noch nie konventionelle Zigaretten geraucht hatten, haben ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko, später mit konventionellen Zigaretten zu experi­mentieren, wenn sie vorher E-Zigaretten konsumiert hatten (JAMA 2017).

Hanewinkel begründet seine Zweifel an der E-Zigarette als geeignete Hilfsmaßnahme zudem mit einer aktuellen Studie aus Deutschland. Danach zeigt sich, dass Raucher, die motiviert sind aufzuhören und die im Rahmen eines professionell angeleiteten Gruppenkurses die E-Zigarette als Aufhörhilfe nutzen, langfristig weniger erfolgreich sind als die anderen Teilnehmer (Bundesgesundheitsblatt 2018).

Risiko der dualen Nutzung wurde nicht berücksichtigt

Auf ein weiteres Manko der Studie weist Gerhard Gmel vom Alkoholbehandlungs­zentrum an der Universitätsklinik Waadt in Lausanne hin: „Die Studie berücksichtigt nicht, wie viele duale Nutzer durch E-Zigaretten beim Rauchen bleiben – beispiels­weise, weil sie ihre Nikotinsucht aufrechterhalten können, selbst an Orten, wo das Zigarettenrauchen verboten ist.“ Eine neue Studie im American Journal of preventive medicine deute zumindest an, dass in Europa Rauchende durch E-Zigaretten eher das Rauchen aufrechterhalten, als damit aufzuhören. Gmel ist der Ansicht, dass sich Erkenntnisse mehren, denen zufolge E-Zigaretten nicht notwendigerweise einen Gewinn für die Bevölkerungsgesundheit darstellen.

Sofern die bestehenden Jugendschutzgesetze in Deutschland hinsichtlich E-Zigaretten eingehalten werden, dürfte die Wahrscheinlichkeit gering sein, dass E-Zigaretten Jugendliche in Deutschland in großem Stil zum Tabakkonsum verleiten. Ute Mons, DKFZ, Heidelberg

Jugendschutzgesetze sollen auch vor E-Zigaretten schützen

Da das Szenario der Simulationsstudie nicht wie in früheren Studien mit anderen Szenarien verglichen wurde, liefere die Studie „kaum neue Erkenntnisse“, sagt Mons. „Interessant ist dabei vor allem die Frage, durch welche regulatorischen Maßnahmen E-Zigaretten für Raucher attraktiv und für – insbesondere jugendliche – Nichtraucher unattraktiv werden, sodass unter dem Strich auf Bevölkerungsebene mehr Nutzen als Schaden erzielt wird.“

Wie auch Gmel und Hanewinkel bezweifelt Mons, dass die Ergebnisse auf Deutschland übertragen werden können. Denn 2014 konnten in den USA E-Zigaretten noch frei an Jugendliche verkauft werden. Hierzulande sei das seit 2016 nicht mehr möglich, sagt die Forscherin vom DKFZ. „Sofern die bestehenden Jugendschutzgesetze in Deutsch­land hinsichtlich E-Zigaretten eingehalten werden, dürfte die Wahrschein­lichkeit gering sein, dass E-Zigaretten Jugendliche in Deutschland in großem Stil zum Tabakkonsum verleiten.“ © gie/aerzteblatt.de

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