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Warum das US-Gesundheitssystem so teuer ist

Donnerstag, 15. März 2018

/Zerophoto - stock.adobe.com

London – Die USA geben doppelt so viel Geld für ihr Gesundheitswesen aus wie andere Länder, dennoch ist die Lebenserwartung geringer und die Kindersterblichkeit höher. Ökonomen suchen in einer Analyse im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; doi:10.1001/jama.2018.1150) nach den Gründen.

Die Zahlen sind bekannt: Die USA wendeten im Jahr 2016 etwa 17,8 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen auf, in zehn anderen Ländern mit einer ähnlichen Wirtschaftsleistung waren es nur zwischen 9,6 Prozent (Australien) und 12,4 Prozent (Schweiz). Die Lebenserwartung in den USA war mit 78,8 Jahren die niedrigste aller elf Länder. In den anderen Ländern leben die Menschen zwischen 80,7 Jahren (Deutschland) und 83,9 Jahren (Japan). Die Säuglingssterblichkeit ist mit 5,8 auf 1.000 Lebendgeburten deutlich höher als in Kanada (5,1 auf 1.000 Geburten) oder Japan (2,1 auf 1.000 Geburten). In den USA haben nur 90 Prozent der Bevölkerung eine Kran­ken­ver­siche­rung, in allen anderen zehn Ländern, deren Daten Irene Papanicolas und Mitarbeiter von der London School of Economics and Political Science recherchiert haben, liegt der Anteil zwischen 99 und 100 Prozent.

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Woran liegt es, dass das Gesundheitswesen in den USA so teuer ist, ohne eine bessere Leistung zu bieten? Die weit verbreitete Ansicht, dass die Bevölkerung in den USA mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch nimmt, trifft laut Papanicolas nicht zu. Es gibt in den USA weniger Ärzte (2,6 pro 1.000 Einwohner) als in Deutschland (4,1/1.000) und auch der Anteil der Fachärzte (57 versus 55 Prozent in Deutschland) ist nicht höher als in den anderen Ländern.

Die Zahl der Krankenhausbetten (2,8 versus 8,2 pro 1.000 Einwohner in Deutschland) ist geringer und die Liegezeiten deutlich kürzer. Auch bei den Klinikbehandlungen wegen Herzinfarkt (192 versus 287 auf 100.000 in Deutschland) oder wegen psychischer Erkrankungen (679 versus 1.715 auf 100.000 in Deutschland) liegen die USA im Mittelfeld. Es werden weniger Hüftendoprothesen (204 versus 283 auf 100.000 in Deutschland), aber etwas mehr Knieendoprothesen (226 versus 190 auf 100.000 in Deutschland) implantiert. 

Auch die hohe Rate von Kaiserschnitten (33 versus 16 Prozent in den Niederlanden) erklärt die höheren Kosten des Gesundheitswesens nicht. Bildgebende Verfahren wie Computer- oder Magnetresonanztomographie und vor allem die Mammographie werden in den USA zwar relativ häufig durchgeführt.

Hohe Preise für medizinische Leistungen

Der wichtigste Preistreiber in den USA sind jedoch die Preise. Medizinische Leistungen kosten deutlich mehr als in anderen Ländern. Dies gilt insbesondere für Medikamente. Die Pro-Kopf-Ausgaben liegen in den USA bei 1.443 US-Dollar versus 667 US-Dollar in Deutschland. Die monatlichen Behandlungskosten für das Statin Crestor (Rosuvastatin) betragen 86 US-Dollar gegenüber 61 US-Dollar in Deutschland. Bei Lantus (Insulin glargin) sind es 186 US-Dollar gegenüber 38 US-Dollar in Deutschland, bei Advair (Fluticason plus Salmeterol) 155 US-Dollar gegenüber 38 US-Dollar in Deutschland, bei Humira (Adalimumab) 2.505 US-Dollar gegenüber 1.749 US-Dollar in Deutschland.

Auch bei den bildgebenden Verfahren sind die hohen Kosten dafür verantwortlich, dass in den USA pro Kopf der Bevölkerung deutlich mehr Geld ausgegeben wird als in den Niederlanden (220 versus 23 US-Dollar).

Ärzte (und Krankenschwestern) verdienen in den USA deutlich mehr als in den anderen Ländern. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Allgemeinarztes liegt in den USA bei 218.173 US-Dollar (154.126 US-Dollar in Deutschland), Spezialisten verdienen 316.000 US-Dollar (181.243 US-Dollar in Deutschland), Krankenschwestern 74.160 US-Dollar im Jahr (53.668 US-Dollar in Deutschland).

Verwaltungsausgaben belasten das Gesundheitsbudget

Einen nicht unwesentlichen Anteil an den hohen Kosten für das Gesundheitswesen hat die Verwaltung. Auf sie entfallen in den USA 8 Prozent der Gesamtausgaben. In den anderen Ländern sind es nur zwischen 1 und 5 Prozent.

Die Angaben von Papanicolas zu mehr als hundert unterschiedlichen Ausgabenposten zeigen, wo die Unterschiede sind, sie können die zu Grunde liegenden Ursachen jedoch nicht erklären. Bei den Preisen für Medikamente spielt der Patentschutz und die hohe Rate von Neuentwicklungen eine Rolle.

Aber auch die zunehmende Monopolstellung erlaubt es einigen Herstellern, dem Markt die Preise zu diktieren, schreibt Stephen Parente von der Universität von Minnesota in Minneapolis in einem Editorial. Die sehr hohen Einkommen der Ärzte würden teilweise wohl auch dadurch erklärt, dass die meisten Ärzte für das Studium Darlehen in Höhe von 300.000 bis 400.000 US-Dollar aufnehmen müssten.

Die Rechnung für die hohen Gesundheitskosten zahlen – weil Medicare, Medicaid und die US-Veteranenbehörden sich günstige Rabatte aushandeln – vor allem die von den Arbeitgebern finanzierten Familienkrankenversicherungen: Sie gaben zuletzt im Durchschnitt um 18.764 US-Dollar pro Haushalt aus. Das ist fast ein Drittel des medianen Haushaltseinkommens in den USA von 59.039 im Jahr 2016. Dies ist ein deutlicher Anstieg seit dem Jahr 2000, als die Kran­ken­ver­siche­rungen nur 6.438 Dollar pro Haushalt oder 17,8 Prozent des mittleren Einkommens ausgeben mussten. Die Folge ist, dass immer weniger US-Amerikaner eine vom Arbeitgeber finanzierte Kran­ken­ver­siche­rung haben (55,7 versus 64,1 im Jahr 2000).

© rme/aerzteblatt.de

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