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Politik

AOK will stärkere Zentralisierung der Krankenhaus­strukturen

Montag, 19. März 2018

/dpa

Berlin – Der AOK-Bundesverband hat eine stärkere Zentralisierung der Krankenhaus­strukturen in Deutschland gefordert. „Dabei geht es nicht vorrangig um die Frage, wie  viele Kliniken es am Ende deutschlandweit gibt“, sagte Martin Litsch, Vorstands­vorsitzende des Verbandes, heute bei der Vorstellung des Krankenhaus-Reports 2018 in Berlin. Ein deutlicher Schritt wäre es bereits, wenn zukünftig Kliniken mit mehr als 500 Betten nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel in der Krankenhauslandschaft bildeten. Litsch forderte zudem, dass Kliniken künftig eine bestimmte Strukturqualität vorweisen müssen, um Leistungen erbringen zu dürfen.

Der Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Jürgen Klauber, nannte Beispiele für den Zusammenhang zwischen der Spezialisierung eines Krankenhauses und der dort erbrachten Qualität. „Beim Darmkrebs gibt es in Deutschland jährlich rund 60.000 Neuerkrankungen, wobei rund 40 Prozent der betroffenen Patienten in den ersten fünf Jahren nach der Diagnosestellung versterben“, sagte Klauber.

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„Verschiedene Studien belegen jedoch die besseren Langzeitüberlebensraten für die Behandlung in zertifizierten Zentren im Vergleich zu Nicht-Zentren.“ Bei Kolon­karzinom­operationen liege das Risiko, schon während des Krankenhausaufenthaltes zu versterben, bei Nicht-Zentren um 21 Prozent höher als in Zentren, die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert seien. Bei Rektumkarzinomoperationen unterscheide sich das Risiko sogar um 65 Prozent.

Weniger Revisions-OPs in Häusern mit hoher OP-Zahl

„Im Jahr 2015 sind in Deutschland rund 44.000 Darmkrebsoperationen in mehr als 1.000 Krankenhäusern vorgenommen worden“, so Klauber. „Die Deutsche Krebs­gesellschaft fordert für die Zertifizierung eine Mindestmenge von 20 für die Operation des Rektumkarzinoms und von 30 für das Kolonkarzinom. Doch von allen Kliniken, die diese Operation angeboten haben, führte ein Viertel den Eingriff maximal 17-mal im Jahr durch, ein weiteres Viertel hatte zwischen 18 und 33 Eingriffe.“  

Ähnlich sei es auch in der Endoprothetik, sagte Klauber. So gelte: Je häufiger in einem Haus operiert werde, umso seltener müsse der Patient mit dem neuen Hüftgelenk binnen Jahresfrist erneut operiert werden. In Kliniken, in denen der Hüftgelenkersatz weniger als 50-mal im Jahr durchgeführt wurde, habe das Risiko für eine Revisions-OP im Jahr 2015 um 82 Prozent höher gelegen als in Häusern mit mindestens 200 Operationen im Jahr.

Wir haben zwei Probleme: die Überkapazitäten und die Zersplitterung. Reinhard Busse

Auch Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin kritisierte die aktuellen Krankenhausstrukturen in Deutschland. „Wir haben zwei Probleme: die Überkapazitäten und die Zersplitterung“, sagte er. „Deutschland besitzt zu viele Krankenhäuser und zu viele Krankenhausbetten. Das ist inzwischen von vielen Seiten akzeptiert.“ Natürlich seien in der Vergangenheit auch Betten abgebaut worden. Aber weniger als in anderen europäischen Ländern. So habe es Mitte der 1990er-Jahre in Deutschland 45 Prozent mehr Krankenhausbetten als im Durchschnitt der EU-Länder gegeben. 20 Jahre später seien es 65 Prozent mehr gewesen.

„Und bei den Fallzahlen im Bereich der Erkrankungen des Bewegungsapparats liegt der EU-Schnitt um 53 Prozent niedriger als Deutschland“, so Busse. Darüber, inwiefern die hohe Krankenhausbettendichte ein Treiber für die vielen Krankenhausfälle sei, bestehe allerdings weniger Einigkeit. „Würden wir nur so viele Patienten stationär am Bewegungsapparat behandeln wie unsere Nachbarländer, hätten wir 1,2 Millionen Fälle weniger in diesem Bereich als heute“, so Busse.

50 Prozent der Krankenhauspatienten kommen aus der Notaufnahme

Busse antwortete auch auf die Frage, woher die vielen Krankenhauspatienten in Deutschland kommen. „Die Einweisungen ins Krankenhaus gehen zurück“, sagte er. „Insofern ist es umso erstaunlicher, dass die Anzahl der Fälle steigt.“ 50 Prozent der Patienten, die die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchten, würden stationär in das Krankenhaus aufgenommen. Die Notaufnahme sei daher heute der Haupt­rekrutierungsort für Krankenhäuser. Demgegenüber blieben in anderen Ländern lediglich 25 bis 30 Prozent der Notfallpatienten im Krankenhaus. Man müsse dabei den Verdacht haben, dass es nicht die Notfallpatienten seien, die unbedingt in das Krankenhaus aufgenommen werden wollten.

Der AOK-Bundesverband forderte, dass die Bundesländer für ihre Krankenhausplanung mehr auf Qualitätsvorgaben setzen sollten. WIdO-Leiter Klauber nannte ein Beispiel. 65 Prozent der Krankenhäuser, die im Jahr 2015 Darmkrebseingriffe durchgeführt haben, seien entweder zertifizierte Zentren oder Krankenhäuser, die mindestens 50 Darmkrebsoperationen pro Jahr erbringen. Wenn künftig nur noch diese Krankenhäuser eine Darmkrebsoperation erbringen dürften, würde sich der mittlere Anfahrtsweg für die Patienten von acht auf 16 Kilometer verlängern.

Laumann will auf mehr Strukturqualität setzen

Der Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann, kündigte an, die Krankenhauslandschaft in seinem Bundesland verändern zu wollen. „Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass die Krankenhäuser mehr zusammenarbeiten. Wir brauchen ein Gesamtversorgungskonzept für die Regionen“, sagte er. Dabei soll es mehr Struktur­vorgaben geben.

„Ich bin der Meinung, dass das Krankenhausbett als alleinige Grundlage für den Krankenhausplan nicht mehr taugt“, sagte Laumann. „Daneben müssen wir auch die Einhaltung von Strukturqualität stellen sowie die Anzahl der Krankenhausfälle.“ Strukturqualität könne man darstellen. Bei der Ergebnisqualität müsse man hingegen vorsichtig sein. Sie gerichtsfest zu umschreiben, sei zurzeit nicht möglich. Laumann kündigte an, ein Gutachten vergeben zu wollen, das sich mit der Versorgungssituation in Nordrhein-Westfalen beschäftigt und dessen Ergebnisse Ende des Jahres vorliegen sollen.  

Hohe Fallzahlen binden Pflegepersonal

Martin Litsch wandte sich darüber hinaus gegen die Pläne der neuen Bundesregierung, die Pflegepersonalvergütung aus den DRG-Fallpauschalen herauszulösen. „Heute stecken schon etwa 18 Milliarden Euro für die Bezahlung der Pflegekräfte in den DRGs drin“, sagte er. „Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Geld auch bei der Pflege ankommt.“ Viele Krankenhäuser benutzten dieses Geld aber dafür, ihren Aufzug zu reparieren oder ein neues Gerät zu kaufen. Durch eine Ausgliederung der Pflegekosten könne dieses Problem allerdings nicht gelöst werden. 

Reinhard Busse erklärte, dass es in Deutschland mehr Pflegepersonal pro 1.000 Einwohner gebe als im Durchschnitt der EU-Länder. „Dass wir zu wenig Personal am Krankenbett haben, liegt daran, dass wir so viele Krankenhausfälle haben“, sagte er. „Die hohen Fallzahlen binden das Personal. Unser schlechtes Betreuungsverhältnis liegt hierin begründet.“

DKG: AOK vergleicht Äpfel mit Birnen

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisierte die Forderungen des AOK-Bundesverbandes. Die AOK vergleiche Äpfel mit Birnen, wenn aus der Analyse von Routine-Abrechnungsdaten Aussagen zur Leistungsbefähigung von Krankenhäusern oder zur Qualität von Leistungen abgeleitet würden, ohne dass die Hintergründe der jeweiligen Behandlungen durchleuchtet würden, meinte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum in einer Pressemitteilung.

So sei die Behauptung, dass Kliniken mit wenigen elektiven Hüftoperationsleistungen schlechtere Ergebnisse hätten als Kliniken mit vielen Elektivleistungen, völlig untauglich, wenn bei den Kliniken mit wenigen Leistungen die unter Notfall­bedingungen zu erbringenden Leistungen nicht herausgerechnet würden. „Bei den Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung machen die Notoperationen aufgrund gebrochener Hüften circa 50 Prozent der Fallzahlen aus“, erklärte Baum.

„Bei diesen Leistungen liegt der Altersdurchschnitt der Patienten bei 81 Jahren.“ Diese Patienten hätten zudem häufig schwerwiegende Begleiterkrankungen. Bei elektiven Operationen liege das durchschnittliche Alter dagegen bei 72 Jahren, und viele Krankenhäuser mit hohen Fallzahlen bei elektiven Operationen hätten einen sehr geringen Anteil von Notfällen. „Wir brauchen keinen pseudowissenschaftlichen Alarmismus, um die längst von den Krankenhäusern selbst in Gang gebrachte Weiterentwicklung der Krankenhausversorgungsstrukturen in Richtung Spezialisierung und Zentren fortzuführen“, so Baum. © fos/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #88255
doc.nemo
am Dienstag, 20. März 2018, 08:18

Ultimatives Zentralklinikum?

Die Zentralisierung von Kliniken spart Geld, keine Frage. Mehr Zentralisierung spart mehr Geld, noch mehr Zentralisierung spart noch mehr Geld, undsoweiter. Wo ist die Grenze? Erst liegt sie bei mindestens 500 Betten, dann bei 700, dann bei...? Soll es ein Klinikum pro Kreis geben oder pro Region oder pro Regierungsbezirk oder pro Bundesland oder enden wir schließlich bei einem einzigen, ultimativen Zentralkinikum für ganz Deutschland? Eine wohnortnahe Krankenhausversorgung ist unverzichtbarer Teil der Daseinsvorsorge, sie darf nicht dem Kommerz geopfert werden.
Avatar #658770
Daniela Gareis
am Montag, 19. März 2018, 20:15

nicht zu Ende gedacht

Nehmen wir einmal an, man folgt den Ergebnissen der AOK Studie und schliesst kleinere Kliniken zentralisiert und bündelt, was wäre wohl die Folge? Noch weniger Patienten finden selbstständig den Weg in die Notfallambulanzen, Noch schneller und drastischer steigen die Einsatzzahlen der Rettungsdienste und wie es Angehörigen geht, die mal eben die Oma in der Klinik besuchen wollen und daraus gleich einen Wochenendausflug machen müssen interessiert die Fachleute mit den Tabellen und zahlen bei den Krankenkassen natürlich auch nicht.
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