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Medizin

AMD: 2 Patienten können dank „Stammzell-Pflaster“ wieder lesen

Dienstag, 20. März 2018

/psphotography, stockadobecom

London – Eine Kunststoffmembran, die mit retinalen Pigmentepithelien besiedelt wurde, hat nach einer Implantation in den subretinalen Raum bei 2 Patienten im fortgeschrittenen feuchten Stadium einer altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) die Sehfähigkeit soweit verbessert, dass sie wieder in der Lage sind, eine Zeitung zu lesen. Die Therapie hat sich laut dem Bericht in Nature Biotechnology (2018; doi: 10.1038/nbt.4114) als sicher erwiesen, auch wenn es im 1. Jahr zu mehreren Komplikationen kam.

Augenkrankheiten sind in den letzten Jahren zum Experimentierfeld für neue Therapieansätze wie der Gentherapie oder der Stammzelltherapie geworden. Das Auge ist hierfür geeignet, da es vom Rest des Körpers gut abgegrenzt ist, was das Risiko von systemischen Komplikationen senkt. Das Auge ist für operative Eingriffe gut erreichbar und die Ergebnisse lassen sich relativ einfach beurteilen.

Während Gentherapien teilweise erfolgreich waren, blieben der Stammzelltherapie Enttäuschungen nicht erspart. In den USA erlitten zuletzt 3 Frauen nach einer vermeintlichen Stammzell­therapie der AMD einen schweren Sehverlust. In Japan blieben Forscher mit einem ernsthaften Versuch einer Stammzelltherapie eben­falls erfolglos. Britische Forscher scheinen jetzt mehr erreicht zu haben. 

Am Moorfields Eye Hospital in London wurden 2 Patienten mit fortgeschrittener feuchter AMD mit einem „Patch" versorgt, das die Funktion der Retina wieder herstellen soll. Der „Patch“ besteht aus einer dünnen Membran aus Polyester. Sie wurde im Labor mit etwa 100.000 retinalen Pigmentzellen (RPE) besiedelt, die zuvor aus Stammzellen hergestellt worden waren. 

Die RPE hatten, wie Lyndon da Cruz vom University College London und Mitarbeiter jetzt berichten, einen Zellrasen gebildet, bei dem sich alle Zellen so ausgerichtet hatten, wie dies auch in der normalen Retina der Fall ist. Der Verlust der RPE gehört zu den frühen Folgen der AMD, die in der Macula lutea, dem Ort des schärfsten Sehens, am stärksten ausgeprägt ist. Eine der ersten Folgen der Erkrankung ist der Verlust der Lesefähigkeit.

Auch die beiden ersten Patienten einer klinischen Phase-1-Studie, an der insgesamt 10 Patienten teilnehmen sollen, konnten vor der Therapie Buchstaben kaum oder gar nicht mehr entziffern, weil die Makuladegeneration zum Verlust des scharfen Sehens geführt hatte. 

Beide Patienten wurden bereits Ende 2015 am Moorfields Eye Hospital in London behandelt, nachdem die vorbereitenden Studien an Zellkulturen keine Hinweise auf eine Tumorbildung durch die Stammzellen ergeben hatten und die Augenchirurgen die Operationstechnik an Schweinen geprobt hatten. 

Die Operation wurde mit einem speziellen Werkzeug durchgeführt, das die exakte Platzierung des 4 mal 6 Millimeter großen Patches in den subretinalen Raum exakt hinter der Makula erlaubt. Wie üblich in solchen Fällen wurde nur ein Auge behandelt.

Die optische Kohärenztomographie zeigte gleich nach der Operation, dass der Patch bei beiden Patienten an der vorgesehenen Stelle implantiert wurde (auch wenn sich an einigen Rändern das alte RPE vor das Implantat geschoben hatte). Die Mikroperimetrie ergab, dass die Netzhaut an der Stelle des Implantates Signale empfing, und in einer Fluoreszenzangiographie war zu erkennen, dass die Region mit Blut versorgt wird. 

Das wichtigste Ergebnis war jedoch, dass sich die Sehstärke der beiden Patienten deutlich verbesserte und diese Verbesserung offenbar bestand hat. 12 Monate nach der Operation hat sich der Visus auf der Sehtafel (ETDRS-Chart) bei einem Patienten von 10 auf 39 Zeichen und beim anderen von 8 auf 29 Zeichen verbessert. Die Lesegeschwindigkeit im MNRead-Test hat sich bei einem Patienten von 1,7 auf 82,8 Worte pro Minute und beim andern von 0 auf 47,8 Worte pro Minute verbessert. Der Pressemitteilung zufolge kann einer der beiden Patienten heute wieder Zeitung lesen, wozu er vor der Operation nicht in der Lage war.

Die Behandlungen blieben jedoch nicht ohne Komplikationen. Es traten 3 schwerwiegende unerwünschte Ereignisse auf, die laut da Cruz jedoch nicht mit dem RPE-Patch zusammenhingen. Das erste war die Freilegung der Naht eines Fluocinolon-Implantats, das der 1. Patient zwecks einer Immunsuppression erhalten hatte. Dies machte eine konjunktivale Revisionsoperation erforderlich. Die anderen beiden Komplikationen traten beim 2. Patienten auf: Bei ihm kam es einmal zu einer Verschlechterung des Diabetes, ausgelöst durch eine Immunsuppression (zur Vermeidung von Abstoßungsreaktionen). Die 2. Komplikation war eine Netzhautablösung, die allerdings das Implantat nicht gefährdete und konservativ behandelt werden konnte.

Die Forscher wollen das Projekt, das von einem Pharmakonzern gesponsert wurde, fortsetzen. Wenn alles gut geht, könnte die Behandlung bereits in 5 Jahren angeboten werden, hieß es. Die Forschung wurde im Rahmen des „London Project to Cure Blindness“ durchgeführt, dessen Ziel die Entwicklung von neuen Methoden zur Behandlungen der AMD und anderer derzeit nicht heilbarer Augenkrankheiten ist. © rme/aerzteblatt.de

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