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Medizin

Glutensensitivität: Die meisten Betroffenen reagieren stärker auf Placebo als auf Gluten

Donnerstag, 22. März 2018

Glutenfreie Nahrungsmittel sind gefragter denn je – ob Gluten tatsächlich Verursacher der Symptome wie Übelkeit, Blähungen oder Magenschmerzen ist, ist weiterhin umstritten. /AGcuesta, stock.adobe.com

Bergen – Zu glutenfreien Lebensmitteln greifen längst nicht mehr nur Menschen mit einer bestätigten Zöliakie. Der Verdacht auf eine Glutensensitivität reicht den meisten aus, um die Ernährung umzustellen. Essen sie jedoch ohne ihr Wissen glutenhaltige Lebensmittel, merken das die wenigsten, wie eine doppelblinde Studie zeigt, die in Neurogastroenterology & Motility publiziert wurde (2018; doi: 10.1111/nmo.13332).

Forscher aus Norwegen haben 20 Menschen zwischen 21 und 62 Jahren getestet, die glaubten, an einer Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (Non-coeliac gluten sensitivity, NCGS) zu leiden. Sie alle ernährten sich seit mindestens 6 Wochen glutenfrei. Eine Zöliakie, Weizenallergie, Laktoseintoleranz oder entzündliche Darm­er­krank­ungen wurde zuvor ausgeschlossen.

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Fragebögen zum Reizdarmsyndrom

  • Irritable bowel syndrome – Severity Scoring System (IBS-SSS) / fragt nach 5 Gegebenheiten zu Bauschmerzen
  • Irritable bowel syndrome – Symptom
    Questionnaire (IBS-SQ) / fragt 6 Symptome ab

An 4 Tagen, mit jeweils 3 Tagen Pause dazwischen, bekamen die Studien­teilnehmer täglich 2 Muffins – einen mit 5,5 g Gluten, der andere ohne Gluten. Anschließend füllten sie 3 Fragebögen zu typischen Reizdarm­symptomen aus, da diese mit denen des NCGS sehr ähnlich sind. Auf einer Skala von 0 bis 10 beurteilten sie unter anderem das Gefühl von Übelkeit, Blähungen, Magenschmerzen, Verstopfung, Durchfall, Anorexie und Bauchschmerzen. Die meisten Teilnehmer verspürten deutlich mehr Symptome, nachdem sie den glutenfreien Muffin gegessen hatten. Der IBS-SSS (siehe Kasten) zählte zu Beginn 170,0 ± 104,1 Punkte auf der Skala und nach dem Placebo-Muffin 214,4 ± 99,4 (p = 0,023). Der IBS-SQ zählte zu Beginn 10,7 ± 11,9 und nach dem Placebo-Muffin 17,6 ± 12,6 (p = 0,012).

Der doppelblinde Test konnte die Diagnose NCGS nur bei 4 Teilnehmern bestätigen. Bei den übrigen NCGS-Verdachtsfällen vermuten die Autoren andere Bestandteile der Nahrung als Verursacher der Symptome. Sie empfehlen zunächst, Amylase-Trypsin
Hemmstoffe (ATIs) und FODMAPs (fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole) zu untersuchen. Dazu zählen einige Kohlenhydrate und mehrwertige Alkohole.

Gluten als Verursacher der NCGS umstritten

Schon frühere Studien legen nahe, dass es sich bei der Nicht-Zöliakie-Gluten­sensi­tivität um einen multifaktoriellen Prozess handelt, den nicht allein Gluten verursacht (Gastroenterology 2013, Journal of experimental medicine 2012, Nutrients 2016). Eine italienische Multizenterstudie mit fast 500 Probanden zeigte zudem, dass vor allem erwachsene Frauen an einer NCGS leiden. In den letzten Jahren nimmt die Zahl jener stetig zu, die Weizen und anderen glutenähnlichen Getreidesorten vermeiden. Am höchsten ist die Prävalenz in westlichen Ländern, wo auch die meisten glutenfreien Produkte angeboten werden (International Journal of Food Microbiology 2016).

Als Grund für die glutenfreie Ernährung gelten NCGS, Zöliakie und die Weizenallergie, bei der aber auch andere Nahrungsbestandteile ausschlaggebend sind. Die Zöliakie und Weizenallergie lassen sich relativ einfach anhand bekannter Biomarker, Anamnese und spezifischer Untersuchungen diagnostizieren. Bei NCGS bleibt nur die Ausschluss­diagnose oder eine glutenfreie Eliminationsdiät mit anschließendem kontrolliertem Provokationstest, wie er in dieser Studie durchgeführt wurde.

Glutenfreie Lebensmittel sind nicht immer die gesündere Alternative

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält die Vermeidung von Gluten oder Weizen für Menschen sinnvoll, die an Zöliakie, Weizenallergie und Gluten- oder Weizensensitivität leiden. Viele Verbraucher würden allerdings auf Weizenprodukte verzichten – ohne ärztlichen Befund, sondern aufgrund einer Selbstdiagnose. Ein freiwilliger Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel bedeutet nicht automatisch eine gesundheitsfördernde Ernährung – so wie glutenfreie Lebensmittel teilweise beworben werden, kritisiert die DGE in einer Pressemitteilung.

Die Lebensmittel unterscheiden sich nicht nur in Geschmack und Preis. Wer Gluten meidet oder auf andere Inhaltsstoffe ausweicht, nimmt Veränderungen der Energie- und Nährstoffzufuhr in Kauf. Diese seien nicht immer zugunsten des Verbrauchers, teilt die DGE mit. Einige glutenfreie Lebensmittel haben einen vergleichsweise höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist. Werden Weizen und andere glutenhaltige Getreidearten wie Dinkel, Grünkern, Roggen, Hafer und Gerste langfristig vom Speiseplan gestrichen, kann es zu einer geringeren Zufuhr an Ballaststoffen, B-Vitaminen, Magnesium, Zink und Eisen kommen. Beim Verzicht auf Vollkornprodukte bleiben die präventiven Effekte hinsichtlich der Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten und bestimmten Krebskrankheiten ungenutzt. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #746285
casperu
am Dienstag, 3. April 2018, 11:46

Nicht nur gastrointestinale Symptome

Der Text gibt an, dass die Studie das Vorkommen von "Übelkeit, Blähungen, Magenschmerzen, Verstopfung, Durchfall, Anorexie und Bauchschmerzen" bewertete.

Jedoch sind dies die klassischen, gastrointestinalen Zöliakisymptome. Aber Glutensensitivität ist nicht gleich Zöliakie. Die Symptome können ganz anders sein – z.B. neurologisch (Parästhesien, Neuropathie), psychisch (Depression, ADHS, autistisches oder aggressives Verhalten), immunologisch (Gelenkinflammation, Hauterscheinungen).

Auch müssen die Symptome nicht direkt nach Einnahme erscheinen, sondern können verspätet sein.

Daher scheint mir die Studie wenig überzeugend, aber dennoch ist das Ergebnis interessant.

Das es (auch) um andere Nahrungsmittel wie z.B. Stärke gehen kann, ist keine Neuheit. Bei einer erhöhten Darmpermeabilität entstehen viele Folgeprobleme. Dennoch ist das Konzept der erhöhten Darmpermeabilität (Leaky Gut) bei Medizinern noch nicht weitgehend anerkannt.

Die FODMAP-Diät ist vielleicht besser untersucht, aber das garantiert ja nicht, dass sie allen Patienten hilft. Es gibt auch wirklich Glutensensitivität.

Ich finde es sinnlos, die angeblichen RIsiken einer glutenfreien Diät noch einmal zu wiederholen. Es ist mit keinem Risiko verbunden, Gluten zu vermeiden. Eine Mangel an Nahrungs- und Ballaststoffen wäre rein hypothetisch. (Man kan gut ohne Brötchen, Kekse, Kuchen und Mehlsoßen leben). Glutenintolerante ernähren sich meistens gesünder und bewusster als die Normalbevölkerung; jedoch hat die Diät zwei Nachteile: Kosten und Aufwand.
Avatar #28732
Hine
am Freitag, 23. März 2018, 13:35

Kommentar

Nach 6 Wochen glutenfreier Ernährung kann es Wochen bis Monate dauern bis erste Symptome wieder eintreten, insbesondere dann, wenn sich der Darm zwischen den Glutenmahlzeiten 3 Tage lang regenerieren kann. Außerdem treten die Symptome oftmals nicht immer im Bereich Magen/Darm auf. Das häufigste Symptom, die Müdigkeit (82%), wurde hier gar nicht erst untersucht.

Der Fehler ist, dass immer wieder davon ausgegangen wird, dass sich eine Sensibilität so verhalten muss wie eine Allergie bzw. die Zöliakie. Die Pathogenese ist jedoch sehr unterschiedlich. Bei einer Allergie hat man z.B. eine sehr schnelle symptomatische Reaktion. Bei einer etablierten Sensibilität kann es hingegen bis zu 48 Std. dauern bis Symptome eintreten. NCGS kann im Urlaub symptomfrei verlaufen und sich nur in stressigen Phasen entwickeln, also nur in Zusammenhang mit stressbedingter Permeabilität des Darms.

Die Ursache von chronischem Stress kann eine Angststörung sein. Auch wenn der Darm auf psychischen Stress reagiert, bedeutet dies noch lange nicht, dass ein Patient keine Glutensensitivität hat. Hier jedoch, entsteht der Eindruck einer Essstörung. Eine Essstörung kann jedoch ebenso Stress verursachen.

Gluten aktiviert Zonulin, unabhängig von der genetischen Expression von Autoimmunität, was zu erhöhter Darmpermeabilität für pathogene Makromoleküle führt. [Drago 2006], [Lammers 2007] (Zonulin öffnet die Tight Junctions)

Sowohl Gluten als auch chronischer Stress (z.B. posttraumatsiches Stresssyndrom) führen zu chronischer Permeabilität des Darms. Auf dauer kann beides zu Krankheiten wie z.B. schweren neurologischen Störungen führen.
LNS

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