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Fachgesellschaft fordert, dass systemische Therapie zur Regelleistung wird

Mittwoch, 21. März 2018

/Charlie's, stockadobecom

Berlin – Die systemische Therapie muss in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden. Das hat die Systemische Gesellschaft (SG) heute in Berlin bei einer Pressekonferenz anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Fachgesellschaft gefordert.

„Trotz hervorragender wissenschaftlicher Studienbewertungen in den letzten zehn Jahren müssen wir weiter um die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren kämpfen“, sagte die Vorsitzende der Systemischen Gesellschaft, Ulrike Borst. Sie rief den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) dazu auf, endlich eine Entscheidung zu treffen.

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Psychisch Kranken werde ein gutes und wirksames Verfahren vorenthalten, das einen weiteren Blickwinkel auf die Symptomatik bereithält als andere Psychotherapie­verfahren: Systemische Therapie beziehe die Familie oder das nähere Umfeld des Patienten und seine soziale Situation mit ein.

Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie gibt Empfehlung

Bereits 2008 hat der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) die Wirksamkeit der systemischen Therapie (ST) für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen bestätigt und sie zur vertieften Ausbildung empfohlen. 2013 hat der G-BA das Bewertungsverfahren zur ST eröffnet; vorläufig aber nur bezogen auf die Behandlung Erwachsener. 2014 wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) beauftragt, eine Nutzenbewertung als Grundlage für die endgültige Entscheidung des G-BA zu erstellen. Der Abschlussbericht des IQWIG, das damit erstmalig ein Psychotherapieverfahren bewertet hat, wurde im Juli 2017 vorgelegt.

„Das IQWIG hat belegt, dass die systemische Therapie sehr wirksam ist: in sieben Diagnosebereichen wurde der Nutzen festgestellt“, betonte Borst. Die ST wirke nachhaltig im Kindes- und Jugendalter bei schweren Störungen des Sozialverhaltens, Drogenkonsumstörungen und Essstörungen. Bei Erwachsenen sei die ST bei Depression und Angststörungen, aber auch bei Schizophrenie, Substanzkonsumstörungen sowie psychischen Störungen, die aufgrund einer somatischen Grunderkrankung wie Krebs, Diabetes oder Schmerz auftreten, wirksam.

IQWIG bemängelte methodisch schlechte Studien

Das IQWiG hat in seinem Abschlussbericht aber gleichzeitig auch die Aussagekraft der 33 untersuchten Studien bemängelt: Diese hätten zu kleine Patientenzahlen eingeschlossen und seien methodisch schlecht, was aber als generelles Problem der Psychotherapieforschung angesehen wurde. Insgesamt sei es deshalb nicht möglich gewesen, Nutzen und möglichen Schaden der systemischen Therapie abzuwägen, hieß es 2017 aus dem Institut.

„Die in der Arzneimittelforschung übliche Doppelverblindung ist in der Psychotherapie kaum möglich“, erklärte die SG-Vorsitzende Borst in Bezug auf den Vorwurf methodischer Studienmängel. „Wie sollte man in einer therapeutischen Sitzung eine Ahnungslosigkeit auf beiden Seiten durchsetzen?“

Beratungen des G-BA im sechsten Jahr

„Der Abschlussbericht des IQWIG, der aus unserer Sicht positiv ausgefallen ist, liegt dem G-BA nun seit einem knappen Jahr vor und eine Entscheidung ist nicht in Sicht“, kritisierte der Vorstandsbeauftragte Psychotherapie der SG, Sebastian Baumann. Statt der vorgeschriebenen drei Jahre zögen sich die Beratungen des obersten Gremiums der Selbstverwaltung nun schon ins sechste Jahr. „Wir begrüßen deshalb die Ankündigung im Koalitionsvertrag, die Abläufe im G-BA straffen zu wollen.“

Sebastian Baumann /Georg Lopata

Warum sich der G-BA mit der Entscheidung so schwer tut, darüber kann der Psychologische Psychotherapeut nur mutmaßen: Die Geldgeber auf den Bänken des G-BA scheinen zu bremsen. „Wir wollen keine Ausweitung kassenfinanzierter Psycho­therapien, sondern eine sinn­volle Wahlmöglichkeit für die Betroffenen“, stellte Baumann klar.

Neben den Richtlinienverfahren (Psychoanalytische Psychotherapie, tiefenpsycholo­gisch fundierte Psycho­therapie, Verhaltenstherapie) sei die ST eine wichtige Ergänzung. Auch weil sie durch die Arbeit im Mehr­personen-Setting Systemgrenzen zwischen Gesundheitswesen, Jugendhilfe, Schule und Justiz überwinden könne. „Zudem ist die Anzahl der notwendigen Sitzungen vergleichs­weise gering und damit nicht kostenintensiv“, erklärte er.

Schwierige Rahmenbedingungen in der Ausbildung

Deutschlandweit absolvieren nach Angaben der SG rund 200 Teilnehmer an drei Instituten die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Vertiefungsverfahren Systemische Therapie. Die ersten Absolventen haben 2016 ihre Approbation erhalten.

Die geringe Anzahl ergibt sich daraus, dass diese Ausbildungen erst seit 2008 nach der wissenschaftlichen Anerkennung durch den WBP möglich sind. Hinzu kommen schwierige Rahmenbedingungen in der Ausbildung, wegen der fehlenden Refinanzierung der ambulanten Behandlungsstunden durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung.  

Rund 300 bis 500 Psychotherapeuten, die in einem anderen Psychotherapieverfahren approbiert sind, haben nach Schätzungen der SG seit 2011 eine Weiterbildung in systemischer Therapie absolviert und tragen den entsprechenden Zusatz in ihrem Titel. 2011 hat die Bundes­psycho­therapeuten­kammer die Musterweiterbildungsordnung um die systemische Therapie erweitert. © PB/aerzteblatt.de

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