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Medizin

Diskrepanzen zwischen berichteter und verifizierter Penicillinallergie

Dienstag, 27. März 2018

Amoxicillin ist ein oral oder intravenös anwendbares Betalaktam-Antibiotikum. /dpa
Amoxicillin ist ein oral oder intravenös anwendbares Betalaktam-Antibiotikum. /dpa

Berlin – Bei den wenigsten Patienten, bei denen eine Allergie gegen Penicillin in der Patientenakte notiert wurde, lässt sich eine Sensibilisierung auch noch Jahre später nachweisen. Auf diese Diskrepanz machen Experten im Bulletin zur Arzneimittel­sicherheit vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) aufmerksam. Sie empfehlen, Überempfindlichkeitsreaktionen auf Penicilline, Betalaktamantibiotika und andere Allergene vor der Behandlung abzuklären.

Studien zufolge könnten von 10 % der US-Bevölkerung mit einer vermeintlichen Penicillinallergie tatsächlich nur bis zu 10 % betroffen sein. Bereits vor mehr als 15 Jahren äußerten Forscher Zweifel an der Zahl der vermuteten Allergien gegen Betalactamantibiotika (Archives of family medicine 2000), zu denen auch Penicillin gehört. Um hohe Kosten und den unnötigen Einsatz von Breitbandantibiotika zu verhindern, empfahlen sie, die Allergie mit einem Hauttest zu prüfen.

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Aufgrund der Entwicklung der Antibiotikaresistenzen hätte die alte Debatte wieder an Relevanz gewonnen, sind die Autoren vom BfArM überzeugt. Ein zentrales Problem dabei: Der Eintrag zur Penicillinallergie verbleibt ungeprüft über Jahre in der Patientenakte. Dabei beruhen die Angaben oft auf einer anamnestischen Auskunft, die schon aus der Kindheit stammen kann. Ampicillin oder Amoxicillin verursachen beispielsweise oft Exantheme bei Kindern mit einer infektiösen Mononukleose. In der Regel werde das Betalactamantibiotikum aber später wieder problemlos vertragen.

Ein weiteres Problem ist die Symptomatik. Da sich etwa 10 bis 66 % der Patienten nicht mehr an die Symptome der allergischen Reaktion erinnern können, erhält der Arzt meist nur eine vage Beschreibung. Ob es sich dabei um einen Soforttyp, Spättyp oder eine schwere Reaktion gehandelt hat, ist anhand dessen kaum möglich.

Nettokosten für Tagesdosen in Deutschland zulasten der GKV (2016)

  • Phenoxymethylpenicillin: 1,71 Euro
  • Amoxicillin (Monosubstanz): 0,85 Euro.

Nettokosten für Antibiotika, die typischerweise bei Penicillinallergikern alternativ eingesetzt werden:

  • Clindamycin: 2,36 Euro
  • Erythromycin: 2,09 Euro
  • Fluorchinolone: 2,52 Euro
  • Vancomycin: 84,61 Euro

Kreuzreaktivität oft überschätzt

Kreuzallergien mit anderen Betalactam­antibiotika wurden lange Zeit über­schätzt. Entscheidend für eine Kreuz­reaktion ist nicht der typische Laktamring, sondern ähnliche Seiten­ketten. Neue Studien gehen davon aus, dass nur bei etwa 2,5 % der Patienten mit einer nachgewiesenen Penicillin­allergie eine Kreuzreaktivität zwischen Penicillin und Cephalosporinen der 2. und 3. Generation vorliegt.

Ärzte müssen bedenken, dass alterna­tive Antibiotika schlechter wirken oder mehr Nebenwirkungen für den Patienten bedeuten können. In einer retrospekiven Studie lag die Prävalenzrate für eine MRSA-Infektion 14,1 % höher als erwartet verglichen mit Patienten ohne Penicillinallergie. Das gleiche galt für Infektionen mit Clostridium difficile (um 23,4 % erhöht) und vancomycinresistente Erreger (um 30,1 % erhöht). Die Autoren vom BfArM gehen davon aus, dass eine optimale Antibiotikatherapie, bei der die Penicillinallergie zuvor abgeklärt wurde, möglicherweise auch diese Infektionen reduzieren könnte.

Die Diagnostik besteht aus Anamnese, Hauttestung, Bestimmung des spezifischen IgE und eventuell auch einem Provokationstest. Generell sei die Hauttestung als sicher einzustufen, heißt es in der Zusammenfassung, mit einer Einschränkung: Bei 0,7 bis 11 % der Patienten mit positivem Hauttest wurden systemische Reaktionen beobachtet. Falsch-negative Hauttestergebnisse bei anamnestischen Penicillinallergikern liegen zwischen 0 und 11,4 %. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #683778
Freudi
am Dienstag, 27. März 2018, 21:47

Scheinbare Allergie

Aus meiner Sicht sollte vor jeder Diagnose "Medikamenten-Allergie" zwingend eine genauere Diagnostik erfolgen, insbes. Anamnese und Hauttest! Vielen Patienten bleiben wichtige Medikamente vorenthalten, weil sie tatsächlich "allergisch" auf einen der meist zahlreichen Hilfsstoffe reagieren. Da bleibt logischerweise nur eine genaue Diagnostik!
Avatar #739272
isabel45
am Dienstag, 27. März 2018, 20:06

Penicillinallergie

Kein Wunder, dass eine vor längerer Zeit diagnostizierte Penicillinallergie auch nach vielen Jahren noch gültig ist und in den Fallzahlen immer noch aufscheint.
Man wird im Normalfall ja auch keine Penicilline mehr einnehmen, um eben diese Allergie zu verhindern- also ist eine echte Bewertung (selbst die erste und einzige kann ja auch einen anderen Grund gehabt haben...!auf Grund der Beschwerden nach der Einnahme aber wurde einfach P-Allergie diagnostiziert, eigene Erfahrung...bei der Angabe "Penicillinallergie " wurde bei mir in 30 Jahren noch kein Zweittest zur Verifizierung veranlasst....
Die Hauttestergebnisse wiederum sind nicht glaubhaft genug,11,4 % falsch negativ ist eigentlich ganz ordentlich viel.
LNS

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