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Medizin

Weltweiter Anstieg des Antibiotika­verbrauchs: Türkei und Tunesien vorne – Reserveantibiotika in Indien beliebt

Dienstag, 27. März 2018

/detailblick-foto, stockadobecom

Washington – Trotz der bekannten Gefahren, die mit der Förderung von resistenten Bakterien verbunden sind, steigt der Antibiotikaverbrauch in der Humanmedizin unaufhörlich an. Allein zwischen 2000 und 2015 ist die Zahl der definierten Tagesdosen (DDD) weltweit um 65 % gestiegen, wobei vor allem in den Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen (LMIC) immer häufiger Antibiotika eingesetzt werden, während sich laut einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2018; doi: 10.1073/pnas.1717295115) in vielen Ländern mit hohem Einkommen (HIC) ein zurückhaltender Einsatz abzeichnet.

Im Jahr 2015 wurden in den 76 Ländern, zu denen Eili Klein und Mitarbeiter vom US-Forschungszentrum CDDEP („Center for Disease Dynamics, Economics & Policy“) in Washington Daten recherchieren konnten, in der Humanmedizin 34,8 Milliarden definierte Tagesdosen (DDD) verordnet. Dies bedeutet einen Anstieg um 65 % gegenüber dem Jahr 2000, als es noch 21,1 Milliarden DDD waren. Wenn das Bevöl­kerungswachstum berücksichtigt wird, betrug der Anstieg 39 %. 

Der Anstieg geht vor allem auf eine Zunahme in den LMIC zurück. Wurden im Jahr 2000 bezogen auf die Bevölkerung die meisten Antibiotika noch in Frankreich, Neuseeland, Spanien, Hongkong und den Vereinigten Staaten verordnet, so gehörten im Jahr 2015 4 der 6 Länder mit den höchsten Verbrauchsraten zu der Gruppe der LMIC-Länder. In der Türkei, in Tunesien, Algerien und in Rumänien werden, bezogen auf die Bevölkerung, doppelt so viele Antibiotika verordnet wie in Deutschland. 

In den HIC-Ländern gingen die Verordnungen um 4 %von 26,8 auf 25,7 DDD pro 1.000 Einwohner zurück, in den LMIC kam es zu einem Anstieg von 7,6 auf 13,5 DDD pro 1.000 Einwohner. In vielen dieser Länder gibt es demnach noch einen Nachholbedarf, der in den nächsten Jahren – sofern es die wirtschaftliche Entwicklung zulässt – zu einem weiteren Anstieg führen wird.

Die am häufigsten verordneten Antibiotika sind Breitspektrum-Penicilline. Hier kam es zwischen 2000 und 2015 zu einer Zunahme Anstieg um 36 %. Den größten Anstieg verzeichneten die LMIC-Länder, wo die Rate des Antibiotikaverbrauchs um 56 % zunahm, verglichen mit einem Anstieg um 15 % in den HIC-Ländern. 

Besonders stark war der Anstieg in den LMIC-Ländern bei den Cephalosporinen (plus 399 %), den Chinolonen (plus 125 %) und den Makroliden (plus 119 %). Die Verordnungszahlen dieser 3 Antibiotikaklassen ging in den HIC-Ländern um 18 %, 1 % beziehungsweise 25 % zurück.

Besonders beunruhigend ist für Klein ein deutlicher Anstieg bei den Reserveantibiotika in allen Ländereinkommensgruppen. Die USA sind der größte Verbraucher von Glycylcyclinen (Tigecyclin) und Oxazolidinonen (hauptsächlich Linezolid, weil Tedizolid erst 2014 eingeführt wurde). Hier zeichnet sich allerdings seit 2009 eine Wende ab. Während die Verordnungszahlen in den USA zurückgingen, weisen heute Taiwan, Italien, die Türkei und Österreich höhere Verordnungsraten auf. Im Jahr 2012 übertraf sogar Indien die USA in der Verordnung von Oxazolidinonen. 

Die Antibiotika-Verbrauchsrate von Carbapenemen nahm zwischen 2000 und 2015 in den LMIC-Ländern stark zu, sie blieb jedoch weit unter den Verbrauchsraten in den HIC-Ländern. In ähnlicher Weise nahm die Antibiotika-Verbrauchsrate von Polymyxinen (hauptsächlich Colistin) in den LMIC-Ländern zu (vor allem in den reicheren dieser Länder). Die Verordnungen liegen jedoch weiter deutlich unter denen der HIC-Ländern. Die meisten Polymyxine pro Einwohner werden in Spanien, dem Vereinigten Königreich und in Irland verordnet.

Die Verordnung von Antibiotika korreliert in den LMIC eng mit der Wirtschaftskraft der einzelnen Länder, weshalb Klein für die nächsten Jahre mit einem weiteren Anstieg rechnet. Sofern keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden, würden im Jahr 2030 vermutlich 3-mal so viele DDD verordnet werden wie im Jahr 2015.

Die Gefahr einer weiteren Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen könnte laut Klein nur verringert werden, wenn die Zahl der Verordnungen weltweit gesenkt werde, wobei allerdings die Bedürfnisse der LMIC-Ländern zu einem fairen Zugang berücksichtigt werden müssten. © rme/aerzteblatt.de

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klausenwächter
am Montag, 2. April 2018, 02:12

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